Geilenkirchen/Übach-Palenberg - Singen ist gesund, doch die Chöre sterben

Singen ist gesund, doch die Chöre sterben

Von: Udo Stüßer
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Hans-Josef Bröhl (links) und Dr. Armin Leon haben große Freude am Gesang, sorgen sich aber um die Zukunft der Vereine. Foto: Udo Stüßer

Geilenkirchen/Übach-Palenberg. Wenn Dr. Armin Leon, Vorsitzender des Männergesangvereins Teveren, in seinen Terminkalender blickt, freut er sich besonders auf den 15. Juli. Dann feiert der Verein sein 100-jähriges Bestehen. Doch die Zusammensetzung der Sängerschar treibt ihm Sorgenfalten auf die Stirn. Von dem einst so stolzen Männerchor mit über 60 Mitgliedern erheben nur noch 46 Männer ihre Stimme zum Gesang.

Noch härter hat es den Übacher Gesangverein getroffen. In den glorreichen 50er und 60er Jahren standen stets 100 sangeslustige Männer auf der Bühne, heute hat Vorsitzender Hans-Josef Bröhl gerade mal 37 Vollzahler in seiner Vereinsliste.

Acht von ihnen sind schon 80 oder werden in diesem Jahr 80 Jahre alt, zwei kommen gar nicht mehr zu Auftritten, zwei weitere bezeichnet er nur noch als Statisten. „Wenn wir 26 Sänger bei den Proben haben, hängen wir vor Freude eine Fahne raus“, sagt er. Wenn er durch die Annalen seines Vereins blättert, kann er nur noch staunen: „Unvorstellbar, was die Sänger früher geleistet haben“, sagt er. Die Mitglieder beider Männergesangvereine haben ein Durchschnittsalter von 73 Jahren.

Oper und Operette, Volks- und Kirchenlieder gehören zum Repertoire der Übacher und Teverener Sänger. In jüngster Zeit geht es auch schon einmal mit Harry Belafonte oder der deutschen Version von The River of Babylon etwas fetziger zu. „Es gibt Chöre, die haben noch Zulauf. Das sind gemischte Chöre, die Gospel und Schlager singen, da gehen junge Leute hin. Wir aber wollen keine Frauen im Chor haben“, sagt Bröhl.

Armin Leon erinnert an die 70er Jahre: „Da haben wir eine Zeit lang mit Frauen gesungen. Und ehe ich den Laden zumache, stelle ich den Mitgliedern die Frage, ob sie wieder mit Frauen singen wollen.“ Es ist sicherlich keine Frauenfeindlichkeit, die zu der Diskussion „Frauen ja oder nein“ führt. „Nein“, sagt Leon, „im Laufe der Jahre haben wir ein Repertoire aufgebaut, das mit Frauen verändert werden müsste.“

Als Beispiel führt er „Es steht ein Soldat am Wolga strand“ aus der Operette Der Zarewitsch an: „Von einer Frau gesungen, hört es sich zwar ganz nett an, es kann aber nur von einem Mann gesungen werden.“ Das sieht auch Bröhl so: Der junge Mann im Frühling aus My Fair Lady könne keinesfalls von einer Frau gesungen werden.

Es geht auch um die Stimmen: Singen in reinen Männergesangvereinen erste und zweite Tenöre und erste und zweite Bassstimmen, sind es bei den Frauen der hohe Sopran und die tiefe Altstimme, die das Publikum überzeugen sollen.

Dachte man bei Männergesangvereinen vor Jahren noch an alte Männer in schwarzen Anzügen mit Fliege, die statisch auf der Bühne stehen und ihr Programm abspulen, so hat sich dieses Bild in jüngster Zeit verändert: „Es kommt Bewegung in das Programm, wir dürfen nicht mehr statisch ein Lied singen, ein Lied soll eine Geschichte erzählen“, sagt Leon.

Auch die Gründung des Kleinen Chores, etwa zehn Sänger des Männergesangvereins Teveren, sollen für den Verein werben. Mit Gitarre und Akkordeon treten die Sänger im Karneval oder bei Geburtstagspartys auf und sorgen hier für Spaß.

Armin Leon will künftig auch auf Projektchöre setzen: Junge Männer sollen sich für einen gewissen Zeitraum zum Singen unter einem bestimmten Thema zusammenfinden. „Wir müssen modern werden, aber es gibt Grenzen. Rappen würde ich nicht“, versichert Leon.

Die Männergesangvereine, so weiß der Vorsitzende der Teverener Sänger, müssen sich ändern. „Erleben wir auch das nächste Jubiläum noch? Und wenn ja, wie erleben wir es? Wenn es so weiterläuft werden wir das 125-jährige Bestehen nicht mehr feiern können. Wir müssen es irgendwie schaffen, neue Mitglieder zu gewinnen und die alten nicht zu vergraulen“, sagt er.

Es sind nicht nur die Mitglieder, die den Männergesangvereinen fehlen, es sind auch die damit verbundenen Mitgliedsbeiträge, die ausbleiben. Der Dirigent muss bezahlt werden, beim Jahreskonzert müssen rund 1000 Euro für einen Gastpianisten und Solisten bezahlt werden. Das Ausleihen eines Flügels schlägt mit rund 500 Euro zu Buche, und auch für die Brandwache der Feuerwehr beim Konzert sind Gebühren fällig. Einige hundert Euro müssen im Jahr an den Chorverband abgeführt werden, über den die Vereine versichert sind und der sich um die Gema kümmert.

Gema und Urheberrecht sind überhaupt Themen, mit denen sich Vorstände der Musikvereine ständig beschäftigen müssen. „Das Repertoire der Sänger zu erweitern, ist schon deshalb teuer, weil man für jedes Lied einen kompletten Notensatz kaufen muss. Fotokopien sind aus Urheberrechtsgründen nicht erlaubt. Und solch ein Notensatz liegt bei rund 250 Euro.

Deshalb sind wir auf Sponsoren angewiesen“, sagt Armin Leon. Das sieht auch Bröhl so. Er weiß aber auch: „Die Sponsoren sind nicht mehr so spendabel wie früher. Da muss man sich das Geld erbetteln.“ Eine Fusion der beiden Vereine ist nicht die Lösung der Probleme: „Das wäre nur eine lebensverlängernde Maßnahme, dann singen wir vielleicht zehn Jahre länger“, sagt Leon.

Kameradschaft und Geselligkeit gehören natürlich auch zum Vereinsleben. Bröhl erinnert sich noch gut an die großen Konzertreisen nach Wien und Salzburg. Aufgrund des fortgeschrittenen Alters der Mitglieder ist heute nur noch an einen Halbtagsausflug zu denken. „Ich habe für einige Mitglieder sogar Stehhilfen gekauft, weil ein Konzert zu anstrengend wäre“, sagt Bröhl. Leon dazu: „Egal wie alt, egal welche Behinderung. Jeder soll bei uns singen.“

Doch warum versammeln sich Menschen zum gemeinsamen Gesang? Dazu meint der 55-jährige Leon, als Politikwissenschaftler im Sozialministerium Düsseldorf beschäftigt: „Es macht Spaß, Singen entspannt. Wenn ich aus einer langen Sitzung komme und singe eine Halbzeit, ist der Ärger weg. Singen ist gesund. Wenn ich singe, ist auch mein Blutdruck normal.“

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