SMS-Märchen: Rotkäppchen in 160 Zeichen

Von: Udo Stüßer
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Monika Fuß, Ulrike Capper und Nadine Sadlowski (von links) präsentieren ein umfangreiches Angebot an Märchenbüchern. Foto: Udo Stüßer

Geilenkirchen. „Im Wald wohnte 1 Hexe. Klopf, klopf! Wer da? Der Teufel! Sie öffnete die Tür. Buh!, brüllte das Kind, + die Hexe starb vor Schreck.“ Als die Brüder Jacob und Wilhelm Grimm heute vor 200 Jahren die erste Auflage ihrer „Kinder- und Hausmärchen“ veröffentlichten, haben sie sich sicherlich nicht vorstellen können, dass ihre Märchenwelten heute in SMS-Länge knapp und faszinierend auf den Punkt gebracht werden.

„Eigentlich“, so sagt Nadine Sadlowski, stellvertretende Leiterin der Geilenkirchener Stadtbibliothek, „haben die Brüder Grimm diese Märchen für Erwachsene geschrieben. Aber es hatten besonders die Kinder ihren Spaß an den Geschichten, weil es keine Kinderliteratur gab!“ Haben die Kinder auch heute noch so große Freude an Grimms Märchen?

„Überwiegend sind es die Eltern, die Erzieherinnen der Kindertagesstätten und Lehrer, die Märchenbücher ausleihen und den Kindern vermitteln wollen“, erklärt ihre Kollegin Monika Fuß. Doch die Kinder selbst greifen selten zu diesen bekanntesten Werken der deutschen Literatur. „Kinder greifen eher zu Märchenbüchern, wenn sie schön und modern illustriert sind. Das Cover ist wichtig, die Optik muss ansprechend sein“, weiß Nadine Sadlowski. Dies bestätigt Monika Fuß: „Wenn Aschenputtel auf dem Cover glänzt, ist das cool.“ Überhaupt scheint das Buchcover heute eine besondere Bedeutung zu haben: „Das gilt auch für Erwachsene. Das Cover muss auffallen, besonders wenn es sich um unbekannte Autoren handelt“, hat auch Bibliotheksmitarbeiterin Ulrike Capper festgestellt.

Bei einem Streifzug durch die Bücherei stellt der aufmerksame Besucher fest, dass das eine oder andere Märchenbuch der Erwachsenenliteratur zugeordnet ist. So beispielsweise „Hänsel und Gretel“ von Lorenzo Mattotti, erschienen bei Carlsen. Das Märchen an sich birgt schon Gruselpotenzial. Aber Mattottis Wald ist besonders finster. Das Buch ist ganz in Schwarz-Weiß gehalten, die Bilder recht furchteinflößend. „Hierbei geht es um Bilderbuchkunst, es kommt auf den künstlerischen Aspekt an. Kinder würden davon Albträume bekommen“, hat Nadine Sadlowski beim Blättern festgestellt.

Auch das im Carl Hanser Verlag erschienene Märchen „Rotkäppchen“ mit Illustrationen von Susanne Jansen steht zwischen der Erwachsenenliteratur: „Zu furchterregend ist der Wolf mit der überdimensionalen Schnauze“, sagen die Bibliothekarinnen übereinstimmend. Bei der Durchsicht der Statistik hat Ulrike Capper auch festgestellt: „Dieses Buch wurde in zehn Jahren nur 13 Mal ausgeliehen. Diese Art von Märchenbücher werden nur von Liebhabern ausgewählt.“

Die Kinder greifen weniger auf die klassischen Märchenbücher zurück. Sie verschlingen hingegen die Geschichten von Prinzessinnen, Rittern, Drachen und Feen. Hoch im Kurs stehen Prinzessin Lillifee, die Hexe Lilli und der kleine Drache Kokosnuss. „Diese Bücher sind kindgerechter als die klassischen Märchenbücher. Sie sind nicht so düster, sind mit kurzen Sätzen in aktueller Sprache geschrieben, beinhalten keine Fremdwörter, sind nicht gruselig, sondern eher fröhlich“, erläutert Ulrike Capper.

Grimms Märchenfiguren findet man nicht nur zwischen zwei Buchdeckeln. „Es war einmal...“ sind auch etliche DVDs überschrieben, mit denen ursprüngliche Märchen in einer Neuverfilmung präsentiert werden. Da glänzen deutsche Schauspieler wie Laura Berlin als Schneewittchen, Sonja Kirchberger als die böse Stiefmutter und Karoline Herfurth als die „Gänsemagd“. Wer es lieber mit Musik mag, greift dann eher auf Musical-CDs zurück. „Bei ‚Peter und der Wolf‘ kann man herrlich die Fantasie schweifen lassen“, schwärmt Monika Fuß.

Junge Leute verstehen es, alles Wichtige in 160 Zeichen unterzubringen. Für sie hat Fabian Negrin mit kurzen sprachlichen Mitteln im Mixtvision-Verlag München seine „SMS Märchen Grimm und Co.“ herausgegeben. So lautet die Kurzversion von Rotkäppchen: „Es war 1mal 1 Kind, das glaubte nicht an Wölfe. Im Wald begegnete es 1 Tier. Platz!, befahl es. Grrr! Knurrte der Wolf + verschlang es. Er glaubte nicht an Kinder.“

Die Geilenkirchener Bibliothekarinnen verweisen derweil auch auf ihren wissenschaftlichen Bestand. Wer sich nicht nur unterhalten lassen will, sondern sich ernster mit Märchen auseinandersetzen möchte, sollte vielleicht einen Blick in das von Maria Tatar im Heyne-Verlag veröffentlichte Buch „Von Blaubärten und Rotkäppchen – Grimms grimmige Märchen psychoanalytisch gedeutet“ werfen. Da geht es um Sexualität und Gewalt im Märchen, um Realität und Fantasie, aber auch um Stiefmütter und andere Menschenfresser.

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