Verfahren beim Amtsgericht: Türsteher vor Gericht

Von: Georg Schmitz und Thorsten Pracht
Letzte Aktualisierung:
Nicht immer bleiben die Fäust
Nicht immer bleiben die Fäuste so still: Das überharte Eingreifen der Türsteher einer Geilenkirchener Diskothek beschäftigt das Amtsgericht in diesen Tagen in schöner Regelmäßigkeit.

Geilenkirchen/Baesweiler. „Touch my Soul”, zu Deutsch „Berühre meine Seele” - so lautete das Motto für den ges­trigen Abend in einer Geilenkirchener Diskothek. Nicht nur die Seele, sondern ganz andere Körperteile der Gäste sollen die Sicherheitsleute des „Tanztempels” in diversen Fällen berührt haben, und zwar anscheinend mit ziemlicher Gewalt.

Insgesamt fünf Türsteher der Disko sind derzeit am Amtsgericht Geilenkirchen angeklagt, in verschiedenen Fällen einzeln und mit wechselnder Beteiligung Gäste des „Tanztempels” körperlich misshandelt zu haben.

Aufgrund einer Vielzahl von Zeugen werden die Vergehen in den kommenden Wochen an mehreren Prozesstagen verhandelt. Am Donnerstag wurde ein am 23. Oktober begonnener Prozess gegen vier Sicherheitskräfte fortgeführt. Richter Thomas Schönig hatte zu Beginn ein beweiskräftiges Überwachungsvideo der Diskothek vorgeführt, auf dem ein unbeschreiblich brutales Vorgehen der Türsteher zu sehen ist.

Einer hält einen Gast von hinten fest, während ein anderer ihm von vorne ins Gesicht schlägt. Eine weitere Videosequenz zeigt, wie ein Türsteher einen Mann von hinten angreift und zu Boden schlägt. Am Donnerstag waren drei von elf vorgeladene Frauen und Männern nicht erschienen, so dass sich die Vernehmung auf acht Zeugen beschränkte. Behandelt wurden zwei Vorfälle aus dem Jahr 2011. „Ich bin mit drei Freundinnen morgens aus der Diskothek gegangen und habe draußen auf den Boden gespuckt”, erzählt der 19-jährige Maurice aus Geilenkirchen. „Ein Türsteher hat mich zurück gezogen und aufgefordert, die Spucke wieder aufzulecken”, so Maurice weiter.

Darauf habe er sich aber nicht eingelassen, und dann habe ihm der Türsteher eine Backpfeife verpasst. „Ich wollte jetzt die Polizei anrufen”, sagte der 19-Jährige. Daraufhin habe ihm der Türsteher das Handy aus der Hand geschlagen. Es sei zu einer weiteren verbalen Auseinandersetzung gekommen, wobei das Mobiltelefon mehrmals von mittlerweile mindestens zwei Türstehern weggetreten oder -geworfen worden sei. Von einem der Männer sei er dann weiter auf den Parkplatz gezogen worden, wo er sich wieder nach dem Handy habe bücken wollen. In diesem Moment hätten die Türsteher dann ihn am Boden liegend getreten, sogar mit den Füßen ins Gesicht.

Mehrere Zeugen bestätigten die Aussagen des 19-Jährigen weitestgehend oder mit kleinen Abweichungen aufgrund von Gedächtnislücken. Die 20-jährige Freundin des Opfers hatte das Eintreten auf den 19-Jährigen sogar aus der Nähe beobachtet. Weitere Zeugen hatten gesehen, dass es vor der Diskothek zu Auseinandersetzungen gekommen war, aber das nähere Tatgeschehen nicht mit bekommen.

Ein 19-jähriger Profifußballer aus Boslar war ebenfalls als Zeuge geladen. Er hatte gesehen, wie ein Türsteher den Gast aus der Disko zog, ihm eine Ohrfeige verpasste und das Handy aus der Hand schlug. „Das Opfer hat sich nicht körperlich gewehrt”, machte er klar. Bei einigen Zeugen gab es widersprüchliche Aussagen, wobei das Tatgeschehen aber im Kern bestätigt wurde.

