Warum der deutsch-französische Motor derzeit etwas stottert

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Geilenkirchen. Als am 8. Juli 1962 der damalige französische Präsident Charles de Gaulle und der damalige deutsche Bundeskanzler Konrad Adenauer während eines Gottesdienstes in der Kathedrale von Reims gemeinsam das „Te Deum” sangen, verfehlte dieser als Appell an die verbindenden Traditionen des Abendlandes zu verstehende Augenblick seine Wirkung nicht.

„Die Nachkriegsjahre waren damit auch symbolisch abgeschlossen”, und der Weg für einen deutsch-französischen Freundschaftsvertrag sei somit geebnet gewesen, so Prof. Armin Heinen von der RWTH Aachen zu Beginn eines Vortrags in Haus Basten.

Die Vorsitzenden der Europa-Union Geilenkirchen und des Partnerschaftsvereins Geilenkirchen-Quimperlé, Prof. Gerd Wassenberg und Willy Davids, begrüßten rund 50 Zuhörer zu dem Vortrag des Aachener Wissenschaftlers und Kenners der deutsch-französichen Partnerschaft. Sie wurden nicht enttäuscht. Denn Heinen gelang es, kurzweilig, sehr informativ, mit Bildern, Zeichnungen und Karikaturen unterlegt, rasch die Aufmerksamkeit der Anwesenden zur Würdigung des 50. Jahrestages der Unterzeichnung des deutsch-französischen Freundschaftsvertrages zu finden.

Der in die europäische Geschichte als Elysée-Vertrag eingegangene und am 22. Januar 1963 unterzeichnete Freundschaftsvertrag war wegen des französischen Misstrauens gegenüber den USA sicher auch ein außenpolitisches Kalkül der Franzosen gewesen. Der Vertrag sah regelmäßige Treffen von Ministern vor. „Das war gut”, so Heinen, und er legte den Grundstein für das Deutsch-Französische Jugendwerk. Der Vertrag führte, nachdem seit Mitte der 50er Jahre bereits ein wechselseitiger Meinungsumschwung in der deutschen und französischen Bevölkerung festzustellen war, zu einer Reihe von Partnerschaften zwischen Kommunen beider Länder. Am 28. Januar 1967 feierten Aachen und Reims ihre Städtepartnerschaft, nachdem bereits ein Jahr zuvor die Städtepartnerschaft zwischen Geilenkirchen und Quimperlé besiegelt worden war. In den 60er Jahren ging es Frankreich noch darum, der Bundesrepublik eine Perspektive zu geben und Frankreich mit Hilfe Deutschlands zu stärken.

Deutschland zähmen

Die französische Politik wandelte sich alsbald und zielte darauf, so Heinen, „Deutschland zu zähmen”. Bei ihrem Treffen in Aachen am 14. und 15. September 1978 vermieden Helmut Schmidt und Giscard d’Estaing „jede große Gebärde und stellten vor allem die Fortschritte bei der Gründung des Europäischen Währungssystems heraus.“ Ihre jeweiligen Nachfolger Helmut Kohl und Francois Mitterrand hatten laut Heinen ein ganz anderes Gespür für Symbole, als sie am 22. September 1984 den großen Auftritt an den Gräbern der Gefallenen des Ersten Weltkrieges zelebrierten. Die Frage, weshalb gegenwärtig „der deutsch-französische Motor” stottere, beantwortete Heinen in sechs Punkten. Angesichts der zunehmenden Verzahnung beider Gesellschaften werden nach seiner Ansicht sich einander ergänzende Interessen kaum mehr möglich.

Zum Zweiten träten unterschiedliche wirtschaftspolitische Traditionen deutlich zutage. Weiterhin erscheine die Vorstellung eines starken und selbstbewussten Frankreichs als Basis der binationalen Kooperation erschüttert. Seit 1989 komme es außerdem in der deutschen Außenpolitik immer wieder zu Interessensgegensätzen mit Frankreich.

Nicht zuletzt sei für die heutigen Politiker das gute deutsch-französische Verhältnis eine Selbstverständlichkeit geworden. Und schließlich führe ein allzu forsches deutsch-französisches Auftreten auf europäischer Ebene bei EU-Partnern zum Gefühl einer neuen zu starken Achse.

Mit dem Hinweis, dass selbst auf der Ebene der Symbole inzwischen attraktive Visionen fehlten, beendete Prof. Armin Heinen seine interessante und sachliche Bilanz von 50 Jahren deutsch-französischer Freundschaft. Heinen geht der Frage nach, weshalb erst 22 Jahre nach dem Krieg die Städtepartnerschaft zwischen Reims und Aachen möglich wurde und wie sie sich seitdem entwickelt hat.

Die „Jumelage” zwischen beiden Städten steht hier für die Geschichte der deutsch-französischen Beziehungen. Der Aachener Historiker und Politikwissenschaftler stellt Bilder und Karikaturen als Quellen vor und interpretiert sie. Damit öffnet er den visuelle Raum des Politischen und erweitert den Blick des Betrachters über die jeweiligen Interessen und gesellschaftlichen Verflechtungen hinaus.

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