Sprachverlust: Die große Angst vor dem ersten Telefonat

Von: Ines Kubat
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Nach Jahren der Logopädie können zwar viele Schlaganfall-Patienten wieder sprechen, leiden aber häufig noch unter Wortfindungsstörungen. Foto: stock/people
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Norma Kuhlmey (r.) hat 2014 in Übach-Palenberg eine Selbsthilfegruppe für Aphasiker gegründet. Brigitte Weinthal ist eine von knapp zwölf Mitgliedern. Foto: Ines Kubat

Übach-Palenberg. Der 15. März 2014 war eigentlich ein Tag wie jeder andere für Norma Kuhlmey. Wie immer saß sie morgens an ihrem Küchentisch und frühstückte. Doch plötzlich war nichts mehr normal, als sie bemerkte, dass ihr der Kaffee aus dem Mundwinkel lief. Beim Blick in den Spiegel wurde ihr klar, dass eine ihrer Gesichtshälften gelähmt war.

Geistesgegenwärtig wählte sie die Nummer des Notarztes, konnte aber am Telefon nur unverständliche Laute herausbringen. Denn Norma Kuhlmey hatte einen Schlaganfall; eine Verstopfung in der Halsschlagader hatte dazu geführt, dass sich das Blut gestaut hat und das Gehirn kurzzeitig unterversorgt war. Auf die Behandlung samt OP im Krankenhaus folgten für die Übach-Palenbergerin mehrere Wochen Reha, sowie ungezählte Logopädie-Sitzungen.

Die ganze Zeit über hat ihr Geist funktioniert, das Sprechen allerdings hatte sie von jetzt auf gleich fast vollkommen verlernt. Aphasie nennt man diese Folge eines Schlaganfalls, unter der auch Patienten eines Hirntumors oder einer Schädelverletzung leiden können. Knapp 200.000 Menschen gelten in Deutschland als Aphasiker.

Nun, mehr als zwei Jahre später, kann Norma Kuhlmey frei von dieser schweren Zeit erzählen; die Folgen des Schlaganfalls merkt man ihr kaum noch an. Die 71-Jährige hatte Glück, es hätte auch schlimmer enden können. So wie bei manch anderen, die an der Selbsthilfe-Gruppe teilnehmen, die Kuhlmey im November 2014 gegründet hat. Einmal im Monat treffen sich die zehn bis zwölf Mitglieder. Manche von ihnen haben das Sprechen nach ihrer Erkrankung nie wieder ganz gelernt, andere konnten wie Kuhlmey große Fortschritte machen. Doch noch heute leidet sie zum Teil unter Sprach- oder Wortfindungsstörungen: „Die Leute merken gar nicht, dass manchmal in meinem Kopf alles durcheinander purzelt“, sagt sie und lächelt.

In der Gruppe geht es primär um die Gemeinschaft und um den Austausch. Zusammen unternimmt man Ausflüge, trifft sich zum Picknick, zum Feiern, aber auch zum Reden. Und man tut was für den sprachlichen Fortschritt: Eine Logopädin unterstützt sie beispielsweise bei Gedächtnis- und Wortübungen.

Praktische Alltagshilfe

„Wir geben aber auch Starthilfe in Dingen des täglichen Lebens“, sagt Kuhlmey – zum Beispiel in Form von Experten-Vorträgen zu dem Thema. Im Herbst beispielsweise wird die Selbsthilfegruppe einen Fachmann zu Rate ziehen, der erklären soll, welche Fördermöglichkeiten Aphasikern zustehen, was sie bei der Krankenkasse alles beantragen können. Und solches Wissen sei enorm wichtig, denn: „Manche Mitglieder scheuen sogar davor zurück, beim Arzt um Logopädie zu bitten“, berichtet Kuhlmey. Diesen Mitgliedern versuchen die anderen mit ihrem Wissen eine kleine Antriebshilfe zu geben, oder sie begleiten sie direkt zum Arzt. „Denn was man allein nicht schafft, geht in der Gruppe häufig einfacher“, findet Kuhlmey.

