Vortrag in der Realschule: Menschenleben für 7,50 Gulden

Letzte Aktualisierung:
12378494.jpg
Das einzige, was dem gebürtigen Amsterdamer von seiner Familie erhalten ist, sind die drei Teile des Bestecks der Eltern.

Gangelt. Fanny war nicht zu Hause an dem Tag, als ein SS-Kommando das Haus Amstelkade 72 in Amsterdam stürmte. Das Mädchen hatte sich einige Minuten vorher den linken Arm mit heißem Wasser verbrüht und war von Nachbarn in ein Krankenhaus gebracht worden.

Als sie zurück nach Hause zurückkam, waren ihre Eltern und ihre beiden Brüder nicht mehr da. Die SS hatte sie abgeholt, um sie in das für niederländische Juden vorgesehene Durchgangslager Westerbork im Norden des Landes zu deportieren.

Jack Aldewereld, geboren 1940 in Amsterdam und heute wohnhaft in Brunssum, hatte die ungeteilte Aufmerksamkeit seiner jungen Zuhörer, als er den 140 Mädchen und Jungen der Realschule, der Hauptschule und der Gesamtschule Gangelt-Selfkant seine dramatische Lebens- und Familiengeschichte erzählte.

In Sicherheit gebracht

Während seine fünf Jahre ältere Schwester Fanny – versteckt bei Nachbarn – die vier Jahre der Besatzung und des Nazi-Terrors überlebte, wurde Jack wie 250 andere jüdische Kinder von Amsterdam in eine Pflegefamilie nach Limburg gebracht. Die Mitglieder des jüdischen Widerstandes in Amsterdam hatten alles akribisch vorbereitet: Eher hellhäutige Kinder mit einer hellen Haarfarbe wurden in den Norden der Niederlande gebracht, Kinder mit einer dunklen Haarfarbe wurden nach Limburg geschickt, weil in den dortigen Kohlezechen eine große Anzahl von Bergleuten aus südlichen Ländern arbeitete. Die Widerstandskämpfer trugen die Namen der Kinder in Listen ein, die den Krieg überstanden.

Das Einzige, das Jack und Fanny von ihren Eltern verblieb, sind drei Teile eines silbernen, mit Perlmutt belegten Vorlegebestecks, die er seinen aufmerksamen Zuhörern zeigte. Denn ihre Eltern und die beiden Brüder wurden von Westerbork in drei Tagen ohne Nahrung und Wasser nach Sobibor in Polen gebracht und in einer Gaskammer ermordet, berichtete Jack.

In den 1950er Jahren schließlich habe Fanny nach ihrem kleinen Bruder gesucht und ihn tatsächlich gefunden. Welch ein Tag des Glücks und der Freude, erinnert sich der 76-Jährige. Nach dem Krieg wurde Jack Aldewereld einer der offiziellen Sprecher für das ehemalige Camp Westerbork und hält als solcher an niederländischen Schulen Vorträge über die Geschichte des Lagers und der Deportationen der Juden.

Bei dem Besuch in Gangelt drückte er seine große Freude darüber aus, dass er nun zum ersten Mal von drei deutschen Schulen eingeladen wurde.

Und die Schilderungen des Zeitzeugen waren eindringlich und schockierend. Er erwähnte zum Beispiel, dass damals ein Menschenleben damals genau 7,50 Gulden wert war: Wer einen versteckten Juden verriet, erhielt diesen Betrag von der SS. Er erzählte auch von den streikenden Bergleuten in den Zechen Südlimburgs, die den Deutschen sagten: „Für euch holen wir keine Kohle aus dem Berg.“ Aus Rache wurden die Wortführer nach Nord-Limburg gebracht und erschossen. Weiter sprach er von den 25000 Niederländern, die sich freiwillig zur SS meldeten, und von einer gleich großen Zahl, die sich bei der deutschen Wehrmacht verpflichteten. Er vergaß aber auch nicht, deutsche Widerstandskämpfer zu erwähnen wie Dietrich Bonhoeffer und Pastor Martin Niemöller oder die Geschwister Scholl.

Ehrenmal für Pflegefamilien

Und er erzählte auch von den Erlebnissen nach dem Krieg: Vor mehr als 30 Jahren überlegten er und andere Überlebende, wie sie ihren limburgischen Pflegeeltern danken könnten. Die Lösung sei schließlich die Errichtung eines Denkmals in einem Park in Brunssum gewesen. Doch zuvor wollten sie die anderen der 250 jüdischen Kinder suchen, die damals in den Niederlanden in Sicherheit gebracht wurden. 200 von ihnen waren noch am Leben im Jahr 1989, als man sich in Brunssum traf, um gemeinsam das gestiftete Ehrenmal einzuweihen.

Jack Aldewereld steigen noch heute die Tränen in die Augen, wenn er an diesen Tag der Freude und an ihre wundersame Errettung vor den Todesfabriken der Nazis denkt. Er schloss seine Ausführungen mit einem Appell an alle Anwesenden: Die Bürger in Westeuropa sollten dankbar sein für die lange Friedensperiode von 70 Jahren. Und insbesondere die jungen Menschen sollen dafür sorgen, dass die Welt sich zum Besseren verändert.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert