Geilenkirchen - Vom Praktikum zum Meister der Korbmacher

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Vom Praktikum zum Meister der Korbmacher

Von: Wilfried Rhein
Letzte Aktualisierung:
Ricardo Bäcker vor seinen mei
Ricardo Bäcker vor seinen meisterlichen Produkte, den einladenden Sessel und die stabile Truhe. Für das Korbmacher-Museum in Hilfarth, wo das Foto entstand, schnappt sich der junge Meister auch mal einen unfertigen Sitz, um daran weiterzuarbeiten. Foto: entstand, schnappt sich der junge Meister auch mal einen unfertigen Sitz, um daran weiterzuarbeiten.

Geilenkirchen. Er ist 24 Jahre alt und regional der letzte seiner Zunft. Ricardo Bäcker darf seine Berufsbezeichnung noch mit „Korbmacher” angeben. Ab sofort heißen diese Fachleute „Flechtwerkgestalter”. Gemein ist beiden Ständen der filigrane Umgang mit Naturprodukten, darunter Weidenholz.

Das Außergewöhnliche an dem jungen Mann ist dessen Meistertitel, den der Geilenkirchener gerade frisch erworben hat.

„Das war schon in der Schule für mich keine Frage”, erinnert sich Ricardo Bäcker an seine frühe Neigung an der Arbeit mit Holz. Also setzte er sich das Berufsziel Schreiner in den Kopf. Mit 16 Jaren, er hatte die Realschule absolviert und befand sich in der Berufsvorbereitung, stieß Ricardo Bäcker auf eine Anzeige: „Korbmacher-Auszubildender gesucht...” und das bei einem Geilenkirchener Unternehmen.

Doch nicht Schreiner?! „Der eine arbeitet eckig, der andere rund”, scherzt Ricardo Bäcker heute über seinen Gesinnungswechsel zum „Runden”. Denn es ging schnell bei der Firma, die Johann Hansen 1933 gegründet hatte, jetzt von Sohn Johannes geführt und mutmaßlich später in die dritte Hansen-Generation übergehen wird. Im April 2005 heuerte er als Praktikant an, schloss nahtlos seinen Ausbildungsvertrag an, perfektionierte sich in drei Jahren bis zum Gesellen und fertigte vor kurzem - im Wortsinn - sein Meisterstück.

Dieser hohe, prächtige Sessel, den Ricardo Bäcker in vielstündiger konzentrierter Arbeit hergestellt hat, steht aber nicht in seinem Immendorfer Haus. Gruppen und einzelne Besucher können das handwerkliche Schmuckstück - einen geflochtenen Küchenstuhl und eine massive Korbtruhe aus seiner Hand gibt es da auch - im Korbmacher-Museum in Hilfarth bewundern.

Dorthin pflegt der 24-Jährige enge Beziehungen, von berufswegen und aus Leidenschaft zu diesem Werkstoff. „Eine Maschine kann mit dem Material nicht umgehen”, hat sich Ricardo Bäcker festgelegt und findet jedes Verständnis bei Hermann-Josef Knur, dem pensionierten Feinmechaniker, der seit knapp zwei Jahren der Vorsitzende des historischen Museumsvereins in Hilfarth ist.

Der Korbmacher - ins Museum? Richtig ist, dass sich die Zahl der, auch moderneren, Flechtwerkgestalter drastisch reduziert hat. In der hiesigen Region waren sie allesamt ansässig entlang der Flussläufe von Rur und Wurm, dort wo die (amerikanischen) Weiden (Salix amaricana) gedeihen konnten. Aber trotz des gediegenen Handwerks, weiß Hermann-Josef Knur, kam es Ende der 1950er Jahre zum Schock durch die Billigimporte von Korbwaren aus Osteuropa, die die Preise hiesiger Qualitätsware um teils mehr als die Hälfte unterboten. Die Steinkohlegrube in ­Hückelhoven nahm viele der perspektivlosen Menschen in Arbeit auf.

Über seine Zukunft macht sich Meister Bäcker keine Sorgen. „Ich bin in diesen Beruf reingegangen mit der Idee, Holzarbeit macht erst mal Spaß. Was später daraus wird, darüber habe ich mir damals keine Gedanken gemacht”, sagt der 24-Jährige. Den Flechtwerkgestalter werde es so lange geben, wie Nachfrage besteht nach Wohn- oder Gartenmöbeln aus diesem Material, Stichwort Rattan.

Und die ist zur zeit sehr konstant, weiß Ricardo Bäcker. Zukunft in seinem heimischen Betrieb erkennt der Immendorfer auch: Er wird der einzige Meister im Unternehmen Hansen sein, wenn sein aus Italien stammender väterlicher Freund und Kollege Pier Danello De Vido in den - wirklichen - Ruhestand gehen wird.

Deshalb auch hat sich der lebensfrohe junge Geilenkirchener in die Arbeit gestürzt, das Meisterdiplom in seinem Handwerk zu bekommen. Das begann im August 2009 und war nach dreieinhalb Jahren harter Arbeit mit Fachkursen bei der Kammer und Eigenstudium am Abend - parallel zum Beruf - im vorigen März geschafft.

Sehr stressig? „Ja”, sagt Ricardo Bäcker, „das war es sicher. Aber ich bin ja auch sonst immer in Bewegung, fahre Rad, mache Fitness und Kraftraining .” Bald jedoch ist Zeit für eine Pause. „Ich muss das alles mal sacken lassen”, freut sich Ricardo Bäcker auf seinen Urlaub. Es geht nach Kroatien. Dorthin, wo auch viele der billigen Korbwaren herkommen.
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