Verwirrung bei Hausbau: Ein Vorbau der nicht sein darf

Von: Jan Mönch
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Um die Vorbauten dieser beiden Häuser geht es. Weil keine Geländer drauf sind, handelt es sich um Terrassenüberdachungen. Kämen Geländer drauf, wären es Altane. Allerdings dürfen keine Geländer drauf, weil ja Stützen drunter sind. Und dadurch sind es keine Balkons. Alles klar? Foto: Jan Mönch
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Unser Karikaturist Heinz Schwarze-Blanke kommentiert das Thema so: „Bebauungsplanänderung für einen Altan. Die CDU unterschreibt mit dem Hilti-Abbruchhammer!“

Gangelt. Es wird jetzt gleich ein wenig absurd, treiben wir es also direkt auf die Spitze und stellen uns vor, wie Karl-Hermann Petersen irgendwann in nächster Zeit einem Interessenten sein Haus zeigt, einen Neubau, der gerade im Baugebiet Jankerfeld III in Birgden entstanden ist.

Der Geschäftsmann wird dann an den Punkt kommen, an dem es um den Balkon geht, von dem aus man eine tolle Aussicht hätte: über den Birgdener Betonzaun hinweg aufs freie Feld und die Selfkantbahn. Allerdings darf man den Balkon nicht betreten. Denn es ist gar kein Balkon, oder wenn dann allenfalls für Naivlinge, die kein Baurecht studiert haben. Herr Petersen jedenfalls wird mit dem Kaufpreis heruntergehen müssen. Vielleicht verliert der mögliche Käufer auch das Interesse. So oder so ist Herr Petersen der Gelackmeierte, wenn es kommt, wie es nach Stand der Dinge kommen wird.

Herr Petersen hat einen Kompagnon, auf den Flurstücken 475 und 476 haben die beiden zwei baugleiche Häuser hingesetzt, eines in Gelb und eines in Weiß, jedes besteht aus zwei Eigentumswohnungen. Die zwei Übach-Palenberger sind Geschäftspartner und haben solche Projekte schon öfter zusammen angepackt. Dieses Mal unterlief ihrem Architekten aber ein Fehler. Die Balkons sind keine Balkons, weil sie gestützt werden, und ein gestützter Balkon ist ein Altan. Altane aber waren im Bebauungsplan für das Jankerfeld nicht vorgesehen, und das ist nun das Problem, denn das Bauordnungsamt des Kreises Heinsberg konnte das so nicht akzeptieren. Es wollte auch keine Befreiung aussprechen. Die Planung habe ja der Architekt verbockt.

Es gibt in so einem Fall zwei Möglichkeiten. Entweder die beiden Bauherren passen ihre Häuser an den Bebauungsplan an. Das wäre beispielsweise der Fall, wenn sie auf dem Balkon, der ein Altan ist, die Geländer weglassen würden und die Türen vergittern. Dann wäre der Balkon, der eigentlich ein Altan ist, zwar immer noch kein Balkon, dafür aber eine Terrassenüberdachung, und die wiederum erlaubt der Bebauungsplan. Die andere Möglichkeit ist, dass der Bebauungsplan an die Häuser angepasst wird. Dazu müsste man nur das Wort Altan hineinschreiben. Es ist naheliegend, dass Petersen und sein Kompagnon die zweite Lösung bevorzugen, die erste macht ihre Objekte nämlich um einiges weniger attraktiv. Ihr Makler schätzt, dass sie mit dem Verkaufspreis um 20 000 Euro runtergehen müssten.

Also stellten sie den entsprechenden Antrag an die Gangelter Gemeindeverwaltung, und die bat den Bauausschuss zur Abstimmung. Die SPD stimmte zu. Die Freien Wähler stimmten zu. Die Unabhängigen Bürger stimmten zu. Die Grün-Liberale Fraktion stimmte zu. Die CDU aber war dagegen, die anderen Fraktionen also überstimmt.

Es gab ziemlich großen Streit deswegen, zumal auch die VDH Projektmanagement GmbH aus Erkelenz, die so etwas wie der Stammgutachter der Gemeinde Gangelt in Baufragen ist und auf deren Meinung sonst eine Menge gegeben wird, offenbar keinerlei Probleme sah. Die Grundzüge des Bebauungsplans würden nicht berührt. Nachbarschaftliche Belange würden nicht berührt. Es wären keine erheblichen Umweltauswirkungen anzunehmen. Die CDU ließ sich aber von alldem nicht erweichen. Dabei standen allein in jener Sitzung drei weitere Bebauungsplanänderungen auf der Tagesordnung, alle drei wurden abgenickt.

Karl-Heinz Milthaler, der Fraktionsvorsitzende der CDU, sah da allerdings einen entscheidenden Unterschied, und der liegt in der Reihenfolge. Bei den beiden Gebäuden im Jankerfeld nämlich waren erst Fakten geschaffen worden und dann Antrag auf Änderung des Bebauungsplans gestellt worden, nicht umgekehrt. Milthaler sagt, dass man auch innerhalb der CDU lange über das Thema diskutiert habe, und natürlich gehe es irgendwo auch um Haarspalterei. Letztlich habe aber folgendes Argument überwogen: „Wir wollten keinen Präzedenzfall schaffen.“

Gemeint ist: Hätte man die Altane nachträglich erlaubt, dann könnte ja in Zukunft jeder erst einmal gegen die Vorschriften verstoßen, und irgendwann steht im Jankerfeld ein Nachbau des Pantheons oder der Hängenden Gärten von Babylon, und der Bauherr sagt dann halt: Der Petersen, der hat ja auch gemacht, was er will.

Aber hat er das? Tatsächlich könnte man ja sagen, dass die beiden Bauherren doch selber schuld sind, sie hätten sich ja an den Bebauungsplan halten können, aber so einfach ist es nicht. Denn dass die Balkons auf Stützen ruhen, ist nicht das Resultat einer gewissen Selbstherrlichkeit, sondern ökologischer Bauweise. Nach altbewährter Manier, erklärt Petersen, hätte man einfach einen Stahlträger über den Wohnraum hinweg bis über die Außenwand gezogen, der zugleich den Balkon getragen hätte. Bloß hätte ein solcher durchlaufender Stahlträger eine Kältebrücke gebildet und so den Energieverbrauch gesteigert.

Deshalb entschied man, dass der Balkon gestützt wird, und das Verhängnis nahm seinen Lauf. Es sieht so aus: Hätten die Bauherren sich für den Umweltaspekt nicht interessiert, hätten sie jetzt kein Problem. Letztlich stellt sich deshalb die Frage, ob nicht etwas Kulanz angezeigt gewesen wäre, zumal der Erfolg der Gangelter Neubaugebiete, die wiederum bei der Zukunftsplanung der Gemeinde eine gewichtige Rolle spielen, von Leuten abhängt, die hier investieren.

Karl-Heinz Milthaler sagt, dass in Zukunft bestimmt oft Altane gebaut würden, eben um Kältebrücken zu vermeiden. Das würde bedeuten: Je mehr Bauherren auf Energieeffizienz setzen, desto höher die Altandichte in Neubaugebieten.

Klingt nach einer guten Idee für den nächsten Bebauungsplan.

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