Kreis Heinsberg - Verein Westblicke führt zu Schauplätzen historischer Verbrechen

Verein Westblicke führt zu Schauplätzen historischer Verbrechen

Von: Jan Mönch
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„Et jeht dureene wie e Karke ene Kerk“: Es geht durcheinander wie in Karken in der Kirche – dieser Ausspruch ist unter Alteingesessenen heute noch bekannt und geht zurück auf ein Massaker in der Karkener Kirche im 16. Jahrhundert. Von historischen Bluttaten wie dieser berichtet Gästeführerin Kuni Bürsgens auf der Mordroute, die sie für den Verein Westblicke anbietet. Foto: Jan Mönch
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Der Pfarrer, an den dieser Grabstein erinnert, wurde 1918 mit der Axt erschlagen. Foto: Jan Mönch

Kreis Heinsberg. Das Licht brannte noch und das Essen stand noch auf dem Tisch, der Pfarrer lag in seinem eigenen Blut am Boden und die Haushälterin auch. Das schreckliche Bild bot sich im Februar 1918 im Karkener Pfarrhaus. Die Mordopfer waren mit Axt und Messer regelrecht niedergemetzelt worden.

Fast 100 Jahre ist das nun her, an Pfarrer Fischer erinnert heute noch ein Grabstein rechter Hand der Karkener Kirche. Sie ist eine Station der Mordroute, die Kuni Bürsgens für den Verein Westblicke anbietet. Die Gästeführungen ziehen sich durch die ganze Heinsberger Region und werden mit dem Slogan „Historisches, Unterhaltsames und Kurioses – wir zeigen’s Ihnen!“ beworben.

Mal sind die Gäste mit dem Fahrrad unterwegs und mal auf Schusters Rappen, die einen Touren sind gezielt auf Familien zugeschnitten und andere geeignet für Menschen mit Behinderung.

Beleidigende Briefe

Die Mordroute fällt in erstere Kategorie. Mit dem Fahrrad werden die Schauplätze historischer Bluttaten abgefahren, dabei geht es auch hinüber in die Niederlande. 25 Kilometer misst die Strecke, sie zu bewältigen dauert um die drei Stunden. Inbegriffen sind natürlich Ruhepausen – und in denen berichtet Kuni Bürsgens, was sich an den Tatorten einst zutrug – und wie die Geschichten bis heute nachwirken.

Der Mord an dem Pfarrer und seiner Haushälterin war rasch aufgeklärt. Monate vor der Tat waren in der Gegend beleidigende Briefe kursiert, die an die Einwohner geschickt worden waren. Bei der Absenderin handelte es sich wohl um die junge Katharina Heutz. Sie sollte beim Pfarrer Beichte ablegen, um Ermittlungen zu entgehen, doch stattdessen ging sie ins Pfarrhaus und erschlug den Unglücklichen sowie seine Haushälterin.

Die Spur verliert sich 1933

Zweimal wurde die 19-Jährige anschließend zum Tode verurteilt, das Urteil aber nie vollstreckt. 1933 kam Heutz nach Recherchen von Kuni Bürsgens wieder auf freien Fuß, hatte für den Doppelmord also 15 Jahre verbüßt. Soweit Bürsgens weiß, soll Katharina Heutz die Gegend verlassen haben, was bei ihrem Vorleben wohl auch eine ganz gute Idee war. Dann verliert sich ihre Spur.

An der Mordroute lässt sich gut ablesen, worauf es ankommt, um die „Freizeitregion“ touristisch aufzuwerten. Natürlich gibt es schöne Landschaften und idyllische Dörfer zuhauf. Aber eben keine Kulturdenkmäler von Weltrang, wie Aachen oder Köln sie haben, und die den Tourismus zumindest ein Stück weit zum Selbstläufer machen.

Für die Macher von Westblicke kommt es also immer auch darauf an, die kleinen Eigenheiten und Besonderheiten hervorzuheben und mit Leben zu füllen. Das gelingt mit Führungen wie „Bierbrauen früher und heute“ (Wassenberg), „Huren, Henkersleut’ und Totengräber“ (Heinsberg), „Winterträume in Schloss und Mühle Zweibrüggen“ (Übach-Palenberg) oder „Burg Trips erstrahlt im Abendlicht“ (Geilenkirchen).

Doch Karken war auch Schauplatz einer weiteren Bluttat. Diese geht ins 16. Jahrhundert zurück, als der 80-jährige Krieg zwischen Spanien und den Niederlanden tobte. Spanische Truppen zogen damals durch die Region, und zahlreiche Bürger flüchteten sich in die Karkener Kirche. Dort würden sie verschont werden, hofften sie wohl.

Doch weit gefehlt: Die Spanier drangen in die Kirche ein und richteten ein entsetzliches Gemetzel an. Angeblich kamen 1500 Bürger zu Tode. Kuni Bürsgens hält diese Zahl zwar für stark übertrieben. Dass das Blutbad stattgefunden hat, ist aber verbürgt. Ein bis heute erhaltener Ausspruch geht darauf zurück: „Et jeht dureene wie e Karke ene Kerk“ – es geht durcheinander wie in Karken in der Kirche.

Diese und weitere Geschichten ihrer Mordroute recherchiert Kuni Bürsgens mithilfe von Fachchroniken und Heimatlektüren. Aber auch sehr alte Mitbürger können oft helfen. Die Begebenheiten sind zwar nicht unbedingt zu ihren Lebzeiten geschehen. Aber sie haben Zeiten erlebt, in denen es keinen Fernseher gab – und die Familien Zerstreuung suchten, indem sie selbst erzählten. Gewissermaßen wird dieses Erbe durch Kuni Bürsgens und die anderen Touristenführerinnen von Westblicke verwaltet.

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