Geilenkirchen - Verdi schadet mit Absagen der verkaufsoffenen Sonntage

Verdi schadet mit Absagen der verkaufsoffenen Sonntage

Von: Jan Mönch
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Ist alles andere als gut auf die Gewerkschaft zu sprechen: Jörg Stamm, geschäftsführender Gesellschafter von Herrenmoden Stamm und stellvertretender Vorsitzender des Geilenkirchener Aktionskreises. Foto: Jan Mönch

Geilenkirchen. Normalerweise sieht Jörg Stamm davon ab, öffentlich zu polarisieren. Schließlich soll jeder bei ihm einkaufen, der ein neues Sakko braucht oder eine Jeans, auch wenn derjenige zufällig ein Linker oder ein Gewerkschafter oder beides ist. Stamm ist Geschäftsmann, kein Politiker.

Als Verdi allerdings für die Absage des verkaufsoffenen Sonntags in Niederheid sorgte, platzte dem geschäftsführenden Gesellschafter der Karl-Heinz Stamm GmbH der Kragen, weshalb er nun von seiner sonstigen Gewohnheit abweicht. Im Interview erklärt Stamm, wieso seine Angestellten am Sonntag gerne gearbeitet hätten, welche Rolle der Aktionskreis gespielt hat und wieso die Gewerkschaft ihrem eigenen Ansehen schade.

Herr Stamm, Sie haben sich gewaltig über die Absage des verkaufsoffenen Sonntags im Gewerbegebiet geärgert. Wieso?

Stamm: Die einstweilige Verfügung, die Verdi erwirkt hat, trifft die Falschen. Es wird ja nicht die Stadt bestraft, sondern die Unternehmer und ihre Mitarbeiter.

Das ist interessant. Verdi gibt doch vor, die Interessen gerade der Mitarbeiter zu vertreten und zu schützen.

Stamm: Letztlich profitieren alle Mitarbeiter, wenn es ihrem Unternehmen gut geht. Und die Umsätze, die uns entgangen sind, werden nicht Montag, Dienstag oder Mittwoch nachgeholt. Die Möglichkeiten des Einkaufens sind heute zu vielseitig. Sie können auch sonntags im Internet 24 Stunden lang einen rechtsgültigen Kaufvertrag abschließen. Hier im Grenzgebiet werden die Umsätze außerdem in die Niederlande und nach Belgien verschoben.

Wieso überzeugen Sie die Kunden nicht mit Qualität und einem tollen Preis-Leistungs-Verhältnis anstatt mit unattraktiven Arbeitszeiten für Ihre Mitarbeiter?

Stamm: Das gelingt uns mit Sicherheit! Aber führen Sie sich bitte mal diese Besucherströme vor Augen, wenn Sie sonntags Richtung Roermond, Maastricht oder Vaals fahren! Gucken Sie sich die Gartencenter dort an! Die Leute wollen sonntags etwas unternehmen und kaufen auch gerne dabei ein. Die Bevormundung des Verbrauchers durch Verdi wird am Ende Arbeitsplätze kosten, weil die Einsatzmöglichkeiten fehlen. Das lässt sich leicht ausrechnen.

Es gibt hier in unserer Grenzregion Supermärkte, vor denen parken fast mehr Autos mit niederländischen oder belgischen Kennzeichen als mit deutschen. Man hat den Eindruck: Die Supermärkte schaffen es, aus der Grenznähe sogar einen Vorteil zu machen, auch ohne Sonntagsverkauf.

Stamm: Ich komme selbst aus dem Lebensmittelbereich und habe bei einem großen Discounter gearbeitet. In der Tat hat Deutschland im Lebensmittelbereich weltweit das niedrigste Preisniveau. Das liegt an den großen Ketten. Die Strukturen sind in unseren Nachbarländern noch etwas anders. Dieser Bereich ist nicht vergleichbar mit anderen Branchen. Supermärkte und Discounter haben eine Versorgungsfunktion, da ist kein Erlebniseinkauf wie in einem Gartencenter oder im Modebereich gefragt.

