Geilenkirchen - Suchtkrank zu Weihnachten: Wenn die Familie die Hand reicht

Suchtkrank zu Weihnachten: Wenn die Familie die Hand reicht

Von: Udo Stüßer
Letzte Aktualisierung:
4662666.jpg
Für viele Menschen ist Alkohol nicht nur an den Festtagen selbstverständlich. Foto: imago

Geilenkirchen. „Ich habe mich immer auf Weihnachten gefreut. Da durfte ich ganz offiziell trinken.“ Im Leben von Bernd Maier (alle Namen von der Redaktion geändert) hat Alkohol immer eine große Rolle gespielt. Auch jetzt freut sich der heute 55-Jährige wieder auf die Festtage. Gleichzeitig hat er aber auch Angst, Angst, wieder zur Flasche zu greifen, obwohl er mittlerweile trocken ist.

Bernd Maier erinnert sich an seine Jugend. Sein Vater läutete das Wochenende am Freitagabend erst einmal in der Kneipe ein. „Mein Vater kam immer fröhlich nach Hause. Alkohol machte gesellschaftsfähig.“ Mit 14 Jahren trat der junge Bernd eine Bäckerlehre an. Am Vormittag saß er mit dem Chef bei einem zweiten Frühstück zusammen. Dazu gab es eine Flasche Bier. Am Nachmittag ging es in die Bahnhofskneipe.

Geld vertrunken

Mit 19 Jahren heiratete er, er wurde Vater von zwei Söhnen. Bernd hat sich im Laufe der Jahre nie eingestanden, Alkoholiker zu sein. „Alkoholiker, das sind die, die auf der Straße leben“, waren seine Gedanken. Er hingegen suchte die Feierlichkeiten, viel Freude hatte er am Weihnachtsfest. „Da konnte man beim Baumschmücken trinken, in der Weihnachtszeit gab es Glühwein mit Schnaps.“ Im Laufe der Zeit trank Bernd immer mehr, zum Schluss jeden Abend eine Flasche Weinbrand. Vor sechs Monaten zog er einen Schlussstrich und wohnt seitdem im Therapiezen–trum Loherhof. „Ich habe mir gesagt: Entweder du gehst kaputt, oder du machst einen Neuanfang.“ Die Festtage verbringt er bei seiner Familie: „Es wird schwer. Aber ich weiß, man kann auch mit einem Glas Wasser fröhlich sein.“

Auch der heute 45 Jahre alte gelernte Zimmermann Peter Schumacher freut sich auf die Festtage. „Mir wird von der ganzen Familie wieder die Hand gereicht“, versichert er. Zehn Jahre lang hat er harte Drogen konsumiert. Mit Metadon ist er vom Heroin weggekommen, dann hat er immer öfter zur Flasche gegriffen. Zum Schluss war es täglich eine Flasche Vodka. Lange Zeit hat es niemand bemerkt. „Ich konnte ein Lügengerüst bauen, es stabil halten und weiter ausbauen. “ Peter kommt aus einer großen Familie. Familie wurde großgeschrieben. „Gerade an Weihnachten sollte alles schön und ordentlich sein“, blickt er auf seine Kindheit zurück. Weiter erzählt er: „Mein Vater war selbst Alkoholiker, konnte es aber lange verbergen. Den Weihnachtsbaum hat er stets alleine geschmückt. Aber nur er alleine weiß, wie viele Flaschen er dabei gekillt hat.“ Peter Schumacher selbst lebte in einer extremen Gefühlwelt. Er trauerte extrem, und er liebte extrem. „Hatte ich eine Beziehung, liebte ich mit Haut und Haaren. Das ging dann so weit, dass mein eigenes Leben für mich nicht mehr wichtig war.“ Dass er mit seinen Gefühlen nicht richtig umgehen konnte, nennt er als Grund dafür, dass er zu Drogen griff, zunächst konsumierte er Haschisch und Marihuana, mit 19 hatte er erste Kontakte zu Heroin.

