Thomas Fiedler: „Geilenkirchens CDU ist ein Machtverein!“

Von: Udo Stüßer
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Die Wände sind schon kahl, der Schreibtisch wird bald leer sein. Thomas Fiedler räumt das Bürgermeister-Büro. In wenigen Wochen kann Georg Schmitz einziehen. Foto: Udo Stüßer
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Thomas Fiedler war einer der ersten Gratulanten nach der Wahl. Er arbeitet Georg Schmitz auch ein. Foto: Markus Bienwald

Geilenkirchen. Während es in der CDU nur so knallt und scheppert, räumt Thomas Fiedler auf. Seine Bürowände sind bereits kahl. Die herrlichen, von Mercatorschülern gemalten Bilder, die sein Büro im Rathaus geschmückt haben, hat er bereits in die Schule zurückgebracht. Auch sein Schreibtisch ist relativ leer.

Während Fiedler seine letzten Termine als amtierender Bürgermeister plant, ist die Zukunft der Geilenkirchener Parteipolitik nach den Rücktritten der Parteispitzen von CDU und SPD offener denn je. Trotz der allgemeinen Aufregung bleibt Zeit für ein letztes Interview.

Herr Fiedler, was bedeuten die Geschehnisse in der CDU und der SPD für die Geilenkirchener Politik?

Fiedler: Ich kann jedenfalls nur begrüßen, dass Leute wie Resi Hensen, Stefan Mesaros oder Wilfried Kleinen im Rat bleiben und Resi Hensen Ortsvorsteherin bleibt. Vor allen Dingen mit ihr verbindet mich eine lange, vertrauensvolle Zusammenarbeit. Und Wilfried Kleinen hat mit der Berufsbörse „Be Future!“ etwas geschaffen, das für Geilenkirchen große Bedeutung hat. Es wäre schade, wenn solche Leute der Kommunalpolitik den Rücken kehren würden. Ich hoffe, dass nicht aufgrund parteiinterner Querelen Konsequenzen gezogen werden, die die Ratsmandate betreffen.

Dabei ist die CDU ein wichtiger Grund dafür, dass Sie kein zweites Mal kandidiert haben.

Fiedler: Ich habe der CDU ein Angebot gemacht. Ich wollte als Unabhängiger mit Duldung der CDU und anderer Parteien wieder kandidieren. Doch das Angebot wurde nicht weiter verfolgt. Man handelte nach dem Tenor „Wenn wir keinen Besseren finden, können wir den Fiedler immer noch nehmen“. Das zeigt doch die geringe Wertschätzung, die man mir gegenüber hat. Die Bürgerliste hat sich schnell für einen eigenen Kandidaten entschieden. Die SPD hat mich gefragt, aber ich wollte nicht für nur eine Partei stehen. Ideal wäre gewesen, wenn CDU und SPD sich hinter mich gestellt hätten.

Und dann ging es ruppiger zu…

Fiedler: Ja, nach dem Nominierungsverfahren der CDU im Januar wurde der Ton noch schärfer. Es ging jetzt um einen Ermächtigungswahlkampf. Die CDU wollte unbedingt die Wiederherstellung der Verhältnisse von vor 2009. Kommunalpolitik ist ja der Versuch, Machtgelüste mit rationalen Argumenten zu verkleiden. In dieser Situation habe ich mich in der Politik gefühlt wie ein „Johann ohne Land“. Da habe ich mir gesagt: Ohne mich, das tue ich mir nicht mehr an. Es wurden sogar Entscheidungen, die im Sinne der Wirtschaftsförderung und unternehmerisch klug waren, von der CDU verhindert, um mich als Bürgermeister zu schwächen und einen eigenen Kandidaten aufzubauen. Macht war das Ziel. Wenn so Handeln für das Wohl der Stadt verhindert wird, hat man keine Lust mehr. Die CDU und andere Fraktionen haben sich immer wieder meinungsstark und wissensschwach auf die Wirtschaftsförderung gestürzt.

Nennen Sie doch ein Beispiel!