Sind Ihre Angestellten wirklich so wild darauf, sonntags für einen Erlebniseinkauf zu sorgen?

Stamm: Ich glaube nicht, dass meine Angestellten jeden Sonntag arbeiten wollen. Aber sie sind gerne bereit, das viermal im Jahr zu tun. Eine Verkäuferin hat mir gesagt, wie sehr sie es bedauert, dass sie kein Verdi-Mitglied ist. Wäre sie es, könnte sie nach der vergangenen Woche nämlich austreten und so ihren Ärger dokumentieren.

Das sagt die eine Mitarbeiterin. Sehen das alle so? Bedenken Sie bitte, dass Angestellte ihrem Chef nicht unbedingt immer die reine Wahrheit sagen.

Stamm: Dann befragen Sie meine Mitarbeiter doch selbst. Die arbeiten gerne sonntags. Sonntags hat der Verkauf einen gewissen Eventcharakter, die Frequentierung durch die Kunden ist hoch. Das macht Spaß. Und es werden laut dem mit Verdi vereinbarten Tarifvertrag 100 Prozent Zuschlag gezahlt. Ich habe aus meinem Unternehmen noch nie eine Gegenstimme gehört. Dafür aber aus anderen Unternehmen, dass die Einstellung der Mitarbeiter die gleiche ist wie bei unseren.

Verdi sagt: Wenn die Angestellten anständig bezahlt werden, haben sie Sonntagszuschläge nicht nötig. Ihre Entgegnung?

Stamm: Ich kann nicht für andere Unternehmen sprechen. Ich gehe davon aus, dass wir unsere Mitarbeiter sehr fair bezahlen. Und wir lassen sie am Gewinn teilhaben. 2016 war das umsatzstärkste Jahr, das wir je hatten, und glauben Sie mir: Auch unsere Mitarbeiter haben davon profitiert.

Wenn die Geschäfte so gut laufen, ist umso weniger zu verstehen, wozu Sie sonntags verkaufen müssen. Anscheinend reichen doch die übrigen rund 300 Tage aus.

Stamm: Wir machen fast fünf Prozent unseres Umsatzes an den verkaufsoffenen Sonntagen. Bisher waren das je vier in unseren Geschäften in den Innenstädten und zwei hier im Gewerbegebiet. Zugegeben: Wir als Herrenbekleidungsgeschäft profitieren womöglich besonders stark, weil gerade Männer in der Woche wenig Zeit haben. Wenn fünf Prozent des Umsatzes fehlen, schlägt das jedenfalls bis auf die Mitarbeiter durch.

Angenommen, Sie haben mit allem Recht: Wie kommt Verdi zu der Annahme, im Interesse der Mitarbeiter zu handeln?

Stamm: Ich glaube, dass Verdi an der Stelle die Angestellten und Mitglieder ein bisschen aus den Augen verloren hat. Es ist ein Machtspiel. Verdi möchte die Genehmigungsbehörde für offene Sonntage werden und diese Macht vielleicht auch an anderer Stelle ausspielen.

Wenn Sie die freie Auswahl hätten: An wie vielen Sonntagen im Jahr würden Sie öffnen?

Stamm: Exakt an vier Sonntagen.

Ehrlich? Nur?

Stamm: Das halten wir für eine vernünftige Lösung, die ja auch mal im Einklang mit Verdi gesetzlich verankert worden ist.

Vier Sonntage pro Standort?

Stamm: Ja. Ich kann diese Unterscheidung zwischen Innenstadt und Gewerbegebiet auch nicht so ganz nachvollziehen. Wir brauchen eine rechtliche Lösung, bei der für jeden Unternehmer gleiches Recht gilt. Es kann doch nicht sein, dass der eine, der vielleicht in einer Randlage angesiedelt ist, von solchen Veranstaltungen nicht profitieren darf, und der im Zentrum wohl. Wir haben es hier mit einer Wettbewerbsverzerrung zu tun, die nicht im Sinne des Gesetzgebers sein kann. Es muss für eine klare Lösung gesorgt werden. Zudem war im aktuellen Fall der Zeitpunkt der sogenannten Intervention mehr als unglücklich.

