Gangelt - Stolpersteine: Erinnerung an die eigene Familie wachhalten

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Stolpersteine: Erinnerung an die eigene Familie wachhalten

Von: Jessica Küppers
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Das Ehepaar Falkenstein war erstmalig in Gangelt als eine Steinplatte zur Erinnerung an das Leid der Juden im zweiten Weltkrieg in die Wand des Rathauses eingelassen wurden. Das zweite Mal sind sie jetzt zur Verlegung der Stolpersteine in die Gemeinde gekommen. Foto: Jessica Küppers

Gangelt. Wenn Emil Hans Falkenstein über seine Familiengeschichte spricht, kann er die Tränen kaum zurückhalten. Der 74-Jährige Niederländer ist Jude und musste als kleines Kind mit seinen Eltern vor den Nationalsozialisten fliehen. Daran und an die Lebensgeschichte seines Großvaters Emil Falkenstein, der einst mit seiner Familie in Gangelt gelebt hat, erinnern von nun an Stolpersteine, die am Dienstag vor dem ehemaligen Haus der Falkensteins in der Bruchstraße 26 verlegt wurden.

Der Stein des ehemaligen Gangelters trägt die Inschrift „Hier wohnte Emil Falkenstein, JG. 1870, deportiert 1942 Theresienstadt, 1942 Treblinka ermordet“. Er soll die Erinnerung an einen Mann wach halten, der sich auch für das Geschehen in der Gemeinde Gangelt in besonderer Weise eingesetzt hatte.

Im September 1870 wurde er in Hastenrath geboren, lernte später seine Frau Jeanette kennen und bekam mit ihr zwei Kinder Meta und Hermann – Emil Hans‘ Vater. Weil anfänglich kleine Brände regelmäßig so auswuchsen, dass sie ganze Stadtviertel zerstörten, gründete er gemeinsam mit 50 anderen Männern 1899 die Freiwillige Feuerwehr des Ortes. Bei den Einsätzen riskierte er sein Leben, um das seiner Mitmenschen zu schützen. 40 Jahre später mussten er und seine Frau Gangelt gezwungenermaßen verlassen. Sie wurden deportiert und vermutlich 1942 im Vernichtungslager Treblinka in Tschechien kurz nach ihrer Ankunft vergast.

Damit Emil Hans nicht von den Nazis entdeckt und ermordet wird, war sein Vater Hermann Falkenstein schon zwei Jahre zuvor mit seiner Familie in die Niederlande geflohen. Zu der Zeit war Emil Hans ein halbes Jahr alt. Die Familie lebte in Roermond, wo der Vater ein Geschäft betrieb. Als der Krieg auch in den Niederlanden deutlicher spürbar wurde und die Juden aufgerufen wurden, sich zu melden, floh die Familie weiter nach Amsterdam zum Großvater mütterlicherseits. Dieser war Inhaber mehrerer Metzgereien und hatte Geld, um die Familie durchzubringen.

„Als die Polizei in Roermond war, waren wir schon geflohen“, erzählt Falkenstein. Doch auf Dauer war das keine Lösung, vor allem nicht für den kleinen Emil Hans, dessen Name „zu deutsch“ gewesen sei, erzählt er. Um ihn zu schützen, baten seine Eltern die befreundete Familie Meinema, auf das Kind aufzupassen. An diese Zeit bei seinen Pflegeeltern, die für ihn zu liebevollen Eltern wurden, kann sich der Zeitzeuge auch heute – 70 Jahre später – noch gut erinnern. „Der Vater hatte ein Lebensmittelgeschäft“, erzählt er. Manchmal habe der Pflegevater Gold- und Silberpapier mitgebracht, womit er oft gespielt habe. Auch wenn er dort ohne seine richtigen Eltern gelebt habe, haben sie ihn bis zu ihrer eigenen Deportation nie aus den Augen verloren.

„Sie haben in der Nähe ein Haus gehabt und sind dort untergetaucht“, sagt Falkenstein. Später erfuhr er, dass sie jeden Tag nach ihm gesehen haben. Weil das öffentlich zu gefährlich war, hatten sie mit den Meinemas eine besondere Absprache getroffen. „Wenn die Gardinen dicht waren, waren Nazis in der Nähe“, sagt er. Doch die Vorsicht nützte ihnen am Ende nichts. Im Jahr 1944 wurden sie gefasst. Das geht aus Protokollen der Polizei hervor, die Emil Hans Falkenstein im Zuge seiner Recherchen gefunden hat.

Nach Kriegsende wurden jüdische Waisenkinder zu Verwandten gebracht, die den Krieg überlebt hatten. Emil Hans Falkenstein zog zu seinem Onkel nach Eindhoven. Von da an verlief sein Leben turbulent. Der Kontakt zu seiner Pflegefamilie wurde unterbunden, er fühlte sich nicht wohl und wollte schon im Alter von vier oder fünf Jahren mit dem Zug zu seinem Opa nach Amsterdam zurückfahren. Weil das nicht ging, zog er schließlich im Alter von 13 Jahren in ein jüdisches Jungenheim, ging später für eineinhalb Jahre nach England und wanderte schließlich für vier Jahre nach Israel aus. Erst dort kam er zur Ruhe und begann über sich und seine Familiengeschichte nachzudenken. Er lernte Menschen kennen, die Ähnliches erlebt hatten, lernte eine neue Sprache und fand heraus, was in Deutschland und in den Niederlanden unter der Regierung Adolf Hitlers geschehen war. Ein wichtiger Bestandteil für die Aufarbeitung war auch eine Hilfseinrichtung in Amsterdam, die sich auf Juden und deren Geschichte im Holocaust spezialisiert hat.

Seinen inneren Frieden hat er jedoch erst viel später gefunden. In vielen Gesprächen, die er mit seinem Schwiegervater führen konnte, lernte er das Erlebte zu verarbeiten und zu verstehen. Der Vater seiner Ehefrau Hetty hatte selbst das größte Konzentrationslager der Nationalsozialisten in Auschwitz-Birkenau überlebt und versuchte ebenfalls, damit abzuschließen. „Wie kann man zeigen, was in den Kriegslagern war?“, fragt Falkenstein. Ihm bricht die Stimme. Nicht nur, dass die Menschen dort brutal umgebracht worden seien, die Qualen hätten schon mit „dem kalten Duschen und nassen Handtüchern zum Abtrocknen“ angefangen, sagt er. Weil man die Gräueltaten nicht vergessen und so etwas nicht noch einmal passieren dürfe, sei er stolz darauf, dass Gangelt die Stolpersteine verlegt.

„Es ist nicht wichtig, wie viele Jahre später das passiert. Wichtiger ist, dass es gemacht wird“, sagt er und bedankt sich bei den Verantwortlichen des Initiativkreises. Durch die aufwendigen Recherchen unter anderem von den Initiativkreis-Mitgliedern Jo Gielen und Willi Thissen, konnte die Geschichte von Emil Falkenstein detailliert rekonstruiert werden. Einiges habe Emil Hans Falkenstein trotz eigener Recherchen über das Schicksal seiner Familie selbst noch nicht gewusst, sagt der Holocaust-Überlebende und ist froh, den aufwühlenden Besuch in Gangelt gewagt zu haben.

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