Was bewegt Sie? Kleines Dorf, große Herausforderung

Von: Udo Stüßer
Letzte Aktualisierung:
9924766.jpg
Etwa 2300 Einwohner hat der schmucke Ort Teveren, die letzte Gaststätte als Treffpunkt der Menschen hat zum Jahresbeginn geschlossen. Außer Bäckerei und Metzgerei gibt es kein Geschäft mehr, in denen man den täglichen Bedarf decken kann.
9917919.jpg
Nicole Abels-Schell, Gemeindesozialarbeiterin der Caritas, fordert eine Neustrukturierung der Versorgung des ländlichen Raumes. Foto: Udo Stüßer
9917813.jpg
Derweil freute sich kürzlich Bürgermeister Thomas über die Eröffnung eines kleinen Einzelhandelsgeschäftes in Immendorf. Foto: Udo Stüßer

Geilenkirchen. Nicole Abels-Schell denkt oft an die alte Dame. „Was geschieht, wenn die 83-Jährige in ihrem Haus fällt? Das merkt tagelang kein Mensch“, fürchtet die Gemeindesozialarbeiterin der Caritas. Demographie, Mobilität, Einkaufsmöglichkeiten und Energie sind aktuelle Themen. Unsere Zeitung fragt Sie: Was bewegt Sie?

Abels-Schell kennt die Lebenssituation dieser Seniorin bestens: Deren Familie lebt nicht mehr in der näheren Umgebung, ein selbstständiger Einkauf oder ein Arztbesuch in der Stadt sind aufgrund der Gebrechen nicht mehr möglich. In dem kleinen Geilenkirchener Dorf gibt es weder einen Arzt noch ein Geschäft. Die Sozialpädagogin, als Gemeindesozialarbeiterin zuständig für die Städte Übach-Palenberg, Geilenkirchen, Hückelhoven, Erkelenz und Wegberg, kennt die Probleme der alten Menschen im Dorf nur allzu gut. „Sicherlich muss man ihren Wunsch respektieren, so lange wie möglich im eigenen Haus leben zu wollen“, sagt sie.

Dabei nennt sie aber auch die andere Seite der Medaille. „Viele alte Menschen leben alleine in viel zu großen, nicht barrierefreien Häusern im Dorf.“ Familienstrukturen brechen auseinander, die Kinder ziehen fort. Die früher hoch gelobte Nachbarschaftshilfe ist nicht mehr gegeben, die sozialen Kontakte fehlen. „Die Menschen haben einfach keine Zeit mehr, um zu schauen, was in der Nachbarschaft geschieht“, hat Abels-Schell festgestellt.

Das Dorf der Zukunft?

Sicherlich sind sie und neun ehrenamtliche Seniorenbegleiter in Geilenkirchen eine große Stütze für alte Menschen, helfen beim Einkauf oder Arztbesuch oder schneien einfach mal zu einer Tasse Kaffee bei den alten Menschen rein. Doch damit alleine ist es oft nicht getan.

Doch wie kann das Dorf der Zukunft aussehen? „Auf jeden Fall muss die Versorgung des ländlichen Raumes neu strukturiert werden. Besonders wichtig ist der zwischenmenschliche Kontakt, damit die alten Menschen nicht gezwungen werden, aus ihrer gewohnten Umgebung wegzugehen“, erklärt sie. Beispielhaft nennt sie das „Dorv“ (Dienstleistung und ortsnahe Rundumversorgung) in Pannesheide: Hier können die Menschen im Ort Dinge des täglichen Bedarfs einkaufen, eine Pflegekraft ansprechen, Briefe hinterlegen, Kleidung für die Reinigung abgeben oder einfach nur ein Schwätzchen bei einem Kaffee halten.

Wie muss der ländliche Raum gestaltet werden? Diese Frage stellt sich auch Geilenkirchens Bürgermeister Thomas Fiedler und hat dabei den demographischen Wandel fest im Blick. „Wir sind eine der ältesten Gesellschaften, die Geburtenrate ist stark zurückgegangen. Das bekommt man nur über einen sehr langen Zeitraum stabilisiert“, sagt er. Während das Medianalter in Deutschland bei 45,7 Jahren liegt (eine Hälfte der Bevölkerung ist unter 45,7 Jahre, die andere Hälfte über 45,7 Jahre), ist das Medianalter in Japan 45,8 Jahre, in Frankreich 40,6 Jahre, in den USA 37,2 Jahre und in Irland 35 Jahre.

