Geilenkirchen - War der SEK-Einsatz verhältnismäßig?

War der SEK-Einsatz verhältnismäßig?

Von: Thorsten Pracht und Udo Stüßer
Letzte Aktualisierung:
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Berechtigter Einsatz in Langbroich oder nicht: Durch solch eine Vorgehensweise werden die Menschen auch auf dem Land nervös. Foto: CUH

Geilenkirchen. „Solch ein Polizeieinsatz macht die Menschen nervös. Der SEK-Einsatz war starker Tobak“, erklärt Gangelts Bürgermeister Bernhard Tholen einen Tag nach dem massiven Einsatz im idyllischen Gangelter Ortsteil Langbroich.

Tholen war am Montagnachmittag auf dem Weg zur einer Diamantenen Hochzeit, als seine Sekretärin ihn per Telefon über den Einsatz informierte. Sie selbst hatte die Information vom Ordnungsamt erhalten. Zu dem Zeitpunkt war der Einsatz in dem 600-Seelen-Dorf schon im Gange.

Ein Zeuge hatte zuvor die Polizei darüber informiert, dass sich mehrere Personen arabischer Abstammung in der Asylbewerberunterkunft an der Quellstraße aufhalten würden. Laut dem Zeugen sollen die Unbekannten aus Paris und Belgien angereist sein, hatte die Polizei am Abend erklärt. Bei der Durchsuchung des Hauses, in dem etwa zehn Asylbewerber leben, wurde lediglich ein 28-jähriger, aus Tunesien stammender Mann festgenommen, gegen den ein Haftbefehl zur Abschiebung vorliegt. Ein 18-jähriger Syrer wurde wieder freigelassen, nachdem seine Identität geklärt war.

Während Bernhard Tholen von „erschreckten Menschen“ in Langbroich spricht, liest sich das auf Facebook etwas anders: „Das ist echt unheimlich. Da muss man ja Angst haben auf die Straße zu gehen“, schrieb am Montagnachmittag eine Nutzerin in der Facebook-Gruppe „Du bist aus Gangelt, wenn“. Ein anderer Kommentator mutmaßte, in Langbroich fänden wohl Dreharbeiten zu „Stirb langsam“ statt.

In der Tat war die Szenerie einschüchternd. Wer von Birgden aus kommend an der Selfkantbahn entlang fuhr, wurde am Bahnhof von einer Polizeisperre empfangen, die Beamten trugen gut sichtbar Maschinenpistolen. Auf der Straße spielte sich ein Großeinsatz ab, im Internet wurden bereits zahlreiche Bilder gepostet.

Während sich die belgische Hauptstadt Brüssel im Zeichen der Terrorangst weiter im Ausnahmezustand befindet, sagt Tholen in Gangelt: „Man muss langsam wieder zur Normalität zurückkommen. Man bringt uns so weit, dass man das Haus nicht mehr verlässt.“ Die Bürger und auch die Gemeindeverwaltung seien verunsichert, weil man die Gefahrenlage nicht kennt. „Solch ein Einsatz wie am Montag kann natürlich berechtigt sein. Aber uns allen fehlen die Detailinformationen. Und das erschreckt die Menschen.“

Polizei zurückhaltend

Sicherlich: Wenn es um Detailinformationen geht, ist die Polizei recht zurückhaltend: „Die Anzahl der am Einsatz beteiligten Kollegen nennen wir aus taktischen Gründen nicht“, sagt Angela Jansen von der Kreispolizeibehörde Heinsberg. Damit würde man potenziellen Tätern Rückschlüsse auf die Einsatztaktik der Polizei geben. „Es geht um unsere Sicherheit, aber auch um die der Bevölkerung“, erklärt Jansen. Auch die Information, vom wem der Hinweis auf die verdächtigen Personen in Langbroich konkret erging, darf die Polizeisprecherin nicht weitergeben.

Die Vermutung, jemand könnte bezweckt haben, die Flüchtlinge in der Unterkunft an der Quellstraße in Zusammenhang mit den Terroranschlägen von Paris zu rücken, liegt durchaus nahe. Zumal das benachbarte Schierwaldenrath als ein Treffpunkt der rechten Szene im Kreis Heinsberg gilt. „Der Hinweis ist von uns verifiziert worden. Wir würden nicht nach jedem x-beliebigen Hinweis eine solche Maschinerie in Gang setzen“, bekräftigt Jansen.

Sowohl Bürgermeister Bernhard Tholen als auch Langbroichs Ortsvorsteher Harry Himpel loben derweil die Hilfsbereitschaft der Bevölkerung gegenüber den 180 in der Gemeinde Gangelt lebenden Flüchtlingen, davon 33 in Langbroich, und betonen, dass es nie Beschwerden gegeben hat. Weder die Flüchtlinge noch die Bevölkerung machten Probleme.

Bis auf wenige Ausnahmen. Vor rund zweieinhalb Wochen gingen Hassbriefe mit fremdenfeindlichen Meinungsäußerungen bei ViaNobis, Ratsmitgliedern und Bürgermeister Tholen ein, nachdem bekannt geworden war, dass die Turnhalle an der Gangelter Hauptschule in ein Flüchtlingscamp verwandelt wird. „Müsst Ihr jetzt auch noch ein Terroristennest daraus machen? Ihr müsst euch einmal in eurer Gangelter Klapsmühle untersuchen lassen, ob Ihr noch alle Tassen im Schrank habt“, schreibt ein anonymer „bisheriger CDU Wähler“ an Tholen, und fordert nach einigen Beleidigungen dazu auf, die Halle abzufackeln. Daraufhin wurde der Staatsschutz eingeschaltet. Die Staatsschützer haben den Vorgang zwischenzeitlich zwecks strafrechtlicher Bewertung an die Staatsanwaltschaft gegeben.

Langbroichs Ortsvorsteher Harry Himpel hat nach dem SEK- Einsatz mit etlichen Menschen in seinem Dorf gesprochen. „Verängstigt war eigentlich niemand. Die Bürger fragen nur, was da passiert ist“, sagt er und sieht nach einem solchen Vorgehen der Polizei eine ganz andere Gefahr: „Die Menschen helfen den Flüchtlingen. Wir bieten Deutschkurse an, versorgen sie mit Fahrrädern und bauen in wochenlanger Arbeit Solidarität auf. Nach solchen Einsätzen muss man darauf achten, dass die Stimmung und die Solidarität nicht umschlagen.“

Angst, so sagt der Ortsvorsteher, hätten die Dorfbewohner nicht. „Angst hatten die Flüchtlinge, mit denen ich mich unterhalten habe. Sie haben ihre Heimat und ihre Familie verloren. Sie fragen: Ist das hier wie bei uns zu Hause? Warum werden wir hier mit dieser Heftigkeit überprüft?“, erklärt Himpel, der aber auch sagt: „Ob solch ein Einsatz gerechtfertigt ist, kann ich nicht beurteilen.“

Was Tholen und Himpel gleichermaßen wundert, ist die Tatsache, wie später über solch einen Einsatz in der Bevölkerung berichtet wird: „Da erzählte mir jemand, es seien auch Schüsse gefallen“, berichtet Himpel. Das aber war eindeutig nicht der Fall.

Angesichts der weiter drohenden Terrorgefahr werden derzeit aufgrund der Grenznähe besonders an der belgisch-deutschen Grenze zwischen Aachen-Brand und Lichtenbusch verstärkt Kontrollen vorgenommen. Zuständig dafür ist die Bundespolizei.

Ob aufgrund der Grenznähe auch im Westen des Kreises Heinsberg derzeit besondere Maßnahmen ergriffen werden, darüber wollte die Bundespolizei Aachen am Dienstag auf Anfrage keine Auskunft geben. Man habe über 200 Kilometer Grenze zu Belgien und den Niederlanden im Auge zu behalten, und der Auftrag der Terrorabwehr genieße derzeit oberste Priorität. Konkrete Aussagen, wo und wie kontrolliert werde, gebe es nicht.

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