Geilenkirchen - Teverener Heide: Von einer Mondlandschaft zur Idylle

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Teverener Heide: Von einer Mondlandschaft zur Idylle

Von: Udo Stüßer
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Über 200 in Nordrhein-Westfalen bedrohte Tier- und Pflanzenarten haben in der Heide ein Zuhause. Deshalb dürfen die Waldwege nicht verlassen werden. Foto: Udo Stüßer
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Auch die Uferbereiche des Kiefernsees und das Wiggelewak, das größte der vier Heidemoore, dürfen natürlich nicht betreten werden. Darüber wacht Forstbeamter Wolfgang von der Heiden. Foto: Udo Stüßer

Geilenkirchen. Wolfgang von der Heiden liebt die Teverener Heide: im Frühjahr, wenn die Natur erwacht; im Sommer, wenn alles grünt und blüht; im Herbst, wenn dichter Nebel die Bäume umfängt; im Winter, wenn klirrender Frost die Natur fest im Griff hat.

Am liebsten durchstreift der Förster das 450 Hektar große Waldstück zwischen der niederländischen Grenze und dem Flugplatz Teveren in den frühen Morgenstunden, dann, wenn noch keine Spaziergänger unterwegs sind, wenn es Jogger, Radfahrer und Reiter noch nicht in den Wald zieht.

Dann herrscht Ruhe in „seinem“ Wald. Einem Besucher mag die Heidelandschaft riesig vorkommen. „Na ja, für solch eine waldarme Gegend, wie es der Kreis Heinsberg ist, ist die Teverener Heide nicht klein. Aber mehr Wald findet man im Wegberger und Wassenberger Raum“, sagt Wolfgang von der Heiden.

Das Land NRW, so sagt er, hat weniger Wald als der Bundesdurchschnitt. „Und im Kreis Heinsberg sind gerade mal elf Prozent der Fläche Wald, der Kreis Heinsberg ist eher landwirtschaftlich geprägt.“ 265 Hektar der Teverener Heide sind Staatswald, also im Besitz des Landes. Weitere Eigentümer sind der Kreis Heinsberg und die Städte Geilenkirchen und Übach-Palenberg. Eigentlich ist Förster Wolfgang von der Heiden als Landesbeamter nur für den Staatswald zuständig.

Da sich aber die Kommunen in der Forstbetriebsgemeinschaft Selfkant zusammengeschlossen haben und diese mit dem Forstamt einen Vertrag abgeschlossen hat, wacht von der Heiden über die komplette Heide. „Nicht nur das, als Forstbeamter bin ich für den ganzen Waldbestand im Südkreis zuständig“, erklärt er.

Der diplomierte Forstingenieur versteht sich nicht alleine als Naturschützer, als Ordnungsmacht, die im Wald Knöllchen an Mopedfahrer und rauchende Menschen verteilt, als Beamter, der darauf achtet, dass die Hunde angeleint bleiben und Spaziergänger ihren Müll aufsammeln. Es geht auch um die Bewirtschaftung, es geht um Aufpflanzungen und Holzeinschlag.

Im Klartext: Es geht um Geld. „Bei der Teverener Heide handelt es sich größtenteils um Nachkriegsanpflanzungen, es sind also sehr junge Bestände“, sagt von der Heiden und erinnert daran, dass die Heide in dem heißen Sommer 1947 komplett abgebrannt ist. Innerhalb von drei Jahren wurde sie damals wieder aufgeforstet.

Heute, so beschreibt der Förster die Waldlandschaft, ist die Heide von Kiefern geprägt, aber auch Rot- und Stieleichen, Pappeln und Rotbuchen sind hier zu Hause. Hunderttausende, wenn nicht Millionen Bäume sind es, nicht alleine zur Freude des Naturfreundes, sondern auch der Holzindustrie.

Es wird aber nicht nur gefällt: „Ich habe alleine in diesem Frühjahr 15.000 Bäume gepflanzt. So viele werden im Jahr nicht gefällt“, sagt von der Heiden. Und: „Uns geht es um Nachhaltigkeit. Die Nachhaltigkeit haben wir Förster bereits vor 200 Jahren erfunden.“

Vor der Säge geschützt werden Höhlenbäume, in denen Spechte sitzen, und Horstbäume, auf denen Greifvögel ihr Zuhause haben.

Im Herbst und Winter markiert der Forstbeamte mit Sprühfarbe die Bäume, die gefällt werden sollen. Vorrangig sind es schöne und gerade gewachsene Bäume, die zum Kappen freigegeben werden. Etwa 1000 Kubikmeter Holz werden im Jahr geschlagen, je nach Holz und Marktlage werden zwischen 25 und 100 Euro je Kubikmeter erzielt.