Das Medianalter der Weltbevölkerung liegt bei 29,4 Jahren. Die auf Geilenkirchen bezogenen Zahlen stimmen Fiedler nicht hoffnungslos. „Die Bevölkerungszahl wird in Geilenkirchen gleich bleiben, das gilt übrigens für den gesamten Kreis Heinsberg. Wir rechnen damit, dass sich mehr Menschen aus den Ballungsgebieten auf den Weg nach Geilenkirchen machen“, sagt er.

Fiedler weiß, dass der Ausgleich der Bewohnerzahl nicht alleine durch Geburten, sondern durch Zuzüge geschehen kann. „Deshalb müssen wir in unseren Industriegebieten Betriebe ansiedeln, die viele Arbeitsplätze schaffen und nicht nur Abstellfläche für Indu–striegüter bieten.“ Auch wenn es gelingt, dass die Bevölkerungszahl stabil bleibt, ist eines ganz sicher: Es wird immer mehr ältere Menschen geben. Dabei hat Fiedler ein klar definiertes Ziel: selbstbestimmtes Wohnen dieser Menschen bis ins hohe Alter in häuslicher Umgebung.

Barrierefreie Wohnungen

In Geilenkirchen werden in nächster Zeit 108 barrierefreie Wohnungen durch private Investoren gebaut. Doch wie sieht es in den 30 Geilenkirchener Dörfern und Weilern aus? „Mobilität und Grundversorgung sind da ganz wichtig“, weiß der Bürgermeister und denkt dabei an über 100 Bürgerbus-Initiativen im Land. Ehrenamtliche Fahrer könnten, so eine andere Idee, einen Verein gründen und in Kooperation mit einem Verkehrsanbieter Fahrten von den Dörfern in die Stadt übernehmen.“

Spricht Fiedler über die Zukunft des ländlichen Raumes, ist der Fachkräftemangel für ihn ein Thema. Es gibt weniger junge Menschen, dabei ist immer mehr Qualifikation gefragt. „Es gibt immer weniger Nachfrage nach niedrigschwelligen Berufen. Wir müssen die Abwanderung von Hochqualifizierten verhindern und die Region so attraktiv machen, dass junge Menschen aufs Land kommen.“

Thema Energiewende: Man müsse bereits jetzt im ländlichen Raum die Zukunft nach der Braunkohle planen und sich von einer Energieregion der Braunkohle zu einer Energieregion neuen Typs entwickeln. „Alleine die drei Windräder in Tripsrath versorgen 4000 Haushalte“, plädiert er für eine dezentrale Versorgung. Die Stadt Geilenkirchen jedenfalls wird in nächster Zeit einen Klimaschutzmanager einstellen. Der soll das Klimaschutzprogramm der Stadt mit Leben füllen.

„Wer kauft die alten Häuser in den Dörfern? Viele müssen energetisch und barrierefrei saniert werden. Wir müssen eine Balance schaffen zwischen der Ausweisung von Neubaugebieten und Anreizen zur Sanierung von Häusern in den Dorfkernen“, erläutert Fiedler. Eine ausführliche Beratung in allen Facetten durch die Stadt ist ein Bestandteil des Klimaschutzkonzeptes.

Bei der Zukunft des ländlichen Raumes geht es nicht nur um Mobilität und Versorgung, der Ruf nach dem Staat reiche nicht aus. „Wir müssen wegfallende Strukturen ersetzen, wir brauchen neue Strukturen nachbarschaftlicher Hilfe und neue Formen des Zusammenlebens, ob im Mehrgenerationenhaus oder in der Senioren-Wohngemeinschaft“, sagt Fiedler und versichert: „Wir stehen vor großen Herausforderungen, wir werden sie bewältigen.“

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert