Unbesungene Helden mit dem „Zuckerrüben-Gen“

Von: Heiner J. Coenen
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So sahen vor rund vierzig Jahren große Traktoren und große Rübenanhänger aus. Dieses Bild ist von 1977. Foto: Heiner J. Coenen
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Original-Patina: Petroleumlampen von August Coenen, Lindern, bis 1960 als Schlusslichter am zweiten Anhänger „mit Auflaufbremse“ benutzt. Dann kamen Druckluft-Bremse und elektrisches Licht. Foto: Heiner J. Coenen

Geilenkirchen. „Küenes Eu“ aus Lindern gehörte in den 1970er- und 80er-Jahren zu der legendären, verschworenen Gemeinschaft der Landwirte, die regelmäßig im Herbst, während der „Kampagne“ mit ihren Rübenfahrzeugen – damals oft ein größerer Traktor und zwei mit Zuckerrüben hoch beladenen Anhängern – die Straßen bevölkerten.

Den Kindern dieser Rüben-Fachleute war schon seit Volksschulzeiten klar, weshalb diese Feldfrucht im Herbst so häufig auf den Landstraßen auftrat. Sie hatten bei guten Volksschullehrern gelernt, dass es drei besonders fruchtbare Gegenden mit sehr guten, schweren Böden in Deutschland gab, die man „Börden“ nannte: die „Magdeburger“, die „Soester“ und die „Jülicher Börde“, und dazu gehören große Teile unserer Gegend auch.

Arbeitsbeginn um 4 Uhr früh

„Eu“, jedenfalls, der es über alles liebte, mit Traktor und Rüben unterwegs zu sein, brachte es mit seinem Hannomag Brillant 701 mit 75 Pferdestärken an guten Tagen auf drei Touren, was natürlich bedeutete, um 4 Uhr früh zum ersten Mal loszufahren. Nicht selten kamen täglich mehrere Rübenfahrzeuge hintereinander, zum Beispiel über die Landesstraße 228 durch Lindern, um dann Richtung Linnich, Ameln oder Jülich zu fahren. Man konnte auf der Ortsdurchfahrt durchaus das Gefühl haben, dass der halbe Kreis Heinsberg mit Rüben durch den Ort kommt.

Das Motorengeräusch der Traktoren, die bei voller Last eine Steigung über die Eisenbahnbrücke in Lindern zu bewältigen hatten, gehörte zwischen September und Weihnachten zur Klangkulisse des Ortes. Da damals noch nicht alles so durchgetaktet war wie heute, kamen diese „Gesellen der Landstraße“ oft vor der Zuckerfabrik an, um dann in einem gefühlt kilometerlangen Rückstau eine längere Wartezeit zu verbringen, die aber mit guten Gesprächen und gelegentlich „ene Klore“‘ prima überbrückt wurde.

Wo sind die Kolonnen geblieben?

Heute, 2015, kommen solche Bilder wie in den 1970er- und 1980er-Jahren nicht mehr vor; man sieht kaum noch Rübenfahrzeuge auf bestimmten Landstraßen. Wo sind die Fahrzeugkolonnen geblieben, denn die weiten Zuckerrübenflächen sind doch nach wie vor vorhanden? Die einzelnen einsamen Rübenfahrzeuge, die heute im Laufe der Woche auf der L 228 gesichtet werden, sind nicht der Rede wert. Für jemanden, der mit Rüben und Getreide groß geworden war, bedurfte die Sache einer Klärung. Da passte es sehr gut, dass ganz unvermittelt eine Einladung zum Mitfahren von einem Sohn des oben Genannten ins Haus kam, die natürlich sofort angenommen wurde.

Also, wie das heute so ist: Auf Telefonanruf gewartet, Treffpunkt vereinbart, in den dort ankommenden Lkw gestiegen und der Faktencheck kann beginnen. Es fängt schon an mit der Kommunikation in der Fahrerkabine: Da, wo früher das gleichmäßige Motorengeräusch des Traktors die Begleitmusik der Fahrt war, ist heute der Landwirtschaftliche Betriebsfunk mit tonangebend. Und irgendwie ist das beeindruckend, denn die heimlichen Stars des neuen Rüben-Netzwerks sind die sogenannten Mausfahrer. Sie beladen die in regelmäßig Abständen anrollenden Rübenfahrzeuge – es handelt sich um Traktoren mit gerne mal 165 PS und Anhänger oder aber um Lkw mit Anhängern – mit ihren selbstfahrenden großen Rübenverladegeräten, die sie trotz ihrer Größe „Maus“ nennen. Bei Nachfragen hört man, das riesige Gerät heiße so, weil die Rüben dann „wie die Mäuschen“ über die Bänder des Gerätes in die Anhänger „laufen“. Sage keiner, handfeste Landwirte hätten keine lyrische Ader.

