Syrer Allaa Awad unterstützt die Übach-Palenberger Tafel

Von: Annika Kasties
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Bessere Kommunikation: Allaa Awad (Mitte) hilft in der Tafel vor allem bei der Anmeldung und klärt bei Verständigungsschwierigkeiten auf. Foto: Annika Kasties
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Für sie ist Awads Tätigkeit bei der Tafel ein Glücksgriff: Dieter Bischhaus und Roswitha Bischhaus-Trotnow.

Übach-Palenberg. Wenn Allaa Awad über die Grenzen des eigenen Wirkungskreises spricht, fällt es schwer zu glauben, dass er erst 20 Jahre alt ist. „Ein Mann allein kann die Welt nicht verändern.“ Awad hat erlebt, wie schnell die Welt aus den Fugen geraten kann und wie wenig der Einzelne dagegen zu tun vermag.

Awad musste seine Heimat Syrien verlassen. Seit Januar ist er als Flüchtling in Deutschland anerkannt. Über den Krieg in seiner Heimat und seine Folgen, die bis nach Europa reichen, ist viel geschrieben und noch mehr geredet worden. Auch Awad spricht bereitwillig über seinen Heimatort Damaskus, darüber, wie schwierig es für ihn und seine Familie infolge des Krieges wurde, als Christen in Syrien zu leben. Doch Awad möchte nicht nur reden. Er will vor allem handeln. Seit Mai engagiert er sich deshalb bei der Tafel in Übach-Palenberg. Awad ist ein Bundesfreiwilliger, ein sogenannter Bufdi. Er hat eine von 10.000 Stellen mit Flüchtlingsbezug erhalten, die das Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben Ende vergangenen Jahres geschaffen hat.

Für Dieter Bischhaus und Roswitha Bischhaus-Trotnow von der Übach-Palenberger Tafel ist Awad ein „Glücksgriff“. Sie sind auf das Engagement von Freiwilligen angewiesen. Lange habe das Paar gezielt nach arabischstämmigen Mitarbeitern gesucht. Denn das Bild vor dem Tafelladen hat sich in den vergangenen zwei Jahren verändert. „Wir haben fast nur noch Flüchtlinge hier“, berichtet Roswitha Bischhaus-Trotnow. Viele einheimische Stammkunden blieben weg. Als grundsätzlich problematisch möchte die Vorstandsvorsitzende diese Entwicklung nicht einschätzen. Bedürftig heiße für sie bedürftig, ganz gleich, welche Nationalität im Pass der Menschen stehe. „Uns ist wichtig, dass jeder zu uns kommen kann“, sagt sie. „Wenn die Einheimischen nicht mehr herkommen, dann scheint der Bedarf bei ihnen nicht mehr so groß zu sein.“

Der plötzliche Andrang durch Flüchtlinge sei vor allem aus anderen Gründen problematisch gewesen. Die Kommunikation zwischen den Helfern der Tafel und den Asylsuchenden habe nicht funktioniert. Seit Awad bei ihnen arbeite, sei vieles besser geworden, berichtet Bischhaus-Trotnow. Die wichtigste seiner Aufgaben in der Tafel ist das Übersetzen. Als sich die Situation im vergangenen Herbst zuspitzte und die Tafel Bedürftige sogar wegschicken musste, haben die Helfer dies den Asylsuchenden nur schwer vermitteln können. Wenn die Menschen nun mittwochs zur Ausgabe der Tafel kommen, sitzt Awad mit einer Mitarbeiterin bei der Anmeldung und klärt bei Verständigungsschwierigkeiten auf. Zum Beispiel bei dem jungen Mann, dessen Kundenausweis bald abläuft, und der deshalb seinen aktuellen Berechtigungsbescheid vorlegen muss.

Ohne Schwierigkeiten sei seine Arbeit in der Tafel nicht, sagt Awad. Für manche Asylsuchende sei es schwer zu akzeptieren, dass in Deutschland andere Regeln gelten als in ihrem Heimatland. Zum Beispiel hinsichtlich der Bürokratie. Wenn in Syrien etwas wichtig sei, dann werde einfach bestochen. In der Tafel hingegen gebe es keine Ausnahmen. Nach der Anmeldung erfolgt der Einlass der Kunden nach dem Zufallsprinzip. Die Bedürftigen werfen ihre Kundenausweise in kleine Säckchen, dann wird gelost. Niemand werde bevorzugt. Um diesen Prozess zu beschleunigen, sei er auch schon mal von Flüchtlingen bedroht worden, gibt Awad zu. Gerade der Anfang seiner Tätigkeit als Bufdi sei nicht einfach gewesen. Mittlerweile kenne er fast alle Geflüchteten der Stadt. „Es ist nicht immer eitel Sonnenschein“, sagt auch Bischhaus-Trotnow, „doch wir sind auf einem guten Weg.“

Wenn Awad nicht bei der Anmeldung und der Ausgabe hilft, ist er mit dem Fahrdienst unterwegs und holt die gespendeten Lebensmittel von Supermärkten ab. Neben ihm sitzt dann oft Lars Vanderliek am Steuer. Er ist der zweite von insgesamt vier Bufdis, die Dieter Bischhaus und Roswitha Bischhaus-Trotnow in der Tafel beschäftigen. Der 19-Jährige aus Übach-Palenberg brach nach einem Semester sein Biotechnologie-Studium ab. „In der Schule hat mir Biologie zwar immer Spaß gemacht, aber das war dann doch nichts für mich.“ Jetzt strebt er eine Ausbildung bei der Polizei an. Um bis dahin nicht tatenlos rumzusitzen, entschloss er sich zum Bundesfreiwilligendienst. Er hätte natürlich auch kellnern oder in einem Supermarkt jobben können. Aber ihm sei es nicht nur darum gegangen, Zeit zu überbrücken, er habe auch etwas Sinnvolles damit anfangen wollen. „Ich wollte nicht einfach nur Regale einräumen“, erklärt er seinen Entschluss, im sozialen Bereich tätig zu sein. Eine Entscheidung, die er mittlerweile jedem Schulabgänger ans Herz legen würde. „Man muss mal aus der Schule rauskommen und etwas anderes sehen, um sich zu orientieren“, sagt Vanderliek.

Wie sich die jungen Menschen ihm Laufe ihres Freiwilligendienstes entwickeln, beobachtet Bischhaus-Trotnow, ob mit Flüchtlingsbezug oder ohne. „Allein was sie für ein Selbstbewusstsein erlangen und was sie über sich selbst und das Leben lernen, ist enorm.“

Und auch wenn ein einzelner Mensch die Welt nicht verändern könne: Ein erster Schritt in die richtige Richtung sei es durchaus.

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