Fiedler: Ich hatte einen Investor für ein Gebäude im Gewerbegebiet. Sechs Firmen wollten einziehen. Dieses Projekt wurde vornehmlich vom Fraktionsvorsitzenden der CDU verhindert. Darauf habe ich ihm gesagt, er solle das dem Investor erklären. Als ich dann später mit dem Investor sprach, sagte er mir, Wolff habe ihm erklärt, dass er nichts gegen das Projekt habe, er habe lediglich politische Gründe für seine Ablehnung.

Gehen Sie schweren Herzens? Tut der Abschied weh? Oder sind Sie erleichtert?

Fiedler: Ich habe mir die Entscheidung gut überlegt. Der Abschied tut nicht weh. Ich ziehe nicht weg, ich werde aber auch nicht ums Rathaus streifen. Ich freue mich, wenn ich den einen oder anderen sehe. Aber bei dem Ton, der seit dem Wahlkampf 2014 herrschte, wollte ich nicht weitermachen.

Wie werden Sie Ihren Ruhestand verbringen? Als Pensionär oder suchen Sie neue Herausforderungen?

Fiedler: Kommunalpolitisch werde ich mich nicht mehr engagieren. Ich werde mich ehrenamtlich für die Freunde der Kammermusik in Übach-Palenberg einsetzen und dort dem Vorstand zuarbeiten. Ich nehme nebenamtlich meinen alten Beruf in der Erwachsenenbildung wieder auf und werde Deutsch als Fremdsprache unterrichten. Und ich weiß meine Freizeit mit Musik, Literatur und anderen schönen Dingen auszufüllen.

Sie haben Ihrem Nachfolger Georg Schmitz angeboten, ihn einzuarbeiten. Er hat eingeräumt, viel lernen zu müssen: Was muss er unbedingt lernen? Was wird für Schmitz besonders schwierig sein?

Fiedler: Ich habe ihn bereits mit zu einer Verwaltungsvorstandssitzung genommen, das hätte ich übrigens im Gegensatz zu meinem Vorgänger mit jedem anderen Kandidaten auch gemacht. Mir haben 2009 Herbert Brunen und Hans Hausmann sehr geholfen. Es gibt sicherlich ein paar Dinge, die Schmitz gründlich lesen wird: die Anleitung für Ratsmitglieder, die Gemeindeordnung, wichtige Handreichungen zur kommunalen Finanzwirtschaft und natürlich die interne Dienstanweisung. Dem hätte sich auch kein anderer Kandidat entziehen können. Georg Schmitz wird als Bürgermeister aus der Natur des Amtes heraus im Laufe der Zeit einen drastischen Verlust an Freunden haben. Denn er wird auch so manche unliebsame Entscheidung treffen müssen. Das Klima des immensen Wohlwollens und des Wohlfühlens inmitten seiner zahllosen Fans wird dann vorbei sein. Er wird unweigerlich Anhänger verlieren. Das wird eine persönliche Herausforderung, sozusagen ein mentaler Kleiderwechsel für Georg Schmitz.

Der aber nicht von einer Partei gestärkt wird…

Fiedler: Die CDU hat in den vergangenen sechs Jahren keinen einzigen qualifizierten Vorschlag gemacht, der für die Stadt richtungsbestimmend hätte sein können, sie hat vielmehr immer erst einmal auf die Vorschläge der Verwaltung gewartet. Eine Verwaltung aber, die sich nicht über die Mehrheitsfraktion immer die „Stallorder“ holen muss, hat den großen Vorteil, dass sie flexibler und kompetenter ihre Aufgaben erfüllen kann, nämlich zum Wohle der Stadt zu arbeiten. Deshalb geht im ganzen Land die Tendenz zum unabhängigen Bürgermeister. Die Geilenkirchener CDU ist ein Machtverein, sie ist leider vor Ort nicht besser als der bundesweite Kanzlerwählverein.

Kann man das Amt des Bürgermeisters überhaupt ohne Sachkenntnisse ausfüllen?

Fiedler: Der Gesetzgeber hat es sich gut überlegt, die Doppelspitze aus Bürgermeister und Stadtdirektor abzuschaffen. Was er damals noch nicht ahnen konnte, ist die Abkehr breiter Teile der Wählerschaft von der Parteiendemokratie. Die Parteien leiden bundesweit unter Liebesentzug. Die Menschen wollen, dass Georg Schmitz andere Werte vermittelt: das sind Nähe, Authentizität, Akzeptanz ihrer Anliegen. So ein Mann ist ihnen lieber als eine „Büroklammer“, auch wenn sie noch so hohe Erfahrung mit der Verwaltung hätte. Bürgermeister sind heute ein Querschnitt der Gesellschaft: Studienräte, Schreiner, Elektriker und IT-Geschäftsführer sind hier in der Region erfolgreiche Bürgermeister geworden. Die machen ihren Job weiß Gott nicht schlecht.

Und ich weiß andererseits, wie gut unsere Verwaltung arbeitet. Wir haben sie in wesentlichen Punkten erneuert, verursacht auch durch die Haushaltssicherung. Wir haben die Verwaltung gewissermaßen schlanktrainiert, drei Amtsleiterstellen nicht mehr besetzt, Ämter umgebaut. Wenn Schmitz seinen Posten antritt, vergleiche ich die Verwaltung mit einem Sportler: Muskulös, durchtrainiert, Lungenvolumen und Laktatwerte stimmen. Die Beigeordneten Herbert Brunen und Markus Mönter leisten hervorragende Arbeit, ebenso die Amtsleiter und alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Da muss man sich als Bürgermeister schon große Mühe geben, um wirklich Mist zu bauen. Die Aufgabe von Georg Schmitz besteht darin, für politische Mehrheiten zu sorgen und Öffentlichkeit herzustellen.

Sie sind damals von der Stadtverwaltung Aachen weg in die Geilenkirchener Politik gegangen. Würden Sie einen solchen Schritt noch einmal tun?

Fiedler: Nein, angesichts der Art, wie hier Politik gemacht wird, nein!

Sie haben Ihre Erfahrungen in der Politik gemacht. Georg Schmitz ist ein Newcomer. Was raten Sie ihm?

Fiedler: Er ist kommunikationsfähig. Er ist ernsthafter als viele ihn kennen. Er geht seriös an das Geschäft heran. Man lacht auch über Till Eulenspiegel. Aber auch der war clever und schlau. Schmitz muss darauf achten, dass er sich seine Freiheit bewahrt. Er muss klären, was er durchbekommt und was nicht.

Denken wir doch einmal an den Beginn Ihrer Amtszeit zurück. Die meisten waren euphorisch: ein neuer Chef im Rathaus, gestützt von einem breiten Bündnis. Das Bündnis jedoch hielt nicht lange. Wie hat sich Ihre Arbeit dadurch verändert?

Fiedler: Das Bündnis hatte ein Programm. Das bin ich jetzt noch einmal selbstkritisch durchgegangen. Es gibt kaum einen Punkt, den wir nicht positiv angegangen sind. Sicherlich haben sich im Laufe der Zeit Schwerpunkte geändert. Ein großes Thema für mich war anfangs die Jugendarbeit, später war es eher der demografische Wandel. Aber brauchte ich letztlich das Bündnis? Nein. Die CDU war in ihrem politischen Verhalten nicht besonders kreativ, hat aber meist zugestimmt.

Was war Ihr größter Erfolg? Worauf sind Sie besonders stolz?

Fiedler: Auf die Art und Weise, wie wir die Verwaltung umgestellt haben: Sichtbar für jeden Bürger ist das Bürgerbüro, aber es wurden auch das Personal verschlankt, Beförderungskriterien objektiviert, Workshops zur Haushaltssanierung mit hoher Wirkung veranstaltet. Das ist nach außen nicht so sichtbar, ist aber wichtig für die Stadt. Da ich selbst aus einer Verwaltung komme, ist das für mich der größte Erfolg.

Sie verlassen ein gut bestelltes Haus? Wo sehen Sie die Herausforderungen der Zukunft?

Fiedler: Sicherlich in einer neuen Art und Weise der Vermarktung des Industriegebietes Lindern. Es gibt auch gute Zeichen, dass die Kornmühle wieder zu einer Stätte der Gastlichkeit ausgebaut wird. In der Innenstadt entsteht ein größerer Hotelbau, am Rewe-Markt wird es Veränderungen geben, die Fliegerhorst-Siedlung wird uns weiter beschäftigen. Und dann steht noch der barrierefreie Ausbau der Bahnhöfe an. Die Hoffnungen, die auf Georg Schmitz gesetzt werden, sind groß.

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