Spagat zwischen Kindeswohl und Finanzen

Von: Udo Stüßer
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Geilenkirchen. Der Jugendhilfeausschuss der Stadt Geilenkirchen steht hinter der Arbeit des städtischen Jugendamtes.

Das wurde bei der jüngsten Sitzung am Dienstagabend deutlich, obwohl dort über eine Stunde lang leidenschaftlich und engagiert über die Entwicklung der Fallzahlen und Kosten im Bereich der Hilfe zur Erziehung diskutiert wurde.

Denn: Waren im Haushaltsjahr 2010 Mittel in Höhe von 2.340.000 Euro eingeplant, betrugen die tatsächlichen Ausgaben durch eine erhebliche Fallzahlsteigerung bei den ambulanten Hilfen zur Erziehung und durch eine Steigerung der Zahl der kostenaufwändigen Heimunterbringungen 3.923.000 Euro. „Ein erheblicher Teil der zusätzlich zu finanzierenden Hilfefälle ergibt sich aus Zuzügen von Familien, die bereits am bisherigen Wohnort Hilfe zur Erziehung für ihre Kinder erhielten.

Dies wiederum resultiert aus einem deutlichen Überangebot an familiengerechtem Wohnraum in Geilenkirchen sowie großräumig geschalteter Werbung der Investoren entsprechender Wohnanlagen”, hatte Jugend- und Sozialamtsleiter Wilfried Schulz in seinem Bericht dargelegt. Die Verwaltung sei bestrebt, einem weiteren überproportionalen Kostenanstieg entgegen zu wirken.

Hierbei bewege sie sich im Rahmen gesetzlicher Vorgaben sowie wissenschaftlicher Empfehlungen und Standards. Wie Schulz vor dem Ausschuss erläuterte, sei die Erfüllung der Aufgaben im Zusammenhang mit dem Schutz von Kindern bei Kindeswohlgefährdungen keinesfalls Gegenstand von Einsparüberlegungen. Es sei allerdings zu erwägen, eine sozialpädagogische Familienhilfe einzustellen, wenn das Ziel auch nach etwa eineinhalb Jahren wegen mangelnder Mitwirkung der Familie und des Jugendlichen nicht erreichbar sei.

In diesen Fällen sei es vertretbar, andere Hilfsangebote des staatlichen Systems, wie zwangsweise Schulzuführung und die Jugendgerichtsbarkeit, arbeiten zu lassen. Für diese Entscheidung bat er um die Zustimmung des Jugendhilfeausschusses.

Längerer Prozess

Karola Brandt, sachkundige Bürgerin der Bürgerliste, wandte sich gegen diesen Vorschlag. An diesem Punkte könne man nicht sparen, jeder Einsatz sei wichtig. „Man kann nicht pauschal sagen, wann man ein Kind erreichen kann. Manchmal ist es ein längerer Prozess, da darf man nicht schematisch arbeiten.”

Wilfried Schulz betonte, dass das Jugendamt sich nicht pauschal nach eineinhalb Jahren von einem Fall zurückziehe. Es werde geprüft, ob eine weitere Betreuung Sinn mache. „Wenn wir den Jugendlichen im Stich lassen, finden wir ihn später im Bereich der Kriminalität wieder”, befürchtete Karola Brandt.

„Wir haben mit 40 Fällen angefangen und haben jetzt 100. Wir müssen unsere Ressourcen verhältnismäßig einsetzen. Wenn ein Mädchen nicht zur Schule geht und wir uns bemühen, diese Bemühungen aber auch noch von der Mutter vereitelt werden, stoßen wir an unsere Grenzen”, argumentierte Schulz. Anderer Ansicht war Georg Nebel, Vertreter der evangelischen Kirche: „Jedes Kind hat ein Recht auf Erziehung. Wenn Kinder sich verweigern, ist es unsere Aufgabe, andere Instrumentarien zu finden.”

Spagat

Beigeordneter Herbert Brunen will den „Spagat hinbekommen”: „Das Kindeswohl steht im Vordergrund. Es gibt verschiedene Möglichkeiten, das zu erreichen. Die Wirtschaftlichkeit können wir nicht außer acht lassen. Deshalb müssen wir diese Wege prüfen”, unterstützte er Wilfried Schulz. Das sah auch Manfred Schumacher (CDU) so: „Kinder brauchen gewisse Spielregeln. Und wir müssen uns fragen, ob wir wirklich jedem einzelnen Jugendlichen helfen wollen und viele andere dadurch vernachlässigen. Für diese Entscheidungen braucht man Fingerspitzengefühl. Da habe ich vollstes Vertrauen ins Jugendamt.”

Das falsche Signal

Markus Grahn, von Beruf Jugendrichter, hat ein „Problem mit ein- bis eineinhalb Jahren”: „Ich habe meine Bedenken, wenn man Kindeswohl gefährdet sieht und den Fall dann einstellt. Das ist das falsche Signal”. Für Stefan Mesarus, Vertreter des Caritasverbandes, sind eineinhalb Jahre „eine beliebige Zahl”. Man müsse da etwas genauer hinsehen. Schließlich gebe es Fälle, die man nach sechs Monaten einstellen könne. „Es gibt Kommunen, die wollen die Zahlen herunterschrauben, und die Fälle kommen später teurer wieder zurück.”

Wilfried Schulz erläuterte, 95 Prozent der Fälle gingen im Jugendamt glatt durch. Es handele sich lediglich um fünf Prozent, die gemeinsam von pädagogischer Leitung und Verwaltung überprüft würden, ob sozialpädagogische Unterstützung auch nach eineinhalb Jahren Sinn mache.

Bürgermeister Thomas Fiedler schließlich verglich das Problem des Jugendamtes mit dem Gesundheitswesen. Auch hier sei vieles wünschenswert, aber nicht alles finanzierbar. Der Ausschuss signalisierte schließlich seine Unterstützung für die Vorgehensweise des Jugendamtes.
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