Warum hat Bruno W. seine Familie ermordet?

Von: Marlon Gego
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Der Tatort: Das Haus der Famil
Der Tatort: Das Haus der Familie in Hombourg, Ostbelgien. Dort ermordete Bruno W. aus Gangelt im Oktober 2007 seine Frau Irene, damals 61, seine Tochter Helena (19) und seinen Sohn Valentin (17). Danach zündete er den Hof an. Der Dachstuhl des Anbaus ist abgebrannt. Foto: gego, dpa

Hombourg/Aachen. Der Ort, an dem Bruno W. seine Familie ermordet hat, beantwortet keine Fragen. Es ist ein kleines Grundstück im Irgendwo Ostbelgiens, ein Haus mit angeschlossenem Stall und Scheune und Schaukel im Garten.

Im Badezimmer steht noch das Duschgel neben der Badewanne, im Atelier im ersten Stock hängen ein paar Zeichnungen der Ehefrau.

Der Ort wäre das Muster einer angenommenen Normalität, würde er nicht an zwei Stellen das Grauen andeuten, das sich dort wie aus dem Nichts am 25. Oktober 2007 ereignet hat, einem Donnerstag: die über die Jahre schwarz gewordene Blutlache in der Diele und der abgebrannte Dachstuhl des Anbaus.

Vorvergangene Woche ist der gebürtige Gangelter Bruno W., 62, vom Regionalgericht in Lüttich wegen Mordes an seiner Frau und seinen beiden Kindern zu lebenslanger Freiheitsstrafe verurteilt worden. An seiner Schuld bestand nie ein Zweifel, die Morde gestand er schon am Tag der Tat. Die Polizei hatte er selbst gerufen. Und doch hat sich das Gericht nur vordergründig Mühe gegeben, die Gründe der für Angehörige, Freunde und Bekannte bis heute völlig unerklärlichen und unerwarteten Tat zu finden.

An den fünf Prozesstagen wurden 80 Zeugen und drei unerfahrene Sachverständige gehört, aber das Gericht ließ sich lediglich die Aussagen bestätigen, die gegenüber der Polizei im Laufe der Jahre gemacht worden waren. Was W. zu seiner Tat trieb, hat das Gericht nicht herausgefunden und, schlimmer, es gemessen an deutschen Maßstäben auch gar nicht recht versucht.

Zerstört und ausgelöscht

Um im Ansatz begreifen zu können, was in Bruno W. vorgegangen sein mag und was ihn zu der Tat getrieben hat, muss man sich vergegenwärtigen, wie er sie begangen hat. Bruno W. hat seine Familie nicht einfach nur getötet. Insgesamt schlug er mit einer Axt mehr als 50 Mal auf seine Frau und seine damals 19 und 17 Jahre alten Kinder ein, seine Tochter strangulierte er zusätzlich noch mit einem Elektrokabel. Danach zündete er den kleinen Hof an drei Stellen an. An jenem Donnerstag im Oktober 2007 hat Bruno W. seine Familie nicht einfach nur getötet; er hat sie zerstört, ausgelöscht, nichts mehr von ihr übrig lassen wollen.

Warum macht jemand so etwas, der als exzellenter Pädagoge gilt, hochintelligent ist und von Freunden, Bekannten und Kollegen als ruhig, besonnen, hilfsbereit, weich und konfliktscheu beschrieben wird?

Bruno W. sagte vor Gericht aus, er habe an diesem Tag im Wahn gehandelt. Aber die Tatsache, dass er morgens seine Tochter Helena ermordete, mittags seine Frau Irene D. und nachmittags seinen Sohn Valentin, bestätigt dies in keiner Weise. Auch die psychologischen Sachverständigen kamen vor Gericht zu einem anderen Schluss: zu dem, dass Bruno W. mit Kalkül gemordet haben muss. Im Verhör bei der belgischen Polizei hatte er außerdem zu Protokoll gegeben, schon vor der Tat darüber nachgedacht zu haben, seine Familie zu töten.

15 Jahre später

Die Lebensgeschichte von Bruno W., die sich aus Prozessakten und den Recherchen unserer Zeitung ergibt, liest sich als Geschichte des Scheiterns. Seine Eltern wurden nach dem Krieg aus Schlesien vertrieben und in Gangelt im Kreis Heinsberg angesiedelt, wo sie schon aufgrund ihrer Herkunft isoliert waren. W.s Mutter starb kurz nach seiner Geburt, wovon er erst 15 Jahre später erfuhr. Bis dahin hatte er seine Stiefmutter für seine leibliche Mutter gehalten.

Die Stiefmutter hatte Probleme, zu ihren beiden leiblichen Kindern, W.s Halbgeschwistern, eine emotionale Beziehung aufzubauen, mit Bruno war es ihr unmöglich. Sie sprach oft tagelang nicht mit ihm, vor Gericht war die Rede von seelischen Grausamkeiten und einer von Misstrauen geprägten Beziehung. Auch der Vater war Bruno W. kein Ansprechpartner. Nicht nur, weil sein Vertriebenenschicksal eigentlich zu groß für sein Leben war, sondern auch, weil er ebenso verschlossen war wie Bruno W., depressiv, isoliert und unkommunikativ.

