Schüsse in Gangelt: Milde Strafe für Angeklagten

Von: Wolfgang Schumacher
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Die Schüsse fielen mitten im Zentrum von Gangelt. Foto: Karl-Heinz Hamacher

Aachen/Gangelt. Dass der Angeklagte Ersin K. (36) – er war damals im Jahr 2015 Präsident des Charters der Hells Angels in Aachen –quasi in Wildwest-Manier hinter einem Rockerrivalen der verfeindeten Bandidos mitten im Zentrum von Gangelt her geschossen hatte, kam am Freitag vor dem Aachener Schwurgericht nur in einem Nebensatz zur Sprache.

Denn die Kammer verurteilte Ersin K. einzig wegen des illegalen Besitzes einer Kurzwaffe (das sind Pistolen oder Revolver) plus Munition sowie eines Schlagringes zu einer Freiheitsstrafe von zwei Jahren und sechs Monaten Haft, der Haftbefehl wurde aufgehoben.

Die überaus milde Strafe begründetet die Kammer unter Vorsitz von Richter Markus Vogt im Wesentlichen mit der Bedrohungssituation, in der sich Ersin K. zum Tatzeitpunkt, es war Sonntag, der 11. Oktober 2015 gegen 16 Uhr, befunden habe, subjektiv zumindest, weil es bereits in den Wochen zuvor erhebliche und gewalttätige Auseinandersetzungen zwischen den Mitgliedern des expandierenden Motorradclubs der Hells Angels und den eher in der Region etablierten Bandidos gegeben hatte.

Ersin K. hatte am Ende des langen Prozesses dann doch zugegeben, vor dem Restaurant „Zweiländereck“ eine Pistole gezückt und hinter dem in einem alten Mercedes in Panik wegfahrenden Bandido aus dem grenznahen niederländischen Sittard her geschossen zu haben.

Dabei traf er den Wagen nach der Auffassung des Aachener Gerichts nur einmal, die Kammer geht von einem Schuss aus, der auf die hintere „C-Säule“ des Pkw traf und dann als Querschläger im Rückspiegel des Wagens landete. Doch auch hier folgte das Gericht nicht der Staatsanwaltschaft, die die Sache als versuchten Mord angeklagt und letztlich in ihrem Schlussvortrag fünf Jahre und acht Monate Haft gefordert hatte.

Die niederländische Polizei beschlagnahmte kurz nach der Tat den Wagen des Opfers, des Bandido-Mitglieds aus Sittard. Der hatte angegeben, an diesem Sonntag für sich und seine Familie Essen in der bekannten Gaststätte habe holen wollen, das sei eine Fahrzeit von etwa zehn Minuten.

Er habe dies öfter so gemacht, hatte ein niederländischer Beamter die Vernehmung des Rockers vor dem Aachener Schwurgericht wiedergegeben. In dem Wagen war mehr als ein Einschuss gefunden worden. Das Schwurgericht selber ging von fünf Schüssen aus, von denen aber nur einer getroffen habe. Warum nun ein Querschläger und vier weitere Schüsse kein Indiz für eine Tötungsabsicht waren, erschloss sich auch aus der Urteilsbegründung der Kammer nicht.

Sogar die zersplitterte Rückscheibe des niederländischen Mercedes habe auch, so Richter Vogt, „aus einer inneren Spannung des Glases heraus“ kaputt gehen können, argumentierte das Gericht und bemängelte, dass das Opferfahrzeug nicht hinreichend von der niederländischen Forensik untersucht worden sei.

Aus der Bedrohungssituation heraus habe der Angeklagte seit Monaten erhebliche Angst vor Aktionen der Bandidos gehabt und sei stets „in erhöhter Alarmbereitschaft“ gewesen. Als er in der Gaststätte den Rockerkollegen in seiner Bandido-Kutte gesehen habe, sei er nach Hause geeilt und habe die Waffe geholt. Als er den Mann hinter dem Steuer sitzen sah, habe er zu schießen begonnen, „damit dieser abhaut“, so der Richter.

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