Trotz Behinderung: Sven Böken sucht Zugang zur Arbeitswelt

Von: Ines Kubat
Letzte Aktualisierung:
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Der 23-Jährige Sven Böken ist bei den Behinderten-Werkstätten in Oberbruch angestellt. Derzeit macht er jedoch ein Praktikum im Geilenkirchener Franziskusheim und hat Freude an der Arbeit.
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Im Franziskusheim übernimmt Sven Böken Hilfstätigkeiten – zum Beispiel unterstützt er die Mitarbeiter bei der Essensausgabe an die Senioren.

Geilenkirchen. Es ist kurz nach 12 Uhr, als sich Sven Böken einen Rollator nimmt, ihn an den Esstisch im ersten Stock fährt und sich setzt. Ruhig und konzentriert hilft er einer Seniorin beim Essen. Das alles scheint Böken, 23 Jahre jung, einfach von der Hand zu gehen. Seit ein paar Wochen macht er sein Praktikum im Geilenkirchener Franziskusheim für Senioren. Soweit nicht ungewöhnlich. Für Böken allerdings doch.

Denn normalerweise arbeitet er in den Werkstätten in Oberbruch und erledigt dort kleinere Verpackungsarbeiten: Böken ist schwerbehindert.

Zugang ermöglichen

In dem Seniorenheim erhält er nun einen Einblick in die reguläre Arbeitswelt. Ihren Beschäftigten – zumindest denen, die dazu körperlich und geistig in der Lage sind – einen solchen Zugang zu ermöglichen, das gehört zu den Aufgaben der Behinderten-Werkstätten, wenn es nach dem Sozialgesetzbuch und den UN-Konventionen geht.

Lange Zeit stand diese Möglichkeit nur wenigen Beschäftigten einer Werkstatt für Menschen mit Behinderung offen. Um das zu ändern, hat das Land NRW gemeinsam mit dem Landschaftsverband Rheinland (LVR) und der Agentur für Arbeit 2013 ein zweijähriges Programm aufgelegt, das 1000 sogenannte Außenarbeitsplätze schaffen sollte.

Hinter dem Begriff verbirgt sich folgendes Konzept: Menschen mit Behinderung arbeiten in Unternehmen, bleiben aber weiterhin offiziell bei ihren Behinderten-Werkstätten angestellt, werden darüber versichert und auch entlohnt. Die Betriebe wiederum zahlen einen geringen Lohn an die Werkstätten, die ihnen ja quasi ihre Mitarbeiter „ausleihen“. Bevor die Beschäftigung aber auf Dauer angelegt wird, müssen sowohl Betriebe als auch der Mitarbeiter realistisch beurteilen, ob eine Stelle zu beiden Parteien passt. Und dies geschieht meistens in Form eines Praktikums, wie es Böken gerade macht.

Heinz Pütz, dem ehrenamtlichen Behindertenbeauftragten der Stadt Geilenkirchen, hat Böken es zu verdanken, dass er im Franziskusheim hospitieren kann. Schon im Oktober 2014 sei Böken ihm aufgefallen, sagt Pütz: Der junge Mann saß immer hinter ihm in der Teverener Kirche. Anders als viele andere Kirchgänger schmetterte Böken jedes Lied textsicher mit.

Doch es war nicht einfach, für den jungen Mann ein Praktikum zu finden – obgleich ausdrücklich nicht die Rede von einem anschließenden Arbeitsverhältnis war. Ein Geilenkirchener Unternehmen habe zunächst „verheißungsvolle Versprechungen“ gemacht, wie Pütz es ausdrückt. Die entpuppten sich jedoch nur als heiße Luft: Immer wieder seien er und Böken vertröstet worden, eine klare Zusage wurde nicht gegeben.

Anfang April dieses Jahres gaben Böken und Pütz auf – das Programm „1000 Außenarbeitsplätze“ des Landes NRW, des LVR und anderer Institutionen war mittlerweile ausgelaufen. Es hätte den Betrieb bei einer eventuellen Übernahme finanziell unterstützt. Dann habe Heinz Pütz bei Hanno Frenken, Geschäftsführer des Franziskusheims, nach einem Praktikumsplatz für Böken gefragt. Und der habe spontan zugesagt. „Als soziale Einrichtung ist es natürlich auch für uns immer wichtig, wie wir mit dem Thema Inklusion umgehen.“

Lob von der Chefin

Anfang Mai trat Böken dann endlich sein zehnwöchiges Praktikum an, dafür wurde er von der Werkstatt freigestellt. Um 8.30 Uhr morgens ist er da, um 15.30 Uhr geht er. „Pünktlich ist er eigentlich immer“, sagt Claudia Sonnenschein, Leiterin des Sozialdienstes. Der Praktikant räume sorgfältig auf und unterstütze den Sozialdienst: Er bringt den Senioren Frühstück und Mittagessen und verteilt Post. Und das mache ihm Spaß, sagt Böken: „Es ist mein Traum, hier weiter Fuß zu fassen und vielleicht später hier arbeiten zu können.“

Ganz so einfach ist es allerdings nicht, sagen Frenken und Sonnenschein. „Man muss realistisch sein.“ Das Praktikum sei zunächst eine Schnuppermöglichkeit. Und obgleich sie mit Böken zufrieden seien, binde er auch Kräfte anderer Mitarbeiter, weil er selbst Unterstützung benötige. Gleichwohl sei das Praktikum für Böken keineswegs verschenkte Zeit: Claudia Sonnenschein ist sich sicher, dass der 23-Jährige viel daraus für sich selbst mitnimmt: „Einerseits erfährt er sehr viel Anerkennung im Haus, andererseits ist er durch das Praktikum zu mehr Selbstständigkeit gezwungen.“ Ob es in Zukunft eine Stelle für ihn im Franziskusheim geben wird, ist nicht sicher, sagt Frenken. Es hänge vor allem vom künftigen Budget ab, das der Einrichtung zukommt.

„Es war ein Kraftakt, dieses Praktikum für Böken zu vermitteln“, sagt Pütz rückblickend. Er hoffe, dass es in Zukunft einfacher werde. Denn bei den Firmen, die er anfragte, sei er immer wieder auf Granit gestoßen und findet deshalb: „Viele Unternehmen drücken noch sich noch immer um die soziale Verantwortung, Behinderte zu integrieren“. Und solange das „Gesetz des guten Willens“ existiere und sich Firmen von dieser Verantwortung freikaufen könnten, werde sich das kaum ändern.

Ein kleiner Erfolg zumindest: Auch bei der Stadt Geilenkirchen soll ab Herbst ein Mitarbeiter einer Behindertenwerkstatt ein Praktikum absolvieren können.

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