Verein für Schwerhörige: Schritt für Schritt aus der Stille heraus

Von: Annika Kasties
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Sehen den Verein für Schwerhörige und Ertaubte als Stütze für Betroffene: Willi Lukas-Nülle (links) und Werner Velten. Foto: Annika Kasties

Übach-Palenberg. Verglichen mit seiner Kindheit lebt Willi Lukas-Nülle heute in einer anderen Welt. Nicht etwa, weil sich der 81-Jährige nie erträumt hätte, dass eines Tages seine Mitmenschen ihr Telefon stets in der Hosentasche haben. Oder weil das Fernsehen durchgängig in Farbe sendet und TV-Serien und Filme mittlerweile im Internet konsumiert werden.

Lukas-Nülles Lebenswirklichkeit wurde dadurch revolutioniert, dass er das, was im Fernsehen läuft, auch endlich hört. Das ist für ihn keine Selbstverständlichkeit. Als er mit drei Jahren an den Masern erkrankte, wurde sein Hörvermögen schwer geschädigt. Die Hörkraft im rechten Ohr sank auf 20 Prozent. Das linke Ohr war komplett taub. Lukas-Nülle lernte Gebärdensprache. Lippenlesen gehörte zu seinem Alltag.

Sich mit seinem Schicksal abfinden und den technischen Fortschritt an sich vorbeiziehen lassen, das passt nicht zu dem Rentner. Auch deshalb gründete er 1985 in Übach-Palenberg den Verein für Schwerhörige und Ertaubte. 30 Jahre lang hatte er das Amt des Vorsitzenden inne, vor zwei Jahren übergab er die Geschäfte seinem Nachfolger Werner Velten. Seitdem ist er als Ehrenvorsitzender im Verein tätig.

Ein verschmitztes Lächeln huscht über sein Gesicht, wenn er von der Zeit seiner fast vollständigen Ertaubung spricht. Denn die Zeiten, in denen seine Gesprächspartner die Stimme erheben mussten, um sich ihm verständlich zu machen, sind vorbei. „Bitte sprechen Sie nicht zu laut, ich wurde vor kurzem neu eingestellt“, bittet er heute Menschen, die ihn noch nicht kennen, zur Begrüßung.

Mit „ich“ meint er sein Cochlea-Implantat, kurz CI genannt, eine Art Mini-Computer im Kopf. Im Unterschied zu Hörgeräten, die die Lautstärke von Geräuschen erhöhen, übernimmt das CI die Funktion der beschädigten Teile des Innenohrs (der Cochlea). Bei vielen Menschen ist der Hörverlust auf eine Schädigung der Haarzellen im Innenohr zurückzuführen. Das CI ermöglicht die Übertragung der Audiosignale an die Hörnerven – und so das Hören.

„Heute bin ich bei 85 Prozent“

Lukas-Nülle erinnert sich noch genau an den Tag, an dem ihm das CI in Aachen implantiert wurde. Es sei am Tag vor Christi Himmelfahrt 1990 gewesen, ein Mittwoch. Der Tag, an dem sich seine Wirklichkeit durch das zurückerlangte Hörvermögen schlagartig änderte. Oder besser: Schritt für Schritt. Denn das Hören habe er nach seiner Operation erst wieder lernen müssen. Viele Hörgeräte habe er in den zurückliegenden 26 Jahren getestet. Und mit jeder technischen Entwicklung sei sein Hörvermögen gestiegen. „Heute bin ich bei 85 Prozent“, verkündet der 81-Jährige stolz. Zufriedengeben wolle er sich damit jedoch nicht. „Da geht noch mehr.“

„Wir helfen uns gegenseitig“, sagt Lukas-Nülle über das zentrale Anliegen der zurzeit 16 Mitglieder „seines“ Vereins. Es seien auch mal 35 gewesen. Doch die Vorteile, die ihnen die Gemeinschaft des Vereins biete, würden viele Menschen mit einem Hörschaden leider nicht erkennen, sagt der Vorsitzende weiter. Dabei seien sich die Mitglieder durch die gegenseitige Beratung eine wichtige Stütze.

So habe sich insbesondere Lukas-Nülle zum Experten fürs CI entwickelt. „Viele Betroffene haben Angst vor der Operation und wollen sich lieber mit dem Hörgerät begnügen, das sie haben – auch wenn sie damit schlechter hören als möglich wäre“, sagt Velten. Mit seiner langjährigen Erfahrung auf dem Gebiet berät Lukas-Nülle deshalb gerne Betroffene.

Und Schwerhörigkeit sei längst nicht mehr nur ein Problem der älteren Generation. Auch immer mehr Jugendliche seien hörgeschädigt, betont Velten. Die Ursache sei in der Regel zu laute Musik, ob abends in der Disco, auf dem Konzert oder unterwegs aus den Kopfhörern. Auch ihnen sieht sich der Verein verpflichtet. „Wir wollen die jungen Leute darauf aufmerksam machen, dass sie ihr Gehör schädigen.“

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