Termine beim Facharzt nur noch über das Call-Center

Von: Jessica Küppers
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Lokale Fachärzte wie Orthopäde Dr. Johannes Karlinger zweifeln an der Notwendigkeit und Effektivität des geplanten Systems der Terminvergabe. Foto: Jessica Küppers (2)/privat
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...Chirurg Dr. Manfred Weisweiler... Foto: privat
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...und Rheumatologe Dr. Arnold Bussmann. Foto: Jessica Küppers

Geilenkirchen. Termine gibt es erst wieder in einem Jahr – das hören Patienten oft, wenn sie zum Facharzt müssen. Um die Sprechzeiten und Ärzte besser auszulasten, ist die Kassenärztliche Vereinigung (KV) aktuell damit beschäftigt, zentrale Terminservicestellen einzurichten. Das sieht das GKV-Versorgungsstärkungsgesetz vor, das zum 1. Januar in Kraft getreten ist. Von dieser Neuerung sind in Geilenkirchen 27 Fachärzte betroffen.

Eigentlich soll durch die Servicestellen alles besser werden, doch die Fachärzte in Geilenkirchen sind von dem neuen System nicht überzeugt. Einer von ihnen ist Dr. Johannes Karlinger. Er arbeitet als Orthopäde in Geilenkirchen und findet das neue System überflüssig. Es sieht vor, dass Patienten mit dringlichen Beschwerden künftig innerhalb von vier Wochen einen Termin beim Facharzt bekommen.

Im Gegenzug dürfen sie nicht mehr entscheiden, zu welchem Arzt sie gehen wollen oder Wunschtermine äußern. Zudem müssen Fahrzeiten bis zu 60 Minuten in Kauf genommen werden. „Die Terminvergabe ist bei uns nicht so das Problem, weil hier in der Regel alle Patienten innerhalb von vier Wochen einen Termin bekommen“, sagt er. Durch die Servicestellen müsse er in Zukunft zwei bis drei Termine pro Woche frei halten, falls die KV jemanden zu ihm schickt.

Entscheidung des Hausarztes

Bis zum 25. Januar soll die Infrastruktur für das System stehen. „Aktuell sammeln wir die uns durch nordrheinische Fachärzte gemeldeten Termine, die Grundvoraussetzung für das künftige Funktionieren der Servicestelle sind“, sagt der Pressesprecher der Kassenärztlichen Vereinigung Nordrhein, Christopher Schneider. In der Praxis sieht das dann so aus: Der Hausarzt kreuzt auf der Überweisung an, ob der Patient ein dringliches Leiden hat oder nicht. Liegt eines vor, kann er sich an die Terminservicestellen wenden. Liegt kein akutes Leiden vor, muss der Patient gegebenenfalls bis zu einem Jahr auf einen Termin warten. Was dringlich ist und was nicht, obliegt der Entscheidung des jeweiligen Hausarztes.

Auch an dieser Stelle sieht Karlinger einen entscheidenden Knackpunkt. „Oft haben Hausärzte eine jahrelange, enge Bindung zu ihren Patienten“, erklärt der Orthopäde. Das könne dazu führen, dass auch weniger dringliche Fälle zu dringlichen werden – zumindest auf dem Papier. Aus seiner Sicht könne das Konzept jedoch nur funktionieren, „wenn der Hausarzt bereit ist, zu kanalisieren“.

Auch Chirurg Dr. Manfred Weisweiler hält das Gesetz mit seinen Folgen für Humbug. „Das ist eine Lösung, die keine ist, für ein Problem, das die Politik selbst lösen könnte“, fasst er seine Sicht zusammen. Dadurch, dass die Anzahl der Patienten und der Kassenumsatz durch die politischen Vorgaben begrenzt sind, sind den Medizinern nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten die Hände gebunden. Möglichkeiten, zusätzliche Termine zu schaffen, gebe es nicht, „solange das nicht freigegeben wird“. Zudem würden die Mitarbeiter am Servicetelefon mit Geld bezahlt, das für die Versorgung der Patienten dringend benötigt werde. Auch die Vertreter seiner Fachrichtung hätten keine Probleme, Termine schnell zu vergeben, sagt der Chirurg.

Wie stark die einzelnen Fachärzte auf ein Vergabesystem für Termine angewiesen sind, unterscheidet sich von Fachgebiet zu Fachgebiet. Besonders bei selteneren Fachrichtungen wie Rheumatologie sind die Termine meist schnell ausgebucht. Weil das auch in Geilenkirchen und Umgebung schon seit vielen Jahren so ist, haben die Spezialisten vor einiger Zeit ein eigenes Terminvergabesystem etabliert.

Über die Internetplattform „Report 21“ müssen Patienten zunächst einen Fragebogen ausfüllen, anhand dessen die Dringlichkeit und eine zumutbare Wartezeit auf einen Termin errechnet wird. Zudem liefert das System eine erste Einschätzung, ob der Patient tatsächlich zum Rheumatologen muss oder ob der Besuch beispielsweise bei einem Orthopäden sinnvoller wäre.

Diese Plattform nutzt auch Rheumatologe Arnold Bussmann aus Geilenkirchen. Seit Anfang vergangenen Jahres vergibt er alle Termine darüber – mit Erfolg. „Es läuft ganz gut“, resümiert er. Lange Wartezeiten von bis zu zwölf Monaten gebe es seitdem nicht mehr. Deshalb versucht er, gemeinsam mit Kollegen das neue Konzept der KV abzuwenden. Er hält es für deutlich schlechter, „weil es nur zwischen dringlich oder nicht dringlich unterscheidet“. Schlimmstenfalls führe die Einführung der Terminservicestellen dazu, dass Patienten in Zukunft versuchen, beide Möglichkeiten zur Terminvergabe auszuprobieren, um schneller dran zu kommen. „Dann werden die Termine doppelt vergeben“, sagt Bussmann.

Die Ungeduld der Patienten kann auch dann zum Problem werden, wenn in nicht dringlichen Fällen als vermeintliche Notfälle ein Facharzt im Krankenhaus aufgesucht wird. „Darauf sind Krankenhäuser gar nicht ausgelegt“, sind sich die Fachärzte Weisweiler und Karlinger einig. „Da behandelt dann ein Assistenzarzt, der noch in der Ausbildung ist“, sagt Karlinger, „und ein paar Tage später kommen die Patienten sowieso wieder zu uns“.

Schnelle und unkomplizierte Lösungen wie bisher, dass der Hausarzt in bestimmten Fällen den Facharzt direkt anruft und gegebenenfalls schon erste Therapiemaßnahmen abspricht oder einen schnellen Termin vor Ort vereinbart, seien in Zukunft nicht mehr möglich.

„Es hat bisher immer gut funktioniert“, bedauert der Rheumatologe Bussmann. „Ein anonymes Bestellsystem“, wie die Terminservicestelle eines ist, „gibt das in Zukunft nicht mehr her“.

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