Das hat doch die Stadt Geilenkirchen verbaselt, indem sie versucht hat, Verdi zu übergehen.

Stamm: Es hat definitiv ein Versäumnis der Stadt gegeben, was das Anmeldeprozedere betrifft. Das steht außer Frage. Es sollte ja ein routinemäßiger Verwaltungsakt sein, die im Gesetz benannten Institutionen zu informieren. Ich habe aber kein Verständnis dafür, wenn Verdi argumentiert, keine Kenntnis von dem Termin gehabt zu haben. Würden wir zwei heute herausfinden wollen, wann in den 50 Kommunen, für die Verdi in Aachen zuständig ist, Sonntagsöffnungen geplant sind, würden wir das in einer Stunde erledigen. Verdi hätte also früher tätig werden können. Wenn stattdessen auf Zuruf von Bürgern reagiert wird, führt das zu einer deutlichen Ungleichbehandlung. Denn in der einen Kommune beschwert sich jemand, in der anderen nicht.

Wäre die Stadtverwaltung von sich aus an Verdi herangetreten, wie es im Gesetz steht, hätte es keinen Zuruf gebraucht. Die Stadt war in der Bringschuld.

Stamm: Sicherlich. Trotzdem lasse ich das Argument nicht gelten, man habe keine Kenntnis gehabt, das ist an den Haaren herbeigezogen. Der Termin war in einer öffentlichen Ratssitzung beschlossen und auf der Homepage des Aktionskreises kommuniziert worden. Auch in anderen Städten sind möglichst kurzfristig einstweilige Verfügungen beantragt worden. Ich glaube: um möglichst viel Schaden zu verursachen.

Ein schwerwiegender Vorwurf...

Stamm: ...den ich an dieser Stelle nicht zurückziehen werde!

Gab es eine Absprache zwischen Stadt und Aktionskreis, Verdi die Termine nicht vorzulegen?

Stamm: Nein. Der Aktionskreis beantragt die verkaufsoffenen Sonntage bei der Stadt. Der damit verbundene Verwaltungsakt entzieht sich völlig unserer Kenntnis.

Was ist mit Ihnen? Sie scheinen ja über die Hintergründe sehr gut informiert zu sein. Haben Sie nicht geahnt, dass es Probleme geben könnte?

Stamm: Heiner Coenen, der Geschäftsführer des Aktionskreises, und ich sind vor circa sechs bis acht Wochen bei einer Veranstaltung von Einzelhandelsverband und Industrie- und Handelskammer in Aachen eingeladen gewesen. Da ging es im Wesentlichen um das Thema Sonntagsöffnungen. Da ist uns eigentlich erst klar geworden, wie problematisch das Thema durch die aktuelle Rechtsprechung geworden ist. Wie auch immer: Wenn uns die Stadt die Veranstaltung genehmigt, müssen wir uns darauf verlassen können, sowohl als Aktionskreis als auch als Unternehmer.

Neben den ausgebliebenen Umsätzen klagen die Händler auch über Investitionen, die – insbesondere aufgrund der Kurzfristigkeit der Absage – verloren sind. Was für Investitionen sollen das sein?

Stamm: Insbesondere Werbekosten. Aber es geht auch um den Imageschaden. Der erste Kunde, der hier am Sonntag eintraf, war extra aus Solingen gekommen. Wie Sie sich vorstellen können, war er alles andere als begeistert. Ich habe ihn dann auf einen Kaffee und ein Stück Kuchen eingeladen.

War er besänftigt?

Stamm: Er hat meine Situation verstanden. Was er nicht verstanden hat, war das Handeln der Gewerkschaft.

Wie viele Kunden sind denn im Laufe des Tages gekommen?

Stamm: Nur fünf. Ich habe aber auch extremen Aufwand betrieben, damit jeder rechtzeitig mitbekommt, dass nicht verkauft wird.

Wie geht es nun weiter?

Stamm: Wir hoffen auf ein konstruktives Gespräch mit allen Beteiligten, also Aktionskreis, Stadt und Verdi.

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