Sterbebegleitung: Nah an der Ewigkeit

Von: Jan Mönch
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Renate von Birgeln und Irmgard Treuling begleiten Sterbende. Sie sagen: Bei unserer Arbeit wird auch viel gelacht. Sie ist ein Geschenk. Foto: Jan Mönch

Geilenkirchen. Im Grunde klingt die ganze Sache ja ein wenig verquer. Denn warum sollte man ausgerechnet dann, wenn die intimste Phase des Lebens anbricht, das Sterben, plötzlich einen Fremden bei sich haben wollen? Kann es helfen, wenn jemand, von dem man bis vor Kurzem gar nichts wusste, einem die Hand hält? Will man mit jemandem, den man erst an der Schwelle zur Ewigkeit kennengelernt hat, auf sein Leben blicken? Und vor allem: Wer sollte dieser Jemand sein?

Irmgard Treuling und Renate von Birgeln kennen sie alle, diese Fragen. Sie kommen auf, wann immer sie von ihrer Tätigkeit als Sterbebegleiterinnen erzählen, der sie für den Hospizdienst Camino nachgehen. Die Fragen werden mit aller gebotenen Achtung gestellt, in die aber häufig auch ein gewisses Unverständnis mit reinspielt. Eine gewisse Scheu. Es fällt Treuling und von Birgeln nicht schwer, Antworten zu geben. Die wichtigste ist, dass ihr Ehrenamt keine Bürde ist, sondern ein Geschenk. Dass sie nicht nur geben, sondern auch etwas bekommen. Und wenn beispielsweise ein Dachdecker ihnen sagt, dass er ihren Job niemals machen könnte, dann sagen sie ihm, dass das schon in Ordnung so ist. Dass sie ja auch niemals ein Dach decken könnten.

Ein Sterbebegleiter kann nicht helfen, obwohl er fremd ist, sondern auch und gerade aus diesem Grund. Renate von Birgeln und Irmgard Treuling sind sich da ganz sicher. „Wir sind neutral“, sagen sie, jedenfalls so weit das bei dem Thema möglich ist.

Warum sollte jemand, der an Lungenkrebs sterben wird, nicht noch mal Rauch schmecken, der von einer Zigarette kommt, die im Zimmer brennt, wenn das sein Wunsch ist? Warum soll ein Sterbender, obwohl er Diabetiker ist, nicht einen Löffel, der ganz kalt ist, weil er in einem Eisbecher gesteckt hat, an seinen Lippen und seiner Zunge spüren? Und wenn er Dinge wahrnimmt, die gar nicht da sind, sollte man die einfach so stehen lassen. Wozu widersprechen, wozu hadern?

Die Angehörigen sehen das vielleicht anders, weil sie den Patienten lieben und sich um ihn sorgen. Treuling und von Birgeln helfen ihnen, die Dinge pragmatisch zu sehen. Unaufgeregt. So weit das möglich ist. Und der Patient sollte sich auf keinen Fall Vorwürfe machen, dass wegen ihm geweint wird. Auch das möchten sie vermitteln. Und manchmal, das ist so banal wie wichtig, verhelfen sie den Angehörigen zu ein paar freien Stunden. Denn der Patient mag Vater, Mutter, Ehemann, Tochter sein: Wenn die Angehörigen ihn oder sie pflegen, tun sie das 24 Stunden am Tag. Aber auch die, die keine Angehörigen mehr haben, werden unterstützt. Auch wenn sie in Altenheimen leben. Dort ist besonders Irmgard Treuling oft unterwegs.

Renate von Birgeln und Irmgard Treuling sind auch Gesprächspartner. Beide haben die Erfahrung gemacht, dass die Patienten ihnen manchmal Dinge anvertrauen, die sie der Verwandtschaft nie erzählt haben, am wenigstens ihren Kindern. Wenn der Patient alt genug ist, spielen dabei oft Krieg und Nachkriegszeit eine besondere Rolle. Vielleicht hat er ja Schlimmes erlebt oder Falsches getan. Beide geben zu, dass es nicht immer leicht auszuhalten ist, was sie zu hören kriegen. „Und ein bisschen von dem, was man erlebt, nimmt man immer mit nach Hause“, sagt Renate von Birgeln.

Einfühlsame Menschen

Indem sie zuhört, hilft sie dem Patienten, mit sich ins Reine zu kommen, mit bis dahin Unausgesprochenem abzuschließen, so kann es jedenfalls im Optimalfall sein. Renate von Birgeln und Irmgard Treuling sprechen ihre Gedanken dazu aus oder schweigen, auch das kann die richtige Antwort sein. Trotzdem sei ihre Arbeit keinesfalls so traurig und so schwermütig, wie man es sich vorstellt, das sollte noch gesagt sein. „Es wird viel gelacht“, beteuern beide. Mit dem Patienten, mit seiner Familie.

Wie viel Zeit sie mit ihnen verbringen, ist ganz verschieden. Es kann einmal pro Woche sein, es kann fast jeden Tag sein. Was richtig ist, lehrt die Erfahrung, wie bei allem. Fast immer habe der Patient es gern, wenn man einen feuchten Waschlappen heiß macht und seine Stirn und seinen Hals damit abtupft. Oder wenn eine Wärmflasche am Fußende des Bettes liegt. Das hilft dabei, das Körpergefühl aufrechtzuerhalten, das durch das lange Liegen mit und mit verloren geht. Und ist es dem Patienten überhaupt recht, wenn man das Fenster zum Lüften öffnet? Manchmal muss man nur seine Mimik richtig deuten, um bescheid zu wissen. Denn vielleicht fällt ihm das Sprechen schon schwer, vielleicht kann er es gar nicht mehr. Sterbebegleiter sind einfühlsame Menschen.

