Ursulahof: Ursprung des Dorfes Lindern

Von: Johannes Gottwald
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Unweit des Linderner Bahnhofes bildet die bogenförmige Straße „Ursulahof“ eine Verlängerung des Südkamps, der von der Linnicher Straße abzweigt. Foto: Johannes Gottwald
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Die Kölner Kirche St. Ursula ist der einstige Eigentümer des Klosters und somit der Namensgeber des Gässchens.

Geilenkirchen. Sie liegt in einem verborgenen Winkel unweit des Linderner Bahnhofes und bildet eine bogenförmige Sackgasse – die Straße „Ursulahof“,eine Verlängerung des Südkamps, der von der Linnicher Straße abzweigt.

Heute wird sie von großzügigen Einfamilienhäusern gesäumt, aber vor tausend Jahren bestand dort ein Gutshof mit landwirtschaftlichem Betrieb. Er hat die Zeiten nicht überdauert, die Quellenlage über seine Geschichte und sein Verschwinden ist sehr dürftig. Trotzdem erscheint es sinnvoll, den Ursulahof nicht zu vergessen, denn von hier aus nahm das Dorf Lindern seinen Ursprung.

Der Name hat allerdings nichts mit den Ursulinen zu tun, die in Lindern weder eine Schule noch eine Ordensniederlassung betrieben haben. Vielmehr verweist er auf den einstigen Eigentümer, die Kirche St. Ursula in Köln. Dort bestand schon in karolingischer Zeit ein Kloster, das um 920 zum Damenstift wurde.

Es war offenbar sehr wohlhabend, denn im Hochmittelalter entstand an Stelle der alten Klostergebäude die heutige prachtvolle Altstadtkirche St. Ursula, die noch heute mit ihrem massigen Westturm unweit des Kölner Hauptbahnhofes einen Blickfang bietet und zusammen mit den anderen romanischen Kirchen Kölns zum Weltkulturerbe der UNESCO zählt.

Im Jahre 945 erhielt das St. Ursula-Kloster den Gutshof in Lindern aus der Hand des damaligen Kölner Erzbischofs Wichfried, der von 925 bis 953 regierte. Wichfried war ein mächtiger und einflussreicher Mann: Über seine Mutter, die aus dem Geschlecht der Ludolfinger stammte, war er mit dem damaligen deutschen Kaiserhaus verwandt. Wahrscheinlich erhielt er schon mit 25 Jahren das Bischofsamt und wirkte 936 bei der Krönung von Otto dem Großen im Aachener Dom mit, wo er zusammen mit den Erzbischöfen von Trier und Mainz die kirchliche Salbung vornahm.

Später wurde Wichfried Erzkaplan und Erzkanzler des Kaisers und gehörte damit zu dessen engsten Beratern und den mächtigsten Reichsfürsten. Wichfried war auch der erste Kölner Bischof, der Urkunden aus Pergament erstellen ließ – und diesem Umstand haben wir die erste Erwähnung von Lindern zu verdanken.

Unter dem 29. August 945 ist der Schenkungsakt an das St. Ursula-Stift in lateinischer Sprache überliefert: „...Dedimus itaque eis in pago et comitatu in loco qui dicitur Lintlar“ heißt es darin. Dieser „Ort, der Lintlar heißt“ wird von den Historikern mit dem Dorf Lindern identifiziert. Diese Deutung erhält zusätzliches Gewicht durch die Tatsache, dass Bischof Wichfried dem Kloster noch weitere Güter aus der gleichen Gegend übertrug, nämlich in Coxlar (Koslar) und Ruodesthorp (das heutige Rurdorf).

Eine Verwechslung mit dem bergischen Städtchen Lindlar ist ausgeschlossen, denn dort bestand ein Fronhof, der nachweislich dem Kölner Severinskloster gehörte.

Wie Bischof Wichfried in den Besitz dieser ansehnlichen Ländereien in unserer Region gelangte, ist nicht bekannt. Man darf aber vermuten, dass – ähnlich wie im Falle des benachbarten Würm – ein Vermächtnis der Grund war. Nicht wenige adelige Grundherren, die keine Nachkommen hatten, setzten vor ihrem Tode die Kirche als Erben ein oder vermachten ihr einen Teil ihres Besitzes.

Eine solche wohltätige Stiftung diente gewissermaßen als „Eintrittsgeld“ ins Himmelreich, denn damit konnte man manche Sünden „zudecken“ oder die zeitlichen Fegefeuerstrafen abkürzen. Auf diese Weise kam die Kirche im Laufe der Zeit zu viel Besitz und Macht – eine Entwicklung, die nicht nur positive Aspekte hatte.

Wie lange der Ursulahof im Besitz des Kölner Klosters verblieb, lässt sich leider nicht ermitteln. Offenbar war es jedoch ein langer Zeitraum, denn auch andere Straßen- und Flurbezeichnungen wie „Stiftsgasse“ oder „Nonnhofer Weg“ erinnern noch an diese Zeit. Fest steht nur, dass im Jahre 1802 im Rahmen der Säkularisierung auch das St.Ursula-Kloster aufgehoben wurde. Mit Ausnahme der Kirche wurden die Klostergebäude abgerissen, der Landbesitz fiel ebenfalls an den Staat und wurde häufig an Privatpersonen veräußert.

Der Ursulahof mit seinen umliegenden Bauernhäusern bildete jedenfalls ab 945 die Keimzelle für das spätere Dorf Lindern. Die älteste Bezeichnung Lintlar wird als „Siedlung an der Linde“ gedeutet und entwickelte sich über „Lynnar“, „Linner“ und „Linderen“ bis zur heutigen Namensform.

Ab dem 15. Jahrhundert sind auch andere Gutshöfe nachweisbar, die Kirche St. Johann Baptist stammt aus dem 16. Jahrhundert, blieb aber bis 1857 Filialkirche von Brachelen.

Wenn heute Sportmannschaften, Schützenvereine oder Kegelclubs aus Lindern einen Ausflug nach Köln unternehmen, sind zumeist die Kneipen, Brauhäuser, Tanzschiffe oder Diskotheken die vorrangigen Ziele.

Vielleicht lohnt es sich auch für sie, einmal einen Blick in die altehrwürdige St. Ursula-Kirche zu werfen – um sich ins Gedächtnis zu rufen, dass von hier aus die ersten Impulse für die Entwicklung des Heimatortes ausgingen.

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