Mit den Fällarbeiten werden dann Unternehmen beauftragt. „Aber es wird immer nur so viel Holz geschlagen, wie nachwächst“, betont von der Heiden. Mit der Bewirtschaftung der Teverener Heide lasse sich allerdings kein Gewinn erzielen.

„Diese Heide besteht zum größten Teil aus Kiefern, für die nur wenig gezahlt wird. Mit dem Verkauf des Holzes bekommt man oft noch nicht einmal die Aufforstung bezahlt. Die Einnahmen decken noch nicht einmal die Ausgaben“, sagt von der Heiden, der jetzt überwiegend die besser bezahlte Rotbuche und Stieleiche anpflanzt.

Während derzeit durch den Holzverkauf zwischen zehn und 80 Prozent der Kosten gedeckt werden, soll in den kommenden Jahren ein kleines Sümmchen übrig bleiben.

Fragt man den Fachmann nach dem Zustand des Waldes, zeigt er sich recht zufrieden. „Der Heide geht es gut“, sagt er. Wer ihm derzeit nur einige Sorgenfalten auf die Stirn treibt, ist der Kiefernprachtkäfer, der sich aufgrund der Klimaerwärmung vermehrt hat und Kiefern abtötet.

„Wir wollen aber nicht mit Insektiziden gegen den Käfer vorgehen, weil man damit alles tötet. Wir versuchen nur, betroffene Bäume möglichst schnell rauszuhauen und so ein Ausbreiten zu verhindern“, sagt der 59-Jährige.

Seit 30 Jahren ist Wolfgang von der Heiden in der Teverener Heide unterwegs, er kennt die Wald-, Moor-, Wasser- und Heideflächen wie seine Westentasche. Spricht man ihn auf den äußerst seltenen Lungenenzian an, weiß er auf Anhieb, wo diese unscheinbare kleine, aber sehr seltene Pflanze inmitten des großen Waldgebietes zu finden ist. Aber auch auf den seltenen Gagelstrauch, auf die beiden hier noch lebenden Sonnentauarten und die Orchideen hat er ein wachsames Auge.

Gerne erklärt er interessierten Schulklassen die großen Wasserflächen als Ergebnis der Kies- und Tonabgrabungen in früheren Jahren und führt sie zu den von Menschen künstlich angelegten Heideflächen. Hunderte Pflanzenarten sieht man entlang der verschiedenen Rundwanderwege, während sich Enten, Hauben- und Zwergtaucher auf den großen Wasserflächen tummeln.

Auch Rehe sind in der Teverener Heide zu Hause. „Seltener sieht man hier Füchse und Wildschweine. Die nächsten Sauenvorkommen sind im Selfkant und in Wassenberg. Aber Wildschweine können bis zu 50 Kilometer in einer Nacht laufen“, sagt von der Heiden, der im Staatswald auch als Jäger unterwegs ist.

„Die Rehe dürfen nicht Überhand nehmen. Würde nicht gejagt, würde sich der Bestand schnell verdoppeln, und Rehe fressen unsere Bäume an“, begründet von der Heiden, warum er selbst etwa 15 Rehe im Jahr schießt. Diese bringt er dann zum landeseigenen Wildladen in Hürtgenwald, wo das Fleisch verkauft wird. Einige Waldstücke sind an Jäger verpachtet.

Geht es um Naturschutz, ist von der Heiden nicht alleine auf sich gestellt: Auf die Fledermäuse, die rund 40 Libellenarten und auf die Wildbienen haben auch die Mitarbeiter der Unteren Landschaftsbehörde und der Biologischen Station Haus Wildenrath ein Auge.

Wolfgang von der Heiden ist mit Leib und Seele Förster. „Ich kann Natur gestalten. Was ich pflanze, ist in 100 oder 200 Jahren noch zu sehen“, sagt er. Wandert er heute durch die herrliche Natur, schweifen seine Gedanken zurück ins Jahr 1986, als er seinen Dienst aufnahm.

„60 Jahre lang wurde hier Kies abgegraben, das war wie eine Mondlandschaft.“ Die Bäume der Heide waren noch nie so alt wie heute. Denn: „Die Heide ist regelmäßig abgebrannt. Deshalb ist der Flughafen-Tower, von dem aus jedes Feuer sofort bemerkt wird, ein Segen für die Heide“, erläutert der Revierförster.

Waren es im Mittelalter die Brände, die der Heide zu schaffen machten, so waren es die Menschen, die den Wald zerstörten. „Sie trieben ihre Schweine, Ziegen und Kühe in den Wald. Dort fraßen die Tiere die jungen Bäume ab, und es kam nichts mehr nach.“ Den nährstoffreichen Humusboden trugen die Bauern ab und bedeckten damit den Boden ihrer Ställe. „Deshalb entstanden auf den armen Böden die großen Heideflächen“, weiß von der Heiden.

„Erst um 1815, als die Preußen kamen, begann man mit der Wiederaufforstung der Heide“, so der Forstbeamte.

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