Und noch etwas fällt auf: Bei dem heutigen gewaltigen Kapitaleinsatz in der Landwirtschaft sind es keine „Dummis“, die da mit den großen, teuren Geräten hantieren. Der an diesem Tag begegnende „Mausfahrer“ ist ein quicklebendiger, junger staatlich geprüfter Landwirt, der von seinem Befehlsstand auf der Maus digital und multimedial nicht nur die jeweiligen Fahrzeuge belädt, sondern auch die ganze rollende Truppe mit Betriebsfunk oder Smartphone minutengenau souverän an die im Laufe des Tages durchaus wechselnden Standorte dirigiert. Diese Punkte ergeben sich aus den Rübenmieten, die die Landwirte selbst angelegt oder durch Lohnunternehmer haben aufhäufen lassen. Die ewig gefräßige „Maus“ befördert diese Rüben dann wieder auf die Anhänger, und ab geht die Post.

Und dann geht alles ratzfatz

An der Zuckerfabrik in Jülich, der einzigen in unserer Gegend verbliebenen, heute zu Pfeifer & Langen („Kölner Zucker“) gehörenden Fabrik, geht es natürlich digital weiter. Ein Datenschlüssel hat schon beim Verladen auf der Maus die relevanten Daten (Name, Menge und so weiter) aufgenommen. Dieser Schlüssel wird bei der Ankunft an der Fabrik der freundlichen Dame am Eingangsbüro überreicht. Sie liest die Daten aus, und dann geht alles ratzfatz: Weiterfahrt bis zur Kippe oder zur Spritze, Klappen der Anhänger entriegeln, das minutenschnelle Verschwinden der Rüben in den Transportanlagen der Fabrik abwarten, den besagten Datenschlüssel in eine Apparatur stecken, umdrehen – und fertig. Das heißt: noch nicht ganz.

Im Lkw gibt es auch ein digitales Gerät. Schlüssel rein, entsprechender Befehl, und der natürlich auch an Bord befindliche Drucker druckt ein DIN-A4-Blatt aus, das wieder alle relevanten Daten enthält: Name, Menge und so weiter. Jetzt ist die Tour abgeschlossen; es geht wieder Richtung Feld und „Maus“. Für ein Schwätzchen beim Warten an der Fabrik war eigentlich keine Zeit, obwohl der Geist der Rübentruppe ist beobachtbar: man kennt sich, man fädelt sich aus verschiedenen Richtungen ankommend im Reißverschlussverfahren vor der Fabrik ein, man grüßt sich, man hat Respekt vor der Leistung der anderen.

Ach ja: Die früher über die L 228 rollenden Rübenfahrzeuge gibt es in dieser Häufigkeit nicht mehr, da die L 221 von Heinsberg an diese Verkehre aufnimmt. An Geilenkirchen vorbei, dann Richtung Aldenhoven und weiter bis Jülich wirkt die L221 heute wie eine große „Rübenhauptschlagader“. Große, leistungsfähige Straßen, eine professionelle Organisation im Zwei-Schichten-Betrieb und optimierte Abläufe haben diesen wichtigen Wirtschaftszweig Zuckerproduktion total verändert.

Und noch etwas fällt dem Kenner auf: Waren die Anhänger früher so hoch beladen, dass auch dann und wann eine Rübe auf die Straße fiel, so könnte man heute denken: „Da ginge aber noch was drauf!“ Des Rätsels Lösung: Polizei und Landwirtschaft haben sich auf einen intelligenten Deal verabredet: Die Fahrzeuge werden heute so beladen, dass das zulässige Gesamtgewicht von 40 Tonnen nicht überschritten wird. Und das wird schon bei der digital unterstützten Beladung der Fahrzeuge durch die ‚Maus‘ gewährleistet: bei 39,7 oder 39,8 Tonnen ist Schluss; vernetzte Welt auch in der Landwirtschaft.

Fein abgestimmt

Die unbesungenen Helden der Landstraße aus den 1970er- und 1980er-Jahren fahren nicht mehr. Der ganze Anlieferungsprozess ist heute so fein abgestimmt, dass im Prinzip vor der Zuckerfabrik keine langen Warteschlangen mehr entstehen. Die nachfolgende Rübenfahrer-Generation sitzt heute in klimatisierten Traktorkabinen mit Radio, Smartphone, Navigationssystem und jeder Menge Computersoftware. Aber eines haben sie mit ihren Vätern und Großvätern gemeinsam: das Zuckerrüben-Gen.

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