Bei den Treffen kommt jeder zu Wort, und kann berichten, was ihm auf der Seele brennt oder welche Verbesserungen man sich wünscht. Deshalb ist es nicht nur wichtig, zu reden, sondern auch zuzuhören: Ein Mitglied der Selbsthilfegruppe sei beispielsweise vor seinem Schlaganfall Sänger und Poet gewesen – seine Sprache habe also einen großen Teil seiner Person und Profession ausgemacht. Er bringe häufig zu den Treffen selbst geschriebene Texte mit und trage sie vor. Man merke, dass ihm diese Vorträge nahe gehen, aber auch, dass die Gruppe hinter ihm steht.

Sowieso sei die psychische Komponente bei dem zeitweiligen Sprachverlust von großer Bedeutung, sagt Kuhlmey: „Als Sprecherin bekomme ich schon mal Nachrichten, wenn Leute in Tiefs stecken.“

Auch Norma Kuhlmey erinnert sich an persönliche Tiefs, beispielsweise vor dem ersten Telefonat, das sie führen musste: „Ich hatte Angstschweiß auf der Stirn stehen, weil ich befürchtete, dass die Leute am anderen Ende der Leitung mich nicht verstehen würden.“ Denn gerade, wenn man als Aphasiker allein lebt, sei man besonders darauf angewiesen, wieder auf die Beine zu kommen und sprechen zu lernen. Ohne Sprache fühle man sich hilflos, und sei es in vielen Situationen auch.

Deshalb hätten viele Aphasiker auch große Angst vor einem erneuten Schlaganfall: zum Beispiel Brigitte Weinthal. Beim Spazierengehen mit einer Freundin habe sie plötzlich Ausfälle im Bein gespürt und direkt den Gedanken gehabt: „Oh nein, bitte keinen Schlaganfall.“ Weinthal besucht ebenfalls die Selbsthilfegruppe. Denn der schlimme Anfangs-Verdacht hatte sich auch bei ihr bestätigt. „Doch ich hatte Glück“: Die Freundin, mit der sie unterwegs war, hatte die Symptome ebenfalls schnell richtig gedeutet und den Notarzt gerufen. Das hat Weinthal vor schlimmeren Folgen bewahrt, ihr Schlaganfall war nur relativ klein, sagt sie heute.

Doch obwohl auch sie sich ihr Sprechvermögen zum größten Teil zurück erobert hat, bedeutete die Erkrankung eine große Zäsur in Weinthals Leben: „Ich bekam nach dem Schlaganfall leider keine Reha und hatte permanente Angst vor einem Rückfall.“ Noch immer spüre sie die psychischen Spuren, die diese schwere Zeit bei ihr hinterlassen hat.

Arbeiten zum Beispiel kann Weinhtal nicht mehr. Zunächst habe sie es noch versucht: „Man hat ja Verantwortung und eine gewisse Rolle, die man erfüllen muss.“ Irgendwann jedoch sei es ihr nicht mehr möglich gewesen: „Ich war einfach überfordert. Denn man hat das Gefühl, dass alle erwarten, dass man schnell wieder funktioniert.“

Solche Erwartungen würden in der Gruppe nicht gestellt, und das findet Brigitte Weinthal richtig so: „Wir dürfen hier genau so sein, wie wir sind, und achten auch nicht kritisch darauf, welche Fortschritte andere machen.“ Und noch eine andere Besonderheit an der Gruppe schätzt die Aphasikerin: „Man ist hier gleichwertig.“

Ohne Scham könne man von sich und seinen Problemen berichten und würde verstanden. „Ich weiß, dass viele Menschen zunächst Angst davor haben, sich zu offenbaren“, sagt Kuhlmey. Dennoch hofft sie, dass diese Menschen Selbsthilfegruppen aufsuchen, um gemeinsam Probleme zu erarbeiten und Unsicherheiten aus dem Weg räumen: „Denn hier findet man gebündeltes Wissen.“

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