Zehn Jahre lang konsumierte er harte Drogen. Der Geselle hatte dabei immer seinen Job, ein gutes Einkommen, ein Auto und in dieser Zeit drei langjährige Beziehungen. Diese gingen aber aus den unterschiedlichsten Gründen in die Brüche. 1996 wurde der damals 29-Jährige in ein Metadon-Programm aufgenommen. 1999 starb Peter Schumachers Vater. Mit seiner Trauer kam er nicht zurecht, er griff zur Flasche. „Obwohl der Alkohol nicht meine Welt ist, habe ich jeden Tag eineinhalb Liter Jägermeister getrunken.“ Alkohol stuft Peter Schumacher heute als sehr gefährlich ein. „Weil er legal und gesellschaftsfähig ist.“ Vor Jahren schon hat Peter sein Lügengerüst selbst eingerissen. „Ich wollte nur noch ehrlich sein. Ich hatte festgestellt, dass ich ein Problem habe. Ich musste Hilfe annehmen.“ Diese Hilfe hat er im Therapiezentrum Loherhof gefunden.

Hier lebt auch die 48 Jahre alte Hedwig Gerads. „Kleine Glücksmomente muss ich mir erkämpfen. Ich habe gelernt, mich an kleinen Dingen zu erfreuen, die für andere Menschen selbstverständlich sind“, sagte sie mit stockender Stimme. Zu stark sind die Erinnerungen an die schrecklichen Geschehnisse. Wenn sie so kurz vor dem Fest von ihren Schicksalsschlägen berichtet, beginnt sie mit dem Tod ihres Mannes, der kurz vor seinem 31. Geburtstag bei einem tragischen Arbeitsunfall vom Dach stürzte. Als sie 37 Jahre alt war, trat ein neuer Mann in ihr Leben. Sieben Jahre war sie mit ihm zusammen, beide haben eine gemeinsame Tochter. Doch plötzlich wollte er die Trennung und zog mit der Tochter weg.

Trennung nicht verkraftet

„Die Trennung habe ich nicht verkraftet. Ich versuchte, sie mit Drogen zu verdrängen.“ Später stellte sich heraus, dass ihr Partner die gemeinsame, damals siebenjährige Tochter missbrauchte. Das Mädchen kam in ein Heim. Im Jahre 1994 starb zwei Tage vor dem Heiligen Abend Hedwigs Mutter. „Jetzt war ich ganz alleine“, berichtet sie. Von nun an bestimmten nicht nur Drogen, sondern auch Gewalt ihr Leben. Die Männer, die sie von nun an kennenlernte, schlugen sie und nutzten sie nur aus. Mit einem ihrer beiden Söhne aus erster Ehe wohnte sie zusammen. „Auch er hat mich geschlagen.“ Ihr Sohn war selbst süchtig, er brauchte Geld. Das Geld, das Hedwig Gerads durch ihre Arbeit in einer Behindertenwerkstatt verdiente, ging für den Drogenkonsum drauf. Hedwig ging eine neue Beziehung ein, eine Beziehung mit einem ehemaligen Strafgefangenen. Drei Jahre war sie mit ihm zusammen, vor zweieinhalb Monaten hat sie die Beziehung beendet. Ihr Partner sitzt wieder im Gefängnis.

Wenn sie heute auf frühere Weihnachtsfeste zurückblickt, so erinnert sie sich an harmonische Tage in ihrer Kindheit. Als sie mit ihrem Sohn zusammenwohnte, schmückte sie die Wohnung weihnachtlich. „Dann wurde es chaotisch. Und dann kamen Aggression und Gewalt.“ In diesen Momenten kamen nicht nur Ängste auf, sondern auch viele Augenblicke der Traurigkeit. Wenn am heutigen Heilgabend die Menschen in ihren Familien vereint beisammensitzen, sind es lediglich Hedwigs Gedanken, die bei ihrer Tochter sein dürfen.

Leserkommentare

Leserkommentare (1)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert