Schuhe in Handarbeit: Ein Zeichen gegen die Billig-Industrie

Von: Laura Laermann
Letzte Aktualisierung:
15515212.jpg
Manfred Maaßen in seiner Werkstatt in Leiffarth. Sein Sortiment reicht vom Businessmodell über Sneaker bis zum Golfschuh. Foto: Laura Laermann
15515201.jpg
All die schönen Schuhe: In der Schuhmanufaktur in Geilenkirchen wird die Fußbekleidung noch so hergestellt, wie es die Schuhmacher schon vor über 100 Jahren gemacht haben. Der Meister setzt hier auf Qualität und eine perfekte Verarbeitung. Foto: Laura Laermann
15515194.jpg
Dies ist die Nachbildung des Original-WM-Schuhs von 1954. Foto: Laura Laermann

Geilenkirchen. Es ist der 4. Juli 1954. Regen prasselt. Der nasse Rasen wird immer matschiger. Doch das müssen die Fußballschuhe der Deutschen Nationalmannschaft aushalten. Und das werden sie auch. Viel mehr noch: Die Adidas-Schuhe mit den langen Schraubstollen geben den Spielern wieder Halt in dieser Rutschpartie. Sie tragen die Deutsche Mannschaft in Bern zum Weltmeistertitel.

Zu dieser Zeit wurden Schuhe handgefertigt. Nur zu gut weiß Manfred Maaßen, wie aufwendig die Produktion ist. Für den Kinofilm „Das Duell der Brüder“, der die Geschichte von Adidas und Puma erzählt, hat der 57-jährige Schuhmacher rund 200 Schuhe nach Vorlage des Weltmeister-Modells gefertigt.

„Eine Herausforderung“, sagt Maaßen und hält stolz den Adidas-Fußballschuh in den Händen. Nie zuvor hatte er einen so komplizierten Schuh hergestellt. Besonders die Schraubstollen seien sehr speziell. Doch am Ende sah die Neuanfertigung dem Original zum Verwechseln ähnlich.

Eigentlich stellt Manfred Maaßen aber ganz andere Schuhe her. In dem kleinen Lagerraum seiner Schuhmanufaktur in Geilenkirchen-Leiffarth zeigt er sein Sortiment, das vom Businessmodell über den Freizeit-Sneaker bis zum Golfschuh reicht. Nach dem Prinzip eines Baukastensystems kann er jedes Modell in verschiedenen Farben und Materialien erstellen.

Neben schlichteren Modellen in schwarz und braun stechen vor allem die mehrfarbigen Designs heraus. Das Besondere: Die einzelnen Elemente des Schuhs wie Oberteil, Sohle oder Innenteil fertigt er selbst in seiner Werkstatt an.

Ein Ort, an dem sich Maaßen wohlfühlt. Und ein Ort, an dem er sich auskennt wie kein anderer. Maschinen stehen hier Seite an Seite. Auf den Regalbrettern liegen Stanzmesser in den verschiedensten Formen. Schuhleisten sind in Körben sortiert. Auf einem alten Arbeitstisch liegen Schuhbürsten, Zangen, kleine Flaschen und andere Materialien. Während seine Mitarbeiterin an der Nähmaschine sitzt, stanzt Maaßen an seinem Arbeitspult das Leder aus.

Die Stanzmesser bestimmen die Größe der Lederzuschnitte, die Form wird mithilfe eines Leistens, eine Art Fuß-Modell aus Holz oder Kunststoff, festgelegt. Aus den Zuschnitten entsteht dann der sogenannte Schaft, der obere Teil des Schuhs. Er kann aus mehreren Schichten wie Innen- und Zwischenfutter sowie Obermaterial bestehen. Auch hochwertige Sohlen werden aus mehreren Teilen wie der Innensohle, auch Brandsohle genannt, und der Außensohle gefertigt.
 
Wie nun aus den Komponenten ein Schuh wird, zeigt Manfred Maaßen an seinen Maschinen. Zunächst wird der Schaft gedämpft, damit das Leder weicher wird und sich im nächsten Schritt besser zwicken lässt. Beim Zwicken werden zunächst die Spitze des Schafts, dann die Seiten und die Verse an der Brandsohle befestigt. Zur Stabilisierung wird unter der Brandsohle ein Buchenholzgelenk geklebt und mit Korkausballmasse verspachtelt. Grob betrachtet fehlen nun noch die Außensohle und der Absatz, die allerdings auch jeweils noch aufwendig gefertigt werden müssen.

Nur noch wenige Schuster beherrschen dieses Handwerk. Die meisten reparieren oder bessern Schuhe nur aus. Andere Schuhmacher wiederum spezialisieren sich auf orthopädische Schuhe. Für Manfred Maaßen kam das nie in Frage: Schon in jungen Jahren hat er gelernt, wie man Schuhe macht und schließlich den seit 1910 bestehenden Betrieb seines Vaters übernommen.

Mit der traditionellen Herstellung will er außerdem ein Statement setzten: Er ist ein Gegner der Billigproduktion im Ausland. Die ursprüngliche Funktion von Schuhen sieht er längst nicht mehr erfüllt. „Schuhe werden hergestellt, damit der Handel Geld verdient“, sagt Maaßen und richtet damit seine Kritik an Großkonzerne, die Schuhe unter schlechten Arbeitsbedingungen günstig produzieren lassen teuer verkaufen.

Auch auf seine Schuhe wollte man im Einzelhandel eine saftige Summe aufschlagen. So hoch, dass sich die Schuhe kaum jemand leisten konnte. Die Begründung? „Entschädigung“, sagt Maaßen. „Dafür, dass der Kunde nur selten wieder ins Schuhgeschäft käme, weil die Schuhe so lange halten.“ Denn seine Schuhe stünden für Langlebigkeit. Er verarbeite nur pflanzlich gegerbtes Leder vorwiegend aus Deutschland, aber auch aus Italien. Doch Maaßen hatte keine Chance gegen die „Made in China“-Produkte im Einzelhandel. Daher ist er ausgestiegen und verkauft nur noch an Privatkunden.

Manfred Maaßen hat keinen Nachfolger für seine Schuhmanufaktur. Doch er will weiter am Ball bleiben: Die Arbeit für den Film „Das Duell der Brüder“ hat ihn inspiriert. Neben dem Adidas-Modell zeigt er die Puma Variante „Pik Ass“ in einem satten rot. „Meine Idee ist es, einen modernen Sneaker im Retro-Look herzustellen.“ Damit wäre er wohl Vorreiter.

Doch neue Herausforderungen gefallen ihm. „Am meisten Spaß macht es, die Vorstellungen der Kunden in Absprache genau umzusetzen.“ Manchmal kommt es dann sogar vor, dass seine Schuhe – diesmal am Fuß – zum Beispiel bei einer Bahnfahrt erkannt werden.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert