Geilenkirchen - Trotz Demenz Freude am Leben haben

Trotz Demenz Freude am Leben haben

Von: Udo Stüßer
Letzte Aktualisierung:
Claudia Sonnenschein (2.v.r.)
Claudia Sonnenschein (2.v.r.) und Hanna Peinkofer (l.) beraten ab sofort Angehörige von dementen Menschen. Im Bildhintergrund Irena Stabel, Mitarbeiterin auf der Dementenstation.

Geilenkirchen. Jutta X. versteht die Welt nicht mehr. Liebe- und aufopferungsvoll pflegt sie ihre dementkranke Mutter. Doch immer dann, wenn Jutta ihre Mutter waschen will, wird sie aggressiv. Sie reißt sich los, stößt ihre Tochter weg. Jutta ist ratlos.

„In diesem Stadium der Demenz erkennt die Mutter ihre Tochter nicht mehr. So ist auch die Aggression zu verstehen. Denn wer lässt sich schon gerne von einer fremden Person an die Wäsche gehen?”, erklärt Alfons Nickels, Geschäftsführer der Franziskusheim gGmbH die Situation.

Er kennt die ständig neuen Herausforderungen, die Sorgen, Nöte und auch die Ängste dementer Menschen und deren Angehörigen. Rund eine Million Menschen leiden in Deutschland unter Demenz, in der Franziskusheim gGmbH sind es laut Nickels 65 Prozent der Bewohner.Deshalb wurden vor Jahren bereits spezielle Wohnformen und Betreuungskonzepte, Kursangebote für Angehörige und fachspezifische Veranstaltungen geschaffen.

Nun eröffnet das Franziskusheim eine Beratungsstelle für Menschen mit Demenz und deren Angehörige, um kostenlos Hilfestellung aus einer Hand anbieten zu können. „Dafür bekommen wir keine finanziellen Mittel, die Beratungsstelle wird aus eigenen Mitteln finanziert. Wir verstehen das als Dienstleistung für den Menschen”, erklärt Nickels. „Die Angehörigen von demenzkranken Menschen werden in vielfacher Weise körperlich und psychisch belastet”, weiß Hanna Peinkofer, als Ergotherapeutin im Sozialen Dienst der Franziskusheim gGmbH tätig.

Gemeinsam mit ihrem vierbeinigen Kollegen, dem Therapiehund Ole, arbeitet sie schon viele Jahre mit dementen Menschen. „Wir wollen unser Wissen nicht nur den Bewohnern unserer Einrichtungen zugute kommen lassen. Die Angehörigen von Dementen sollen wissen, dass sie nicht alleine stehen”, nennt sie einen Grund für diese Einrichtung. Dies unterstreicht auch Claudia Sonnenschein. Die Sozialarbeiterin beschäftigt sich seit mehr als zehn Jahren mit Demenz und hat den Dementenbereich im Franziskusheim aufgebaut.

„Wir erleben sehr häufig, dass die Angehörigen von unseren dementen Bewohnern Fragen haben. Unsere im Haus gemachten Erfahrungen wollen wir auch nach außen geben.” Von diesen Erfahrungen berichtet Alfons Nickels. „Viele Menschen pflegen ihre Angehörigen aufopferungsvoll. Und trotzdem gibt es Aggressionen und Gewalt, weil die Angehörigen mit der Krankheit nicht zurecht kommen. Die Kranken tauchen in die Welt der Verrücktheiten ein. Wir müssen mit ihnen in diese Welt eintauchen.”

Wenn die Mutter um 17 Uhr aus dem Bett aufstehe und bitte um ein Frühstück, solle man es ihr zubereiten. Ein Streit über die falsche Uhrzeit führe in dem Fall nicht weiter. Und wenn der Demenzkranke im Sommer mit dem Wintermantel umherspaziere, sei er keinesfalls zu maßregeln. „Man muss den Willen des Demenzkranken akzeptieren”, rät er. Claudia Sonnenschein ergänzt: Die Demenz ist mit dem Verlust der Alltagskompetenz und des Kurzzeitgedächtnisses verbunden.” Deshalb, so Nickels, müsse man sich auch stets mit der Biografie des Betroffenen auseinandersetzen. Dabei erinnert er sich an einen dementen Einzelhändler, der zu Hause liebevoll gepflegt wurde. Doch Tag für Tag wurde er um Punkt 18 Uhr aggressiv. So aggressiv, dass er in die geschlossene Abteilung einer psychiatrischen Einrichtung eingeliefert werden sollte.

„Von der Familie wurden wir gebeten, den Mann aufzunehmen. Seine Biografie hat ergeben, dass der Mann früher um Punkt 18 Uhr die Obstkisten in seine Garage getragen hat. Wir haben ihm daraufhin abends Kartons gegeben, und er hat viele Jahre friedlich bei uns gelebt.” Viele Angehörige kennen die Hilfsstrukturen nicht. „Tagespflege ermöglicht den Menschen, länger in häuslicher Umgebung zu bleiben. Gemeinsam mit den Angehörigen können wir überlegen, welche Hilfsstrukturen man nutzt, um den Pflegenden zu entlasten”, sagt der Geschäftsführer. Hanna Peinkofer betont trotz aller Sorgen und Nöte: „Im fortgeschrittenen Stadium der Demenz handelt es sich um glückliche Menschen. Man kann auch mit Demenz Freude am Leben haben.”

Sprechstunde und Kurs für Angehörige

Als Alfons Nickels, Geschäftsführer der Franziskusheim gGmbH, die Arbeit mit dementen Menschen vorstellte, erinnerte er an seine Mitarbeiterin Monika Schumacher-Schmetz, die in der vergangenen Woche nach langer Krankheit gestorben ist.

„Sie hat sehr engagiert und mit großer Fachkompetenz mit Claudia Sonnenschein den Dementenbereich aufgebaut”, sagte er.

Die Beratungsstelle für Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen ist montags von 15.30 bis 17 Uhr und mittwochs von 10 bis 11.30 Uhr im Franziskusheim geöffnet.

Darüber hinaus können Termine vereinbart werden unter Tel.: 02451/6209222.

Im September beginnt ein Kurs für Angehörige von Dementen . Eine Anmeldung ist jetzt schon möglich.

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