Geilenkirchen/Gangelt - Und jetzt die Vollbremsung: Unterwegs mit einem Fahrlehrer

Und jetzt die Vollbremsung: Unterwegs mit einem Fahrlehrer

Von: Laura Beemelmanns
Letzte Aktualisierung:
5482644.jpg
Fahrschüler Markus (rechts) befindet sich in den letzten Zügen. Nächste Woche wird er geprüft. Fahrlehrer Mario Nybelen (links) bereitet ihn vor. Fotos (2): Laura Beemelmanns Foto: Laura Beemelmanns

Geilenkirchen/Gangelt. „Wir fahren dann unten am Ende der Straße rechts raus“, sagt Mario Nybelen (51) zu seinem Fahrschüler Markus (17). Der steht unmittelbar vor der Führerscheinprüfung und absolviert heute eine Nachtfahrt. „So, und nun bleiben wir geradeaus, und dann nehmen wir die zweite Straße rechts aus dem Kreisverkehr raus.“

Markus folgt stillschweigend den Anweisungen seines Fahrlehrers, schaut über die Schulter, blinkt, nimmt das Tempo runter, und biegt ab. „Richtig, Schulterblick, auch super gemacht“, lobt Nybelen den 17-Jährigen. Mario Nybelen ist seit rund 30 Jahren Fahrlehrer. Er hat die Fahrschule nach dem Abitur von seinem Vater übernommen, nachdem dieser schwer erkrankt war.

Der metallic-blaue Seat fährt auf den Parkplatz eines Discounters. „Langsamer werden“, sagt Nybelen, und: „Nun such dir mal einen Parkplatz aus.“ „Egal welchen?“ „Ja, egal welchen. Letztes Jahr war das bei einer Prüfung mal eine Aufgabe. Es standen nur zwei Fahrzeuge auf dem gesamten Parkplatz. Die Schülerin durfte sich einen aussuchen und wählte den zwischen den beiden Fahrzeugen. Die Lücke war zu klein, ich musste eingreifen und bremsen, und sie hat die Prüfung nicht bestanden. Wenn du also die Qual der Wahl hast, nimm dir einen großen Parkplatz.“ Markus wählt eine große Lücke am hintersten Ende des Parkplatzes, fährt langsam in die gekennzeichnete Fläche und bleibt stehen. „Das hast du prima gemacht.“

Nybelen hat schon mehrere Tausend Fahrschüler zum Führerschein gebracht. Bis vor rund fünf Jahren mussten die Schüler noch nicht auf Supermarkt-Parkplätzen einparken. Das habe sich geändert. „Heute wird etwas mehr Detailarbeit verlangt“, sagt er. Markus parkt aus und biegt in die Bundesstraße ab.

„Du kannst den vierten Gang nehmen, hier ist 70.“ Markus schaltet. Bei ihm sei nicht mehr viel Detailarbeit nötig. Hin und wieder erinnert Nybelen ihn an den Schulterblick, und sagt ihm, dass er sich mehr Zeit lassen soll.

Sie sitzen zum achten Mal gemeinsam im Fahrschulauto. Es ist 19 Uhr, und Markus fährt nicht nur im Dunkeln, sondern soll auch noch seine erste Vollbremsung machen. „Wir fahren am Ende rechts“, sagt Nybelen. Markus biegt in die Rosenbenden. „Das Tempo ist auf jeden Fall sehr gut“, bemerkt Nybelen beim Blick auf den Tacho. „Neben dem kleinen weißen VW parkst du bitte rückwärts ein.“

Markus nähert sich dem parkenden Pkw. „Lass dir Zeit“, sagt der 51-Jährige. Nun fährt Markus ganz langsam an dem Auto vorbei, lenkt ein, und steht. „Der Prüfer würde nun sagen ,noch mal näher ran‘“, weiß Nybelen aus Erfahrung. Und schon beginnt Markus mit der Korrektur. „Gut, wunderbar.“

Die Fahrschule Nybelen gibt es seit bald 50 Jahren. Sie wurde Anfang der 60er Jahre von Mario Nybelens Vater gegründet. Heute lehren insgesamt fünf Fahrlehrer in den vier Fahrschulen in Tüddern, Gangelt, Birgden und Breberen.

„Bei Gelegenheit bitte eine Möglichkeit zum Umkehren suchen“, so Nybelen weiter. Das Wenden-in-drei-Zügen gebe es nicht mehr. Beim Umkehren müsse sich der Fahrschüler einen passenden Platz aussuchen und dürfe dabei nicht über den Bordstein fahren. Nach dem Umkehren soll Markus wieder in den Verkehr zurück. Plötzlich bremst Nybelen abrupt. Markus hat den Schulterblick vergessen.