Lebenswert und selbstbestimmt

Renate von Birgeln glaubt, dass hinter den vielen Fragen, die ihr gestellt werden, die Tatsache steckt, dass der Tod in Deutschland und Europa ein großes Tabu ist. Was ja eigentlich falsch und auch ein bisschen verrückt sei, denn sterben müsse ja nunmal jeder. Ganz egal, ob man nun glaubt, dass auf der anderen Seite Gott wartet oder nur das große Nichts.

Renate von Birgeln selbst hat die Sterbebegleitung durch ihre Eltern, die nicht mehr leben, als eine Aufgabe erkannt. Als ihre Aufgabe. Wobei ihr das Wort Sterbebegleitung eigentlich nicht sehr gut gefällt. Denn sie begleitet ja Menschen, die noch leben. Und gerade deren letzte Tage sollten so lebenswert und selbstbestimmt verlaufen, wie die Umstände es eben zulassen. Diese Idee bildet das Fundament von Camino.

Das Angebot wird im Kreis Heinsberg immer häufiger angenommen. Aber dass es Hochkonjunktur hat, kann man nicht behaupten. Judith Kemmerling, das ist die Koordinatorin, denkt, dass dies viel damit zu tun hat, dass Heinsberg ein vorwiegend ländlich geprägter Landkreis ist. Vielleicht wollten die Leute sich nicht nachsagen lassen müssen, dass sie nicht selbst mit dem Sterben eines nahen Verwandten fertig werden. Und dann das Gerede im Dorf, falls Privates nach außen dringt. Und kann man sich das eigentlich leisten? Wenn diese Bedenken geäußert werden, erklärt Judith Kemmerling, dass die Sterbebegleiter eine Verschwiegenheitsverpflichtung unterschrieben haben und das Angebot kostenfrei ist. Und dass jeder selbst entscheiden müsse, ob man Hilfe braucht und annehmen möchte. Vielleicht ist das ja tatsächlich nicht nötig. Zum eigenen Nachteil an Konventionen festzuhalten, die immer schwerer aufrechtzuerhalten sind, hält sie aber nicht für sehr sinnvoll. Das Angebot steht.

Irmgard Treuling entschied sich dafür, eine Ausbildung zur Sterbebegleiterin zu absolvieren, nachdem ihre Schwägerin unheilbar an Krebs erkrankt war. Sie wollte vorbereitet sein, wissen, was geschehen wird, was gebraucht wird. Was zu viel ist, was zu wenig. Wie viel Nähe man anbieten sollte, wie viel Distanz zu wahren ist. Was falsch ist, obwohl es gut gemeint sein mag. Auf keinen Fall, wurde ihr ganz konkret geraten, sollte man den geplanten Skiurlaub stornieren, auch wenn die Schwägerin vielleicht nicht mehr mitfahren können würde. Der Tipp erwies sich als goldrichtig. Die Schwägerin erlebte einen letzten Urlaub im Kreise ihrer Familie. Seinen Wert in Geld aufwiegen? Ein lächerlicher Gedanke.

Wenn ein Mensch langsam stirbt, schließt er nicht einfach die Augen. Er schwindet dahin, wird immer weniger, nicht nur körperlich. Er wirft Ballast ab. Schroffe Charakterzüge werden weicher, die Härte, die Unnahbarkeit, die vielen im Laufe des Lebens angediehen ist, wird nicht mehr gebraucht, wenn es Nacht wird. So hat Irmgard Treuling es oft erlebt. Sie sagt: „Unsere Patienten sind so liebenswert.“ Sie sind nicht mehr zornig. Es sind schöne Menschen.

Nur den allerletzten Schritt müssen sie ganz alleine tun. Und wenn es vorbei ist, dann freut Irmgard Treuling sich für sie, dass sie es geschafft haben. Denn ganz am Ende wollen sie gehen, so sei es bei jedem.

Die Nähe zum Tod hat Renate von Birgeln und Irmgard Treuling verändert. Und auch ihren Blick auf das, was davor kommt: das Leben. Zum Positiven, ganz klar. Man werde sich der eigenen Endlichkeit bewusst und dem, was wirklich wichtig ist. „Ich urteile zum Beispiel viel weniger über Menschen, als ich es früher getan habe“, sagt Irmgard Treuling. Eigentlich sei das ja eine Anmaßung. „Andersartigkeiten“ seien für sie heute viel leichter zu akzeptieren, sogar zu verstehen. Und wieso streitet man eigentlich mit denen, die man liebt?, fragt sich Renate von Birgeln. Am Ende wird es doch einerlei sein, wer Recht hatte.

Renate von Birgeln und Irmgard Treuling haben diese Dinge herausgefunden, ganz für sich. Sie sind ein Teil des Geschenks, das ihnen gemacht wird. Durch die Toten, die ihre Augen für immer geschlossen haben, haben ihre eigenen sich ein Stück weiter geöffnet. Und auf die Dinge fokussiert, die wirklich wichtig sind. Der Ärger über den Nachbarn, mit dem man sich nicht versteht, war es nie. Und nicht all die Dinge, deretwegen man wütend war. Geld ist am Ende nichts mehr wert, Macht auch nicht.

Aber jener warme Sommertag vor vielen Jahren, der schon. Die Blätter waren so grün, damals. Hast du genau hingesehen? Dann sind sie es immer noch.

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