Vormundschaft: Die Verantwortung für das Leben anderer

Von: Naima Wolfsperger
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Prospekt Vormund
Bei der Wahl der Pflegefamilien stehen persönliche Vorstellungstermine an, Schulungen und polizeiliche Führungszeugnisse werden eingefordert. Foto: dpa
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Sonja Frings ist für Kinder und Jugendliche verantwortlich. Foto: nai

Geilenkirchen. Der Begriff stammt aus dem Mittelalter: „munt“, „Schirm, Schutz, Gewalt“. Mündig zu werden, das hieß alt genug zu sein, um eine Waffe führen zu können – denn nur wer mit Waffen umgehen konnte, der konnte sich auch selbst verteidigen. Sonja Frings muss ihre Schützlinge nicht mit dem Schwert verteidigen. Trotzdem ist die Aufgabe verantwortungsvoll und auch nicht immer einfach.

Sonja Frings hat beim Jugendamt in Geilenkirchen seit Februar 2016 die Vormund- und Pflegschaft für 18 Kinder und Jugendliche inne – und muss für diese lebenswichtige Entscheidungen treffen. „Formale Angelegenheiten gehören zu meiner Arbeit“, sagt Frings. Sie unterschreibt beispielsweise Einverständniserklärungen für Impfungen oder vor Operationen und kümmert sich um die Anmeldung in der Kita oder in weiterführenden Schulen.

Über das Leben entscheiden

Es gibt aber auch ganz konkrete Pflichten, Treffen mit den Kindern, Besuche von Elternabenden, Absprachen mit Ämtern oder mit den Pflegeeltern. Auch müssten Entscheidungen getroffen werden, gegen die man sich emotional nur schwer abschotten könne, sagt die 33-Jährige. Einer ihrer Schützlinge hat beispielsweise einen Gehirntumor. „Natürlich hoffe ich bei jeder Untersuchung auf eine Besserung.“

Auch wenn ihr die Zustimmung für die Magnetresonanztherapie leicht falle, denn schließlich wolle sie ja wissen, wie es dem Kind gehe. „Schwerer würden mir wohl Entscheidungen fallen wie etwa ein Schwangerschaftsabbruch bei einer Minderjährigen.“ Bei ärztlichen Behandlungen folge sie, wie ganz normale Eltern das eben auch tun würden, den Empfehlungen der Ärzte.

Bei einer Fortbildung habe sie aber eine Kollegin kennengelernt, die für ein schwerbehindertes Kind eine Patientenverfügung ausgestellt hat. „Das ist nicht leicht, so über das Leben eines anderen zu entscheiden. Ich hoffe, selbst nicht in die Situation zu kommen“, sagt Frings.

Und nicht nur in gesundheitlichen Fragen werden Vormünder des Jugendamtes gefordert. Viele der Lebensgeschichten der Menschen, mit denen sie zu tun haben, sind tragisch. „Da muss man lernen, sich abzugrenzen und professionell zu bleiben.“

Das sei aber oft eine Eigenheit der sozialen Berufe, betont sie, dass sie diese Fähigkeit bereits in den fünf Jahren erlernt habe, die sie beim Allgemeinen Sozialen Dienst gearbeitet habe. Vor allem mit den sozialen Medien, mit WhatsApp und per E-Mail sei man leicht erreichbar. „Aber eine WhatsApp ersetzt eben nicht den Besuch des Kindes, den persönlichen Kontakt.“

Und nach Feierabend müsse man abwägen, ob es sich bei der Anfrage eines Kindes um einen Notfall handele. Solche Kontakte, auf dem kurzen Weg und außerhalb der Arbeitszeit, seien auch nicht die Regel. „Die Kinder wenden sich in erster Linie an ihre Pflegefamilien. Diese werden sorgfältig ausgesucht und versuchen, den Kindern ein möglichst normales Zuhause zu geben.“

Kontakt zu den leiblichen Eltern

Bei der Wahl der Pflegefamilien stehen persönliche Vorstellungstermine an, Schulungen und polizeiliche Führungszeugnisse werden eingefordert. Eine Arbeit, die der Allgemeine Soziale Dienst übernimmt. Angesichts der Lebensgeschichten der Kleinen, sagt Frings, hätten einige Pflegeeltern keinen einfachen Job. Sie müssten einiges leisten, sei es die Regelung des Kontakts zu den leiblichen Eltern des Kindes oder der Umgang mit Traumata.

Frings trifft ihre Schützlinge etwa einmal im Monat. „Manchmal ist das öfter – wenn etwa ein Kind im Krankenhaus liegt oder andere Schwierigkeiten hat.“ Manchmal auch weniger, wenn die Jugendlichen ab 16 Jahren mehr Wert auf ihren Freiraum legen.

Die 18 Kinder, die Frings betreut, sind im Alter zwischen vier Monaten und bis zu 17 Jahre. Ihr kleinstes Mündel lebt mit seiner minderjährigen Mutter im Mutter-Kind-Haus.

„Wichtig bei unserer Arbeit ist es, nach vorne zu blicken, zukunftsorientiert zu handeln“, sagt Frings. Besonders viel Mitleid mit den Kindern zu haben, helfe keinem von ihnen. „Unter Berücksichtigung der Vergangenheit in die Zukunft blicken. Die besten Wege in ein stabiles und zufriedenes Leben finden, das macht den Beruf eigentlich aus.“

Das sei auch nicht immer so einfach. Mit den Behörden in Geilenkirchen gebe es, im Gegensatz zu anderen Kommunen, so versichert Frings, keine Schwierigkeiten. Anträge für Therapien oder besondere Anfragen wie Hausaufgabenunterstützung werden in der Regel genehmigt.

Auf Schwierigkeiten treffe man dann an anderer Stelle. „Ich bin für ein Geschwisterpaar zuständig, das psychologische Hilfe braucht. Es war wirklich schwer, einen Platz in der Ambulanz zu finden.“ Einerseits, weil es vor Ort nicht die richtigen Spezialisten gegeben habe, andererseits, „weil es auch viel Bedarf gibt, an Kindertherapieplätzen und deshalb nicht viele zur Verfügung stehen. Damit werden die Wartezeiten lang.“

Da helfe, wie bei allem anderen wohl auch, einfach nur dranzubleiben. Eine Einrichtung mit Spezialisten für die Geschwister hat Frings jetzt in der Nähe von Münster gefunden.

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