In den Prüfungen gibt es vier Grundaufgaben. Das Einparken – längs oder quer –, Umkehren und rückwärts um eine Kurve fahren. Zudem gehört zu jeder Fahrprüfung inzwischen auch eine Vollbremsung. „Die Fahrschüler sollen darauf vorbereitet werden, damit sie die Scheu verlieren“, sagt Nybelen. Die beiden fahren wieder los in Richtung Süggerath. „Das Tempo ist wunderbar, schön angepasst.“ Gleich neben der Bahnstrecke zwischen Süggerath und Geilenkirchen Stadt gibt es kein Tempolimit zu sehen.

„Viele sagen ,ich darf doch 100 fahren‘, aber das stimmt nicht. Man muss die Geschwindigkeit auch der Fahrbahn anpassen“, erklärt Nybelen, „das ist das oberste Gebot im Straßenverkehr.“ Die Straße ist kurvenreich und daher uneinsichtig. Markus fährt 70 Stundenkilometer und nähert sich der Innenstadt. „Du musst zurückschalten, das geht nicht im vierten Gang“, sagt Nybelen. Markus lenkt den Wagen durch die Innenstadt in Richtung Industriegebiet Niederheid. Ein parkendes Auto verengt die Fahrbahn. Der 17-Jährige hält, blinkt und wartet bis das entgegenkommende Fahrzeug vorbeigefahren ist. „Magst du einen Kaugummi?“, fragt der Fahrlehrer. Markus lehnt dankend ab. „Ich habe die immer dabei, falls den Schülern bei der Prüfung die Spucke wegbleibt“, scherzt Nybelen.

Er sagt, er sei mit Herzblut Fahrlehrer. Zurzeit sei es jedoch schwierig. Durch den demografischen Wandel gebe es immer weniger Schüler. Ab 2015 soll die Zahl erneut sinken. Doch auf dem Land seien die Menschen nach wie vor den Führerschein angewiesen. Im Jahr 2010 gab es in Deutschland 12.950 Fahrschulen. Im Jahr 2000 waren es noch 13.726. Im Jahr 2011 sind mit 885.000 Fahrerlaubnisurkunden etwa 40.000 Führerscheine weniger ausgestellt worden als 2009, obwohl die Zahl der Fahrlehrer im besagten Zeitraum von 54.395 (2009) auf 55.109 (2011) angewachsen ist.

Die beiden biegen nun ins Industriegebiet ab und suchen ein ruhiges Plätzchen. „Du fährst 30 Stundenkilometer im zweiten Gang. Und wenn ich ,jetzt‘ sage, drückst du Kupplung und Bremse gleichzeitig und trittst so stark darauf, wie du kannst“, erklärt Nybelen. Markus nickt, hält das Lenkrad fest in beiden Händen und fährt los. „Jetzt!“ Die beiden Köpfe fallen nach vorne, ihre Körper werden vom Gurt gehalten. Im Bruchteil einer Sekunde steht der Wagen still.

„Hast du den Unterschied zum normalen Bremsen gemerkt?“ „Der Wagen steht schneller?“, vermutet Markus. „Er hat leicht geruckelt. Das ABS hat eingesetzt“, erklärt Nybelen. „Das ist auch dem Prüfer wichtig. In der Prüfung hast du aber drei Versuche.“ „Wieso das? Ist doch total einfach“, sagt Markus. „Ja schon, aber manche haben Angst oder sind aufgeregt.“

Nybelen schickt den jungen Fahrschüler wieder zurück in den Verkehr. Und bremst erneut abrupt ab. „Hast du nicht etwas vergessen?“, fragt er Markus. Das Übliche: Schulterblick, Blinker.

Nybelen sagt, dass er auch nach vielen Jahren die meisten seiner Schüler wiedererkennt und zumindest ihren Vornamen weiß. Auf all seinen Touren wurde noch nie ein Fahrschüler geblitzt. „Ich habe ein sehr gut ausgebildetes Bremspedal“, scherzt er. Es habe jedoch einige Auffahrunfälle gegeben. Dann, wenn der Hintermann zu nah auffuhr und der Fahrschüler den Wagen abwürgte. Markus ist das zum Glück noch nicht passiert. Er schaut nach hinten, blinkt und fährt los. „Da hinten biegen wir dann rechts ab“, sagt Nybelen.

Leserkommentare

Leserkommentare (2)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert