Vor der Auktion zum Frisieren in den Stall

Von: Andrea Schever
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Mit dem Traktor auf die Felder oder zu den Kühen auf die Weide: Klaudia Plum kommt mit allem klar, was der Job als Landwirtin verlangt. Auch das „Feinmachen“ von Rindern vor Auktionen. Foto: Andrea Schever

Geilenkirchen-Bocket. Der rote Massey-Ferguson-Traktor pflügt das Feld um. Ein Radfahrer kommt vorbei, schaut, fährt weiter. Er schaut ein zweites Mal, bevor er seinen Augen traut: Es ist eine Frau, die freundlich grüßend mit 135 Pferdestärken an ihm vorbeifährt. Sie heißt Klaudia Plum und ist Bäuerin auf ihrem Betrieb in Bocket. Sie kennt das Bild, wenn sich Radfahrer den Hals vor Verwunderung verrenken. Denn eine Frau am Lenkrad einer Landmaschine ist ein eher seltenes Bild.

„Die meisten Menschen von hier kennen mich aber“, räumt sie lächelnd ein und wendet die große Maschine, um die nächste Bahn mit Zwischenfrucht einzusäen.

Schon in der Grundschule stand für die herzliche Frau ihr späterer Traumberuf fest: Bäuerin. „In der Zeit, als ich in die Ausbildung kam, war das schon selten, dass Frauen Bäuerinnen werden wollte. Wir waren dort nur zu dritt unter den Männern.“ Landwirschaft war damals und scheint auch heute noch eine typische Männerdomäne zu sein.

Ein fesselnder Beruf

Anfangs merkte auch Klaudia, dass sie sich erst behaupten musste. „Aber wenn die anderen einmal gesehen haben, dass man das auch als Frau kann, hat man keine Probleme mehr.“ Andere Berufe hätten sie durchaus gelockt.

„Ich arbeite gerne mit Kindern, habe ein Praktikum im Kindergarten gemacht und hätte auch Spaß an einem Beruf als Erzieherin gehabt“, sagt sie, aber am Ende war es dann doch der heimische Betrieb, der sie fesselte.

Also machte sie mit dem Ackerbau ernst. Sie absolvierte eine dreijährige Lehre in Schierwaldenrath und Bocket. Es folgte ein Gesellenjahr auf dem Hof der Familie und ein zweijähriger Besuch der Fachschule in Viersen – dort als einzige Frau.

Dort legte Klaudia Plum ihr Fachabitur ab und wurde gleichzeitig staatlich geprüfte Landwirtschafterin. Schon ein Jahr später, 1996, übernahm sie den Hof ihres Vaters und ist seitdem für den Betrieb verantwortlich. Unterstützt wird sie, wenn einmal vieles gleichzeitig ansteht, von ihren Eltern, die mit ihr dort wohnen.

Der Kuhgeruch in den Kleidern und die Erde an den Arbeitsschuhen ist für die Bäuerin nie unangenehm gewesen. „Ich fühle mich in der Arbeitskleidung vollkommen wohl, habe aber auch kein Pro­blem damit, mich zu stylen.“ Wenn beispielsweise ein Geburtstag bei Freunden gefeiert wird, gehören schicke Kleider und Make-up dazu.

Der Hof, der 1904 in dem übersichtlichen Dorf erbaut wurde, ist heute in der vierten Generation im Familienbesitz. „Mein Urgroßvater hat hier mit einer Ziegelei angefangen, die Landwirschaft hat er nebenbei gemacht“, erzählt Klaudia Plum aus der Familiengeschichte.

Als die Ziegelei geschlossen wurde, konzentrierte sich die Familie ganz auf Ackerbau und Viehzucht. „Mein Vater hat den Hof weiter ausgebaut. Seine heutige Größe hat der Betrieb in den 1990er Jahren angenommen.“

Den Tag verbringt die 41-Jährige nicht nur auf dem Feld. Auch ihre 40 Kühe und Kälber verlangen mindestens zweimal am Tag ihre Aufmerksamkeit. Dann heißt es, die Tiere frühmorgens und abends in die Melkautomatik zu treiben, zu füttern, zu schauen, ob womöglich eines der Tiere hinkt oder eine Entzündung aufweist.

Und die Kühe hören sogar auf die Namen, die ihnen gegeben wurden und scheinen sich stets zu freuen, wenn die Bäuerin in den Stall oder auf die Weide kommt.

Design und Buchhaltung

Ihre Arbeit mit den Kühen führt dann auch auf amüsante Weise vor Augen, dass der Beruf der Bäuerin viele unterschiedliche Tätigkeiten miteinander vereint. „Ich muss auch Friseur sein“, lacht Klaudia Plum. Denn neben der für jedes Tier zu führenden Rinderkartei, der Kalkulationen von Einkaufs- und Verkaufspreisen rund um das Tier, der genauen Auflistung des Pestizidverbrauchs auf den Feldern und großer wie kleiner Reparaturen am Traktor, muss sich die Bäuerin auch um das Erscheinungsbild der Tiere kümmern.

Nämlich immer dann, wenn sie diese bei Auktionen verkaufen möchte. Dazu wird das Fell gleichmäßig geschoren, die schöne Rückenlinie betont, und die Schweifhaare werden mit Haarspray toupiert.

„Ich konnte mich entscheiden“, stellt Klaudia klar. Sie musste den Hof nicht übernehmen, hätte stattdessen von vornherein Erzieherin im Kindergarten werden können. Doch ihr Herz schlägt – das merkt man ihr an – für den Hof. Sie hat sich entschieden: für die Kühe, die Erde und das Stroh. Für das frühe Aufstehen, die Unplanbarkeit des Tages und eben auch für die verwunderten Blicke der vorbeikommenden Radfahrer.

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