W. war ein wissbegieriges Kind mit großem Interesse an Büchern, dem er aber nicht in dem Maß nachgehen konnte, das er sich gewünscht hätte; sein Vater schätzte W.s Leidenschaft nicht besonders, außerdem brauchte er Bruno als Arbeitskraft auf dem kleinen Selbstversorgerhof.

W. war mit Intelligenz gesegnet, aber die Eltern konnten ihn keine Empathie lehren, keine Kommunikation, nicht vorleben, wie man sich sozialisiert. Bruno war sich überlassen und in allem Zwischenmenschlichen auf sich gestellt. Um familiärem Ärger aus dem Weg zu gehen, eignete er sich schon als Kind Strategien an, seine Eltern zu manipulieren, Konfliktvermeidungsstrategien zu erfinden. Vielleicht der Grund, aus dem er später Pädagoge wurde. Freunde hatte er keine, in der Schule blieb er Außenseiter, im Studium später auch. Er konnte nicht auf andere Menschen zugehen, das hat sich bis heute nicht geändert.

Ein ehemaliger Hochschullehrer sagt heute, W. sei ein sehr guter Pädagogik-Student gewesen. Seine Diplomarbeit sei zum Zeitpunkt ihrer Veröffentlichung, 1978, derart herausragend und zukunftsweisend gewesen, dass dies damals niemand so recht habe würdigen können. Bruno W. blieb die Anerkennung versagt, die ihm zustand.

Daran änderte sich auch während seiner beruflichen Tätigkeit nicht viel. Als hochintelligenter Mensch mit enormem Potenzial hätte ihm möglicherweise eine wissenschaftliche Karriere offengestanden; aber für begehrte Stellen reicht fachliche Qualifikation allein selten aus. Und an vielem anderen fehlte es Bruno W.: an Selbstbewusstsein, an Verbindungen, daran, seine Arbeit an höheren Stellen verkaufen, ins rechte Licht setzen zu können.

Statt als Pädagogikprofessor arbeitete er auf freiberuflicher Basis zunächst als Referent an den Volkshochschulen Jülich und Aachen, bis er, wohl aufgrund von Depressionen, unzuverlässig und daher nicht mehr gebucht wurde. Bis dahin war er ein überaus beliebter Referent.

1994 begann er eine vom Arbeitsamt finanzierte Umschulung zum Buchhändler, doch außer einer kurzen Aushilfsstellung nach der Umschulung fasste er auch in dieser Branche nicht Fuß. Stattdessen betreute er ab 2000 für eine Jugendhilfeeinrichtung schwierige Heranwachsende. Seine Engagement endete 2004 in Unstimmigkeiten. 2005 wurde er für eine andere Einrichtung tätig.

In der Zeit vor den Morden betreute Bruno W. den aggressiven Dennis G., bei dem er, der brillante Pädagoge, zum ersten Mal an seine Grenzen stieß. Mit Nachsicht, Freundlichkeit, Ruhe und Besonnenheit kam er ihm nicht bei, im Gegenteil: Bruno W. wurde von Dennis G. verprügelt. Für W. muss das entwürdigend und die Manifestierung seines endgültigen Scheiterns gewesen sein, seines Scheiterns auch als Pädagoge. Er kündigte. Die Gründe dafür hielt er vor seiner Familie geheim. Niemand sollte von seinem erneuten Scheitern erfahren.

Statist im eigenen Leben

Der vielleicht einzige auch als solcher empfundene Erfolg in W.s Leben war, trotz seiner einsamen Kindheit, die er nie mehr loswurde, eine eigene Familie gegründet zu haben. Bekannte berichten, W. sei ein auffallend stolzer Vater gewesen. Doch während Bruno W. nach seiner Kündigung stärker denn je mit Depressionen kämpfte und nichts mehr zum Unterhalt der Familie beitragen konnte als das Geld vom Arbeitsamt, musste er mit ansehen, wie seine Frau und seine beiden Kinder etwas führten, das man als erfülltes Leben bezeichnen kann.

Helena, die Tochter, blühte nach einem Schulwechsel nach Schweden auf. Sie war von zu Hause ausgezogen und nicht mehr auf ihre Eltern angewiesen. Das verschlossene Mädchen öffnete sich, verliebte sich in einen Jungen, den sie vergötterte, wie Zeugen der belgischen Polizei berichteten. Sie fand eine neue männliche Bezugsperson.

Valentin, der Sohn, war ein extrovertierter intelligenter Junge, der die Lebensfreude seiner Mutter ausstrahlte. Für Bruno W. war absehbar, dass auch Valentin nicht mehr lange zu Hause leben würde. Freunde der Familie berichten überdies, dass Bruno W. sich von seinem Sohn widerstandslos demütigen ließ. Nichts Schlimmes, aber W. habe sich schlichtweg alles bieten lassen, ließ sich vom Sohn im Haus umherkommandieren. Wie es Eltern schon mal ergeht, die nicht in der Lage sind, ihren Kindern Grenzen aufzuzeigen.

Und seine Frau schließlich, Irene D., hatte 2003 zu zeichnen begonnen, ambitioniert, nachdem sie ihre Stelle als Museumspädagogin auch wegen Streitigkeiten am Arbeitsplatz reduziert hatte. 2005 stellte sie bei der Sparkasse in der Aachener Elisengalerie aus und badete in der neuen Aufmerksamkeit.

Ihre Werke verkauften sich ganz gut, für sie begann ein neuer Lebensabschnitt, in dem Bruno W. möglicherweise eine andere Rolle spielte als zuvor. Bruno W.s Familie war weder finanziell noch emotional auf ihn angewiesen. Frau und Kinder standen im Leben. Bruno W. war in seinem Leben ein gescheiterter Statist und in dem seiner Familie auch, zumindest kam er sich so vor.

Alle drei Sachverständigen erklärten, Bruno W. sei nur eingeschränkt fähig, seelische Empfindungen an sich wahrzunehmen und sich seine Psyche zu erklären. Die Gutachter charakterisierten Bruno W. vor Gericht zwar als ängstlich, selbstunsicher und paranoid; andererseits attestierten sie ihm einen ausgeprägten Narzissmus. Narzissten, heißt es, neigen zu Selbstgerechtigkeit.

Die Gutachter sprachen von „einer gegenläufigen Persönlichkeitsakzentuierung”. Ein Aachener Neuropsychologe erklärte, dies könne ein Hinweis auf eine hirnorganische Erkrankung sein. Weitere Untersuchungen veranlasste das Gericht aber nicht. Die Frage, ob Bruno W. an einer psychischen Störung leidet oder während der Tat gelitten hat, blieb in letzter Konsequenz unbeantwortet.

Hinweise gab es, Beweise nicht

In dem Jahr vor der Tat zog sich Bruno W. noch weiter in sich zurück, als seine Umwelt es ohnehin von ihm gewohnt war. Seine Frau und einige Freunde rieten ihm, sich professionelle Hilfe zu suchen. Von seinen früheren Freunden glauben einige, er muss sich in Anbetracht der Lebensfreude seiner Familie sehr verlassen vorgekommen sein. So verlassen, wie er sich als Kind und Jugendlicher auf dem elterlichen Hof vorgekommen war?

Der Aachener Psychiater und erfahrene forensische Gutachter Henning Saß sagte im Gespräch mit unserer Zeitung, dass das Gefühl der Verlassenheit allein wahrscheinlich nicht der Anlass für eine grausame Tat wie die gewesen sei, die Bruno W. Ende 2007 beging. Für eine solch eruptive Zerstörungswut, für solches Aggressionspotenzial müsse es schon vorher Hinweise gegeben haben.

Hinweise gab es, Beweise aber nicht. Das Lütticher Gericht beschäftigte sich nicht weiter mit der Frage, ob W. seine Tochter Helena sexuell missbraucht oder zumindest sexuelles Interesse an ihr gehabt hat. Indizien gab es. So stellte etwa die Polizei Blutspuren in Helenas Unterhosen sicher, die W. zugeordnet wurden. Zeugen sagten der Polizei, Helena habe Angst vor ihrem Vater gehabt. Bruno W. selbst sagte, ein sexuelles Interesse an ihr sei „Spekulation”.

Andere Zeugen, die von lauten Auseinandersetzungen der Familie berichteten, bei denen Gegenstände durch das Haus geflogen seien, konnten nicht zuordnen, von wem der Streit ausging. Das Gericht hat dieser womöglich wichtigen Frage im Prozess keine Aufmerksamkeit geschenkt. Eben- so wenig wie den Briefen, die W. aus der Haft an alte Freunde oder Weggefährten schrieb.

Die Briefe waren oft herablassend, ironisch und drohend. Vielleicht nicht in strafrechtlich relevanter Hinsicht, aber doch bedrohlich genug, dass es einige Menschen in Aachen mit der Angst zu tun bekamen, als W. neun Monate vor dem Beginn seines Prozesses Mitte Februar aus formaljuristischen Gründen vorübergehend aus der Untersuchungshaft entlassen werden musste.

Eine frühere Bekannte zog aus lauter Angst vor W. zu Hause aus und versteckte sich bei einer Freundin. Die frühere Schule von Helena und Valentin erhielt Polizeischutz. Und andere trauten sich bei Dunkelheit kaum noch vor die Tür. Frühere Freunde erkannten W. nach dem 25. Oktober 2007 nicht wieder.

Eine Hülle, ein Schatten

Ein Bekannter der Familie sah, wie Bruno W. am Tag der Tat von der Polizei vor seinem Haus in Hombourg abgeführt wurde. W. saß regungslos in Handschellen im Polizeiwagen. Der Bekannte sagt, er habe dort eine Hülle sitzen sehen, einen Schatten. Einen Menschen, aus dem das Leben gewichen zu sein schien. Nichts mehr erinnerte an W. außer der schwarzen Lederjacke, die er meistens trug, auch an diesem Tag. Von Bruno W., dem früheren Freund, sei nichts mehr übriggeblieben.
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