Geilenkirchen - Sicherheit bei Veranstaltungen: Workshop zu Verantwortungsfragen

Sicherheit bei Veranstaltungen: Workshop zu Verantwortungsfragen

Von: Isabelle Hennes
Letzte Aktualisierung:
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Duisburg vor rund drei Jahren: Bei der Loveparade bricht eine Massenpanik aus. 21 Menschen sterben. „Das kann auch in einer Turnhalle in Geilenkirchen passieren“, sagt Olaf Jastrob.
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„Ich will keinem Ortsvorsteher vor den Kopf stoßen, aber eine Vielzahl von Veranstaltungen findet schlicht unter illegalen Bedingungen statt“, sagt Olaf Jastrob.

Geilenkirchen. Olaf Jastrob ist auf alles vorbereitet. In seinem dunkelblauen Van hat er sein ganzes Equipment verstaut: Absperrband, Helm, Schlafsäcke, Erste-Hilfe-Set. „Sie glauben gar nicht, was mir unterwegs schon so alles passiert ist“, sagt der Experte für Veranstaltungs- und Bühnensicherheit und fängt sofort an, seine Umgebung zu inspizieren.

„Stellen Sie sich vor, hier auf dem Markt in Geilenkirchen würde ein Passant über einen Sonnenschirm stolpern und sich verletzen“, sagt er. Das ist eines seiner Lieblingsthemen: die Haftungsfrage. Weil viele Veranstalter oft nicht wissen, worauf sie sich einlassen, will Jastrob informieren. Und bietet einen Workshop zum Thema Veranstaltungssicherheit (siehe Box). Im Interview spricht Jastrob über Sicherheit, Beinahe-Katastrophen und den Überlebensdrang des Menschen.

Herr Jastrob, wann waren Sie das letzte Mal privat bei einer Großveranstaltung?

Jastrob: Vor kurzem noch bei der Formel 1 am Nürburg Ring.

Und, haben Sie sich dort sicher gefühlt?

Jastrob: Ich fühle mich bei solchen Veranstaltungen nur relativ sicher. Wenn Menschen dabei sind, gibt es immer ein Restrisiko. Nur Veranstaltungen ohne Menschen sind vollkommen sicher. Nehmen Sie den Geilenkirchener Markt. Hier findet Public Viewing statt. Das heißt, die Organisatoren müssen Verantwortung für die Menschen übernehmen. Aber wer hebt die Hand, wenn Menschen zu Schaden kommen und sagt: Ja, ich trage die Verantwortung dafür.

Was zeichnet eine gute Sicherheitsfirma aus?

Jastrob: Wenn geschultes Personal präventiv die Sicherheit organisiert, dazu zählen all diese Dinge wie Brandschutz, Unfallverhütung, Arbeitsschutz, technische Standards. Und wenn sich Betreiber und Veranstalter ihrer Verantwortung bewusst sind, hat man einen hohen Standard erreicht. Eine 100prozentige Sicherheit und eine 100prozentige Rechtskonformität gibt es nicht.

Die Rechtslage ist nicht eindeutig geklärt?

Jastrob: Leider nein. Möchte die Stadt beispielsweise ein Stadtfest organisieren, braucht sie ein Sicherheitskonzept. Aber es ist nicht geregelt, wer das erstellen soll. Das könnte jemand wie ich machen, das könnte aber auch ein Kompetenzteam der Stadt machen. Oft wird aber es eben gar nicht gemacht. Da stellen dann die Besucher ihr Glas Bier auf dem Starkstromverteiler ab. Oder es gibt kein Evakuierungskonzept. Wir haben in Deutschland zwar für alles Regeln, aber sie kennt oft keiner. Es gab schon viele Beinahe-Katastrophen, es braucht aber immer die richtige Katastrophe, bis sich etwas ändert.

Trotzdem werden die gesetzlichen Vorgaben – nicht zuletzt wegen Unglücken wie bei der Loveparade – immer schärfer. Wissen das auch die Veranstalter?

Jastrob: Leider oft nicht. Das Pro­blem liegt darin, dass es oft falsch eingeschätzt wird. Und am Ende will keiner haften. Das häufigste Argument ist: Es ist ja noch nie etwas passiert. Ich will keinem Ortsvorsteher vor den Kopf stoßen, aber eine Vielzahl von Veranstaltungen findet schlicht unter illegalen Bedingungen statt, weil sich keiner mit der Rechtslage befasst. Hier müsste viel mehr Aufklärungsarbeit von den Städten und Gemeinden geleistet werden. Oft kommt diese Aufklärung zu spät. Nämlich erst dann, wenn schon etwas passiert ist und Menschen verletzt oder gar tot sind.