Richter Schönig verlas den Bericht eines ebenfalls als Zeugen anwesenden Polizeibeamten, nachdem der 19-Jährige sichtbare Prellungen im Gesicht davongetragen hatte. Die angeklagten Türsteher, ein 42-Jähriger aus Heinsberg, ein 39-Jähriger aus Hückelhoven, ein 38-Jähriger aus Übach-Palenberg und ein 31-Jähriger aus Baesweiler sind sich keiner Schuld bewusst und bestreiten den zur Last gelegten Tathergang.

Der 31-Jährige will nicht als Türsteher, sondern nur als Gast zugegen gewesen sein. Er wird zusätzlich angeklagt, am 20. November 2011 eine weitere Körperverletzung begangen zu haben. Für die kommenden Prozesstage am 22. November 10 Uhr, am 23. November 10 Uhr und am 10. Dezember um 9.30 Uhr sind mindestens 15 weitere Zeugen geladen.

Am kommenden Freitag wird sich das Amtsgericht mit einem weiteren Vorfall in der Disko befassen. Wieder geht es um Verletzungen, die ein Sicherheitsmann einem Gast zugefügt haben soll. Das Opfer, Christoph S. aus Heinsberg, verließ in einer Nacht Ende Dezember 2011 allein die Diskothek. An der Imbissbude vor dem Gebäude in Niederheid geriet er nach eigener Schilderung in eine Rangelei - die Türsteher griffen ein, der Schüler erhielt einen Schlag auf den Hinterkopf. Als er das Gelände nach der anschließenden Diskussion verlassen wollte - mittlerweile in Begleitung zweier hinzugeeilter Freunde - erhielt S. dann von einem der Türsteher einen gezielten Faustschlag ins Gesicht.

„Eigentlich wollte ich gar keine Anzeige erstatten”, berichtet der Schüler. Allerdings habe seine Mutter beim Anblick des geschwollenen Gesichts darauf bestanden, sowohl die Polizei als auch einen Arzt aufzusuchen. Also erstattete er Anzeige wegen Körperverletzung. Bei einer Röntgenaufnahme im Heinsberger Krankenhaus wurde ein Jochbeinbruch diagnostiziert. Zwei Tage später wurde Christoph S. in Düsseldorf operiert und verbrachte den Jahreswechsel im Krankenhaus.

Aus Angst vor Repressalien zog er seine Anzeige wenig später zurück, auch seinen vollen Namen möchte er nicht veröffentlicht wissen. „Ich möchte mit diesen Leuten keinen Ärger”, sagt er, den „Tatort” hat er seither nicht mehr besucht. Allerdings ermittelte die Staatsanwaltschaft trotz zurückgezogener Anzeige von Amts wegen weiter, es kam zur Anklageerhebung. Am Freitag trifft man sich wieder vor Gericht - es ist nur einer von vielen ähnlichen Fällen, die derzeit verhandelt werden.

Der Betreiber der Diskothek hat sich mittlerweile von den beschuldigten Mitarbeitern des Sicherheitsdienstes getrennt. Dies sei bereits vor einigen Monaten geschehen.

„Es ist für uns sehr bedauerlich, dass es zu diskussionswürdigen Vorkommnissen kommt. Den Opfern möchten wir, auch wenn sie zumeist selbst die Auslöser zum Eingreifen der Security sind, unser größtes Bedauern ausdrücken”, sagt Betriebsleiter Eric Engel.

Im Vergleich zu anderen Diskotheken sei es in Geilenkirchen eher ruhig. „Aber auch uns ist aufgefallen, dass die Art der Einsätze sich geändert hat”, sagt Engel.

„Wir haben die Überwachung durch Videokameras ausgeweitet, um bessere Kontrollen zu gewähren”, ergänzt Engel. „Wir werden verstärkt die Sicherheit unserer Gäste kontrollieren und entsprechend gewaltbereiten Personen den Zutritt verweigern. Die Sicherheit unserer Gäste hat oberste Priorität.”

Generell wollen die Betreiber eine sinkende Hemmschwelle zur Gewalt beobachtet haben. „Es ist wirklich traurig und beängstigend zugleich, dass sich heute keine Diskothek mehr ohne Sicherheitsdienst betreiben lässt”, so Engel. Daher arbeite man mit einem externen Dürener Sicherheitsdienst zusammen, der alle notwendigen Prüfungen und Sachkundeschulungen vorweisen könne.
Leserkommentare

Leserkommentare (1)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert