Kreis Heinsberg - Viele Azubis werfen auf dem Dach das Handtuch

Viele Azubis werfen auf dem Dach das Handtuch

Von: Rainer Herwartz
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Bislang ist dem Dachdecker-Handwerk der große Wurf noch nicht gelungen in der Frage, wie für die Zukunft der Nachwuchs gesichert werden soll. Die Quote der Ausbildungsabbrecher ist jedenfalls die höchste in der gesamten Handwerkerschaft. Foto: stock/Bernd Friedel

Kreis Heinsberg. Der Dachdecker-Verband Nordrhein mahnt akutes Handeln an. Im Wettbewerb um Auszubildende werde es immer wichtiger, die Jugendlichen „bei der Stange zu halten“. Derzeit weise das Dachdecker-Handwerk leider überdurchschnittlich viele Auflösungen von Lehrverträgen auf.

Die sinkenden Schülerzahlen und die aktuellen Berufswünsche der Jugendlichen machten es für viele Handwerksbranchen schwer, ausreichend und guten Nachwuchs zu bekommen. Mit diesem „Mosaikstein“ des demografischen Wandels stehe das Dachdecker-Handwerk nicht alleine da. Umso ärgerlicher sei die Abbrecherquote von 36 Prozent, während im Handwerk insgesamt 31 Prozent aller Lehrverträge aufgelöst würden.

Rolf Richard Rehbold, der stellvertretende Direktor des Forschungsinstituts für Berufsbildung an der Universität zu Köln, weist in dem Zusammenhang darauf hin, dass in sehr vielen Fällen die Lehre in einem anderen Unternehmen – durchaus auch aus der Dachdecker-Branche – fortgesetzt werde. Als weiteren Hinweis auf ein „raueres Klima“ zwischen Lehrlingen und Lehrbetrieben verwies er darauf, dass die Schlichtungsverfahren zugenommen hätten. Während die Ausbilder primär Fehlzeiten, schlechte Leistungen, Unpünktlichkeit, fehlende Teamfähigkeit, Motivationsmängel und falsche Berufsvorstellungen monierten, würden die Azubis als wichtigste Ärgernisse Konflikte mit Kollegen, Unzufriedenheit über die Arbeit, mangelnde Kommunikation sowie Zeit- und Leistungsdruck angeben.

Laut Elmar Brandt von der Handwerkskammer Aachen treten derlei Schwierigkeiten auch im hiesigen Kammerbezirk auf. Dennoch sehe die Situation im Kreis Heinsberg vergleichsweise günstig aus. Zum Stichtag 31. Dezember letzten Jahres gab es insgesamt 1576 Lehrlinge im Handwerk des Kreises Heinsberg. In 178 Fällen, also elf Prozent, kam es zu einer Auflösung des Ausbildungsverhältnisses. Von den 70 Dachdecker-Azubis warfen 14 noch vor dem Ende der Ausbildung das Handtuch, also 20 Prozent.

„Es wird immer wichtiger, jede Nachwuchskraft zu halten“, so Brandt. „Natürlich müssen diese auch mitziehen.“ Derzeit seien im Kammerbezirk 400 Lehrstellen unbesetzt. Der demografische Wandel und Fachkräftemangel würden zunehmend ein großes Problem für das Handwerk und seine Unternehmen, so Brandt.

Was die Dachdecker-Branche angeht, kann Martina Schmitz aus Gangelt dies nur bestätigen. „Ich bin als Lehrlingswartin und Mitglied des Prüfungsausschusses der Handwerkskammer mit der Nase ganz vorne dran“, sagt die selbstständige Dachdecker-Meisterin. Erst vor drei Wochen hätten von 81 Azubis, die sich der Gesellenprüfung zum Dachdecker stellten, gerade einmal 36 bestanden.

„Ich muss mich dann doch fragen, was wird hier ausgebildet und was ist von den Auszubildenden zu erwarten?“, sagt Schmitz. Vielleicht liege ein Grund der Misere darin, dass manche jungen Leute über die Arbeitsagentur vermittelt würden und mit der Berufswahl dann nicht glücklich seien. Diese Erkenntnis habe sie aus Gesprächen mit Lehrern gewonnen. Schmitz hat daraus für sich schon die Konsequenz gezogen, dass sie ohne ein zwei- bis dreiwöchiges Praktikum niemanden mehr einstellt.

„Manche Jugendlichen merken aber auch während der Ausbildung, dass sie nicht vernünftig ausgebildet werden, was natürlich zu Unmut führt.“ Ein Grund für eine solche Schmalspurausbildung sei die starke Spezialisierung einiger Betriebe. Da könne es durchaus vorkommen, dass ein Lehrling noch nie Dachziegel verlegt habe und dann bei der praktischen Prüfung überfordert sei.

Laut Kreishandwerkerschaft landen jedes Jahr fünf bis 20 Zerwürfnisse zwischen Arbeitgeber und Auszubildenden vor dem Schlichterausschuss. Vorausgegangen ist dann in der Regel eine Kündigung durch den Betrieb. „Es zeigt sich meist, dass der Ausbilder mit den Leistungen des Auszubildenden nicht einverstanden ist, was bis zur Kündigung führen kann“, erläutert Daniela Ritzerfeld. Die Kreisrechtsdirektorin ist seit letztem Jahr neue Vorsitzende des Schlichtungsausschusses.

„Der Auszubildende ruft den Ausschuss an, weil er sich ungerecht behandelt fühlt. Meine Aufgabe ist es, den Fall juristisch zu beurteilen. Fakt ist, dass es oft ein Verhalten gibt, dass durch den Arbeitgeber zu beanstanden ist wie das Schwänzen der Berufsschule, wiederholte Unpünktlichkeit oder andere Unzuverlässigkeiten. Was man im Nachhinein merkt, ist jedoch, dass es nicht formalrechtlich beanstandet wurde.“

Zum Beispiel müsse eine Abmahnung erfolgen, in der das Verhalten genau dargestellt werde. Dies werde nicht selten versäumt. Ein anderes Beispiel: „Bei einer fristlosen Kündigung muss der Arbeitgeber innerhalb von zwei Wochen nach der Verfehlung kündigen.“ Oft warte er aber noch, bis dann eine weitere, unbedeutendere Verfehlung das Fass zum Überlaufen bringe. Vor Gericht reiche Letztere dann als Kündigungsgrund nicht aus und die erste Frist sei eben schon verstrichen.

Auch wenn sogar am Ende der Auszubildende als Gewinner den Gerichtssaal verlassen könnte, mache es meistens keinen Sinn mehr, das Ausbildungsverhältnis weiter aufrecht zu erhalten, wenn die Beziehung erst vergiftet sei, meint Ritzerfeld. Hier sollte dann lieber eine gütliche Lösung gefunden werden. Für eine gedeihliche Zukunft von Handwerk und Auszubildenden sollten ohnehin stets beide Seiten ihr Bestes geben.

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