Skulptur erinnert an die Opfer des Nationalsozialismus

Von: Markus Bienwald
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Der Aachener Kunstprofessor Wolfgang Becker (l.) führte in die vom Übach-Palenberger Künstler Hermann-Josef Mispelbaum geschaffene Skulptur „Der stumme Zeuge – Die Unschuldsbeteuerung“ ein. Foto: Bienwald

Übach-Palenberg. Einst hat Hermann-Josef Mispelbaum an der Dammstraße auf dem Rasen vor dem Schwimmbad gespielt. Nun kehrte er zu diesem Ort zurück, um ein beim böigen Wind des Freitagnachmittags kaum zu haltendes Tuch von seiner neuesten Arbeit zu ziehen.

Sein Werk lässt mehrere „Meilensteine“ auf einmal in den Boden Übachs ein. Zum einen ist die Skulptur mit dem Titel „Der stumme Zeuge“ eins der ersten Werke, das der Künstler als Skulptur in seinem bisher von Malerei und Zeichnungen geprägten Werk auf einen Sockel heben durfte.

Zum anderen ist die mit dem sinnigen Untertitel „Die Unschuldsbeteuerung“ versehene Arbeit die erste Gedenkstätte in Übach-Palenberg, die zur aktiven Auseinandersetzung mit den Opfern des Nationalsozialismus auffordert.

Noch mehr Fragezeichen

Schon die gemeinsam mit der Stadt und der jüdischen Gemeinde Aachen erarbeitete Inschrift „Da sprach er: Was hast Du getan? Horch! Das Blut deines Bruders schreit zu mir auf vom Erdboden“ fordert und fördert die Gedanken über diese Zeit. Die Skulptur, die durch eine fachliche Erläuterung des Aachener Kunstprofessors Wolfgang Becker näher beschrieben wurde, setzt vielleicht noch mehr Fragezeichen in die Köpfe der Menschen.

Da sitzt eine Person mit einer weiblichen und einer männlichen Seite, der übergroße Kopf ist gesichtslos, wirkt leer und dennoch nachdenklich. Riesenhafte Hände formen sich zu einer Haltung, die von Ergriffenheit über Verschlossenheit bis zu Abwehr viele Deutungen erlaubt. Seltsam kompakt wirkt der Körper, dessen Dimensionen merkwürdig verschoben scheinen.

Genau dieser Widerspruch war auch, was Hermann-Josef Mispelbaum von Anfang an wollte. Und es passt auch zu seinem Charakter und zu seinem Werk. „Unter den vielen Künstlern, die ich kenne, gehört Hermann-Josef Mispelbaum zu den Introvertierten“, sagte Becker. Daher sei es für den Mann hinter der Skulptur auch undenkbar gewesen, sich dem vielleicht zu erwartenden Bild des Leidens bei einer Arbeit mit dieser historischen Dimension zu ergeben.

Vielmehr schuf Mispelbaum mit Blick in seine eigene Geschichte ein Bild des Schweigens, das er als Teil der Nachkriegsgeneration erfahren hat, das aber zu dieser Zeit eine typische Haltung der Gesellschaft war: Unfähig, über Erinnerungen zu reden, unfähig, etwas über Bekenntnis zur Täterschaft und zum Mitwissertum auszudrücken, sei diese Generation gewesen, schilderte Becker in seinen Ausführungen.

Sitzt die klobig, lumpig und verletzt wirkende Figur die Schuld aus?, scheint Mispelbaum fragen zu wollen. Oder sitzt Sie auf einer Schuld?, wie Becker es formulierte. „Das überlasse ich den Betrachtern“, sagte Mispelbaum am Rande der Enthüllung.

Damit lässt er die Deutung bei den Menschen, die sich an dem Ort erinnern können, reiben sollen am Gesehenen, zum Denken angeregt werden sollen durch diese Skulptur. Es soll, so Mispelbaum, an die Menschen erinnern, die sich dem Terror und Zwang des Regimes beugen mussten und oft mit ihrem Leib und Leben teuer dafür bezahlen mussten, nur weil sie zu dieser Zeit unter diesem Regime lebten.

Gestalterisch hat die Figur, die in enger Zusammenarbeit mit dem niederländischen Bronzegießer Jos Boerekamps entstanden ist, seit dem Guss auch nach Ansicht ihres Schöpfers noch gewonnen. Frisch und vorsichtig aus der Form befreit, zeugte sie mit glimmendem Glanz noch vom Fluss der mehr als zwei Zentner Material. Nach der erfolgten Patinierung, die eine Bemalung überflüssig machte, zeigt sie sich in mäandernden Schwarztönen und unterstreicht so nochmals eindrucksvoll die Energie, die ihr innewohnt.

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