Für einen kleinen Schützenverein ist es doch sicherlich auch eine finanzielle Frage, ob und wie er eine Veranstaltung sichert?

Jastrob: Es ist immer eine Frage des Geldes. Aber die Leute müssen sich im Klaren darüber sein, dass sie wegen des Geldes auf die Sicherheit der Menschen verzichten.

Ist es für Sie ein großer Unterschied, ob Sie ein Fußball-Bundesligaspiel sichern oder eine Party in einem Dorf?

Jastrob: Die Vorgehensweise ist immer dieselbe. Wir arbeiten nach dem TOP-Modell. Die drei Buchstaben stehen für Technik, Organisation und Personal. Wie sehen die Fluchtwege aus? Wo kann die Feuerwehr durchfahren? Der größte Unterschied liegt im Volumen: Ob ich 500 oder 60 000 Menschen evakuieren muss, ist etwas anderes.

Sie sagen, ein Veranstalter braucht eine Art „Führerschein“ für die Organisation einer Großveranstaltung. Wie sieht dieser „Führerschein“ denn aus?

Jastrob: Es gibt immer vier Gruppen oder Personen, die die Verantwortung tragen. Das sind der Betreiber, der Veranstalter, der Arbeitgeber und die verantwortlichen aufsichtführenden Personen. Der Veranstaltungsleiter muss einen Fachkundenachweis erbringen. Das heißt zum Beispiel, ein Seminar besuchen und sich mit dem Arbeitsschutzgesetz und der Sonderbauverordnung NRW auseinandersetzen. Die technische Aufsichtsperson muss eine Ausbildung als Bühnenfachkraft gemacht haben. Ohne diese Voraussetzungen entsteht ein erhebliches Risiko, in vielerlei Hinsicht.

Das gilt nicht nur für die Formel 1, sondern auch für das Schützenfest und die Abiturfeier?

Jastrob: Ja. Nehmen Sie das Beispiel Abifeier. Jemand der Schüler organisiert ein paar Boxen von einem Bekannten, der nächste stellt von seinem Vater ein Zelt zur Verfügung. Schon haben Sie eine solche Situation. Diese Veranstaltung müsste die Stadt zuvor genehmigen. Aber selbst dann braucht man noch den „Fahrer“, der vor Ort ist und Aufsicht führt. Ein Unfall wie bei der Loveparade muss nicht immer in der Großstadt passieren, das kann auch in einer Turnhalle in Geilenkirchen geschehen. Beispiel „Trichtereffekt“: Im Notfall kann eine Tür versperrt sein und alle strömen auf die andere einzig verbliebene zu. Diese ist eventuell zu klein. Die Menschen folgen immer ihrem Urinstinkt, dem Überlebenswillen. Deshalb kommen in solchen Situationen andere Menschen zu schaden.

In einer Geilenkirchener Diskothek hat es vor wenigen Wochen einen Zwischenfall gegeben: Ein Besucher wurde von einem Security-Mitarbeiter angegriffen. Was können Sie aus Ihrer Berufserfahrung zu solch einem Vorfall sagen?

Jastrob: Der schlechte Ruf solcher Mitarbeiter hat mehrere Gründe, man muss aber immer beide Seiten sehen. Zum einen werden sie oft schlecht bezahlt und sind schlecht ausgebildet. Zum anderen sind sie oft körperlichen und verbalen Attacken ausgesetzt und das stundenlang. Irgendwann erreicht da jeder seine Schmerzgrenze. Aber ich beobachte schon seit längerem, dass die Gewaltbereitschaft in der Gesellschaft zunimmt. Das liegt unter anderem am Medienkonsum. Jeder von uns wird rund um die Uhr mit schlechten Nachrichten konfrontiert. Es häufen sich zum Beispiel sogenannte Raufunfälle an Schulen. Bei Abschlussfeiern stellen wir immer häufiger fest, dass auch gewaltbereite Gruppen von außen hinzukommen. Zumindest ist das meine persönliche Erfahrung.

Was erwartet die Besucher der Schulung, die kommenden Donnerstag stattfindet?

Jastrob: Es haben schon einige Kommunen zugesagt. Sie werden kurz und kompakt über das Thema informiert. Es sind aber noch Plätze frei.

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