Selbsthilfegruppe: Eine Leiter, die aus dem tiefen Loch hilft

Von: Annika Kasties
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Mit den Problemen nicht allein bleiben: Betroffene, die unter Depressionen leiden, finden in der Gemeinschaft von Selbsthilfegruppen Stabilität. Wichtig ist, nicht in den alten Trott zurückzukehren. Foto: imago/Thomas Eisenhuth

Geilenkirchen. Es war an einem Samstagmorgen beim Frühstück, als das Kartengerüst, hinter dem Paul mühsam seine Ängste und Sorgen zu verbarg, einstürzte und er am Esstisch zusammenbrach – „heulend wie ein kleines Kind“. Nach zwei Jahren des „Zähnezusammenbeißens“ war Schluss. Der Herzinfarkt, der Jobverlust, die Selbstzweifel.

Der Mittfünfziger war mit den Nerven am Ende. Die Diagnose: Burnout. Oder vielmehr eine lange Zeit nicht erkannte Depression. Das war 2014.

Den Anfang der Abwärtsspirale verortet Paul im Jahr 2011. Damals erlitt er einen Herzinfarkt. Es war bereits sein zweiter, und die Auswirkungen waren heftig. Fünf Tage lang lag er auf der Intensivstation. „Ich wäre fast gestorben“, berichtet Paul.

Im Frühjahr 2012 begann die stufenweise Wiedereingliederung in seinen alten Arbeitsplatz. Doch der nächste Rückschlag folgte nur sechs Monate später mit der Kündigung. Paul tat das, was er vermeintlich am besten konnte: Er blieb zäh, suchte sich einen neuen Job und biss die Zähne zusammen – bis zu jenem Samstagmorgen am Frühstückstisch.

Die Einsicht, dass er professionelle Hilfe brauche, fiel Paul nicht leicht. Doch er hatte Glück. Bei der Psychiatrischen Institutsambulanz (PIA) in Gangelt bekam er schnell einen Therapieplatz. Dort wurde ihm eine Reha-Maßnahme in der Ambulanten Reha am Krankenhaus Geilenkirchen empfohlen.

Er habe dort nicht nur gelernt, die sich ständig drehende Gedankenspirale im Kopf mit gezielten Techniken zu unterbrechen. Er habe auch viel aufgearbeitet und über sich gelernt, sagt Paul. Zum Beispiel, dass er sich zu stark über seine Arbeit und seine Leistung definiert habe. Vor seinem Herzinfarkt hätten 14- bis 16-Stundentage zu seinem Arbeitsalltag gehört. Auch mal Nein sagen, das sei nicht seine Stärke gewesen.

Beim Bemühen, es anderen recht zu machen, habe er sich selbst vernachlässigt. Einfach sei der Weg zu dieser Erkenntnis nicht gewesen. „Es hat zwei Wochen gedauert, bis ich selbst geredet habe.“

Auch heute fällt es Paul schwer, offen über seine Erkrankung zu sprechen. Dass psychische Leiden in der Gesellschaft immer noch negativ behaftet sind, weiß er aus persönlicher Erfahrung. Der Versuch, seinen Eltern von seiner Erkrankung zu berichten, sei fruchtlos geblieben. Lediglich seine Frau und einige enge Freunde wüssten Bescheid. Auch deshalb möchte Paul seinen vollen Namen nicht in der Zeitung lesen.

Wirklich offen über alles reden, das könne er vor allem in der Selbsthilfegruppe für Psychosomatische Erkrankungen, die er seit der Gründung vor einem Jahr leitet. Sie richtet sich vor allem an Betroffene mit Ängsten und Depressionen.

Rund zwölf Männer und Frauen treffen sich alle 14 Tage in den Räumen der Ambulanten Reha (siehe Infokasten), um Themen anzusprechen, über die sie zum Teil nicht einmal mit ihrem Ehepartner reden könnten, sagt Paul. Auch wenn die Gruppe intern bereits als „Selbsthilfegruppe Paul“ bezeichnet werde, sehe er sich nicht als deren Leiter, sondern als Moderator. „Schließlich sind wir alle keine Fachleute, sondern nur Betroffene.“

Die Idee, die Selbsthilfegruppe zu gründen, sei im Rahmen der Reha-Nachsorge entstanden. Denn mit dem Ende der Reha-Maßnahme sei man nicht „geheilt“, wie Paul betont. Wenn Betroffene in den alten Trott zurückkehrten, seien sie schnell wieder da, wo sie vorher waren. Auch wenn einzelne Episoden einer depressiven Erkrankung nach Angaben der Deutschen Depressionshilfe in der Regel gut behandelbar seien, geht die Therapie nach der Akutbehandlung weiter. Dann steht der Schutz vor einem Rückfall im Vordergrund.

Das Stichwort laute Achtsamkeit, betont Paul. Denn auch bei ihm seien die Zeiten, in denen die Sorgen überhand zu nehmen drohen, nicht plötzlich vorbei. „Es gibt Tage, an denen die Depression so tiefgreifend ist, dass man in ein schwarzes Loch fällt und kein Licht mehr sieht“, beschreibt Paul. Dann wache man morgens auf, ohne Antrieb, lege sich aufs Sofa und warte darauf, „dass jemand einem eine Leiter reicht, damit man aus dem Loch wieder rauskommt“.

Eine solche Hilfestellung versuche die Selbsthilfegruppe darzustellen. Wobei Paul ihre Grenzen deutlich benennt. Menschen mit schweren Depressionen bis hin zu Suizidgedanken seien bei ihnen Fehl am Platz. „Da müssen Fachleute ran.“

Ziel der Gruppe sei es, Betroffenen Stabilität zu bieten, zumal bislang alle Mitglieder den Weg zum Fachmann bereits hinter sich hätten. Eine therapeutische Behandlung könne die Selbsthilfegruppe somit nicht ersetzen. „Wenn wir erkennen, dass jemand tiefgreifende Probleme hat, dann beraten wir gerne und vermitteln eine Therapie“, betont Paul. Je früher die begonnen werde, desto besser. Das habe er schließlich selbst schmerzlich einsehen müssen.

Die regelmäßigen Treffen der Gruppe zwingen ihn nun dazu, weiter an sich zu arbeiten, daran zu denken, sich nicht zu viel aufzubürden. Einen neuen Job hat Paul mittlerweile gefunden, eine 75-Prozent-Stelle – darauf hat er geachtet.

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