Städtepartnerschaften: Damals noch Feinde, heute gute Freunde

Von: Katrin Fuhrmann
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Heinrich Aretz lebt die Städtepartnerschaft. Er sammelt die Geschenke der Freunde. Foto: kf

Kreis Heinsberg. Mit der feierlichen Unterzeichnung des Élysée-Vertrages im Januar 1963 läuteten die beiden großen Staatsmänner Konrad Adenauer und Charles de Gaulle vor mehr als 50 Jahren eine heute wohl schon zum Selbstverständnis gewordene Freundschaft zwischen Deutschen und Franzosen ein.

Nur 18 Jahre nach Kriegsende war mit dieser Aussöhnung die Jahrhunderte alte sogenannte Erbfeindschaft nicht nur auf dem Papier Geschichte. Die besiegelte deutsch-französische Zusammenarbeit auf politischer und kultureller Ebene war geboren – ein Resultat waren Städtefreundschaften und -partnerschaften.

Heute, 52 Jahre später, tragen diese Freundschaften Früchte. Eine dieser vielen besiegelten deutsch-französischen Städtepartnerschaften besteht seit dem Jahr 1966 zwischen Geilenkirchen und Quimperlé. Viele Wünsche und Erwartungen, die die beiden Städte mit der Besiege­lung ihrer Verschwisterung vor knapp 50 Jahren verbunden haben, sind seither in Erfüllung gegangen.

Stets wiederkehrende Begegnungen von Schülergemeinschaften, Vereinen, Gruppen und offiziellen Delegationen füllen diese Freundschaft mit Leben. Damit aber nicht genug. Neben einigen „Pflichtterminen“ reisen viele Geilenkirchener mittlerweile auch in ihrem Urlaub nach Quimperlé.

Einer von ihnen ist Robert Süßenberger. Er ist sozusagen ein Freund der ersten Stunde. 1967, ein Jahr nach der Besiegelung der Partnerschaft, ist Süßenberger als 14-Jähriger das erste Mal nach Quimperlé gereist. Die Stadt habe ihn sofort fasziniert. „Ich liebe die Stadt, das Essen, die Kultur, die Leute und einfach diese tolle besondere Atmosphäre“, schwärmt er. Gemeinsam mit seiner Frau habe er schon viele schöne Stunden in der Stadt erlebt.

Urkunde besiegelt Freundschaft

Längst gibt es natürlich nicht nur Städtepartnerschaften mit Frankreich. Doch auffällig ist: Es sind vor allem Partnerschaften mit jenen Ländern, die im Zweiten Weltkrieg Opfer der Deutschen geworden sind, dazu zählen England, Polen und die Niederlande.

Aber auch im eigenen Land pflegen die Städte und Gemeinden Partnerschaften und Freundschaften. Doch was ist in diesem Zusammenhang eigentlich der Unterschied zwischen einer Städtepartnerschaft und einer Städtefreundschaft? Bei einer Städtepartnerschaft steht vor allem der wirtschaftliche und kulturelle Austausch im Mittelpunkt.

Diese Partnerschaft wird durch eine Urkunde besiegelt. Die Städtefreundschaft hingegen ist eine eher lockere Form der Städtepartnerschaft, die von den Beteiligten aber genauso ernst genommen werden kann. Häufig sind auch nur einzelne Ortsteile und Gemeinden, Projekte und Vereine Teil dieser Freundschaft – der Austausch von Sport, Musik und Kunst vor allem zwischen Schulklassen ist eines der Ziele dieser Freundschaften.

Eine besondere Partnerschaft besteht seit 1973 zwischen dem Kreis Heinsberg und dem District Midlothian in Schottland. Etwa zur gleichen Zeit wurde die Partnerschaft zwischen Midlothian und dem ungarischen Komitat Komárom-Esztergom besiegelt. Im Rahmen des 25-jährigen Jubiläums beider Partnerschaften gab es den Wunsch, auch eine deutsch-ungarische Partnerschaft zu schließen. Diesem Wunsch kam man nach. Seit 1999 gibt es ein „Partnerschaftsdreieck“ zwischen dem Kreis Heinsberg, Midlothian und Komárom-Esztergom.

Doch eine Freundschaft am Leben zu erhalten, ist gar nicht so einfach. Eine gewisse Leidenschaft für den kulturellen Austausch und die jeweils andere Stadt ist zwar keine Pflicht, aber empfehlenswert, wie Heinrich Aretz weiß. Der ehemalige Bürgermeister der Gemeinde Gangelt hat die Partnerschaft mit Sohland an der Spree ins Leben gerufen.

„Die Partnerschaft mit Sohland hat im Jahr 1989 nach dem Berliner Mauerfall begonnen“, erzählt Aretz. Gemeinsam mit einigen Kollegen wollte Aretz Hilfe leisten. Er schickte mehrere Lkw mit Materialien für den Bau nach Sohland. „Anfangs wussten wir eigentlich nur, dass Sohland rund 800 Kilometer von hier entfernt ist. Mehr wussten wir über die Menschen und den Ort nicht“, erzählt Aretz weiter. Das sollte sich aber schnell ändern. Man näherte sich an, es gab regelmäßige Begegnungen und Feste – bis heute.

Eine Sache lag Aretz in all der Zeit besonders am Herzen: „Ich habe 21 junge Mädchen und Jungen aus Sohland für eine Ausbildung nach Gangelt und Umgebung geholt. Nach dem Mauerfall gab es dort nur wenig Möglichkeiten für die Jugendlichen. Das wollte ich ändern“, sagt der 83-Jährige. Drei von seinen Schützlingen, wie er sie nennt, hätten hier sogar geheiratet.

Dass es in den Anfangszeiten der Freundschaften zum Beispiel Sprachbarrieren gab, davon ist heute kaum noch etwas zu spüren. Längst steht Französischunterricht an vielen deutschen Schulen auf dem Stundenplan. Englisch sowieso, und Niederländisch findet sich in der Grenzregion zumindest als Wahlfach wieder.

Andersherum ist das natürlich ähnlich. In vielen ausländischen Partnerstädten wird Deutsch längst unterrichtet. Dort, wo die Sprache ein Problem sein könnte, gibt es bei Veranstaltungen und Begegnungen auch immer einen Dolmetscher – und schließlich kann man sich immer noch mit Händen und Füßen verständigen. So weit, so gut.

Noch besser ist es natürlich, wenn man bei den Freundschaften feststellt, dass die andere Kultur doch nicht so anders ist, wie man vermutet. Karneval zum Beispiel gilt als ein typisch rheinischer Brauch. Was die Erkelenzer in ihrer Partnerstadt Saint-James erlebten, überraschte sie daher besonders.

Das Mi-Carême-Fest – ein traditionelles Fest in der Mitte der Fastenzeit – ist nämlich mit seinen Maskenumzügen und vielen Süßigkeiten beinahe nicht vom rheinischen Karneval zu unterscheiden. Wer hätte das gedacht? Gemeinsamkeiten gibt es auch. Der Sinn und das Ziel von Städtepartnerschaften, nämlich ein weltoffenes, respektvolles Miteinander und ein gegenseitiges Kennenlernen von Land und Leuten, verschiedenen Lebensweisen sowie der verschiedenen Mentalitäten, scheint im Kreis Heinsberg aufzugehen.

In den kommenden Wochen berichten wir über Menschen, die die Partnerschaften mit Leben füllen und sich seit vielen Jahren engagieren. Mit dabei ist auch ein Ehepaar, dass sich bei einem Ausflug in der Partnerstadt kennenlernte.

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