Schlimme Erinnerung an Vught

Von: Karl-Heinz Hamacher
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Kekse, Gemüsesuppe und Milch – in kleinen Rationen – gehörten im Kamp Vught zur Ernährung.
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Kind im Lager Vught mit selbst gebasteltem Spielzeug. Repros: Karl-Heinz Hamacher

Gangelt/Birgden. Der Geschichtskreis Birgden möchte bei der Suche nach Exponaten helfen, die in der Zeit der Evakuierung im niederländischen Lager Vught entstanden sind. Die Einrichtung „Kamp Vught“ ist heute eine Gedenkstätte, die auch schon vom geschichtskundlichen Arbeitskreis in Birgden mit rund 180 Einwohnern aus dem Selfkant, aus Gangelt und Geilenkirchen besucht wurde.

Das „National Monument Kamp Vught“ befindet sich nördlich von Eindhoven. „Die Einrichtung möchte an die Zeit erinnern, wo Menschen aus dem hiesigen Raum dort hinter Stacheldraht festgehalten wurden“, unterstützt Wolfgang Heinrichs die Anfrage der Niederländer.

„Zu diesem Zweck“, so weiß er zu berichten, „wurde die Baracke mit der Nummer 1, die sogenannte Kirchenbaracke, wieder hergerichtet.“ Gesucht werden Gegenstände, die dort von den ehemaligen Lagerbewohnern hergestellt worden sind. Von November 1944 bis Mai 1945 waren in dem ehemaligen deutschen „Konzentrationslager Herzogenbusch“ viele Bewohner aus der Region von der britischen Armee interniert worden, so hat es der Birgdener Heimatforscher Paul Vallen notiert. Untergebracht waren sie unter oft unmenschlichen Bedingungen in Baracken mit zwei Flügeln, in denen jeweils 140 bis 180 Menschen wohnten. Die Kost war spärlich und ungewohnt, Typhus und Ruhr brachen aus und forderten etwa 190 Todesopfer. Diese wurden später entweder in die Heimat überführt oder von Vught auf den deutschen Soldatenfriedhof Ysselsreyn in Nord-Limburg umgebettet. Bevor das Kamp die Bewohner aus unserer Region aufnehmen konnte, war es eines der fünf deutschen Konzentrationslager in den Niederlanden. 1942 begann die Zentralbauleitung der Waffen-SS und Polizei in den Niederlanden mit dem Bau des KZ, das zu der Zeit den Namen „KZ Herzogenbusch“ trug.

Am 5. Januar 1943 kamen die ersten Gefangenen an. Insgesamt wurden etwa 31 000 Häftlinge hier interniert, darunter 15 000 Juden, holländische Widerstandskämpfer, Zeugen Jehovas, Homosexuelle und Kriminelle. Ab Mitte 1943 bestand das Kamp aus einem „Judendurchgangslager (JDL)“ und einem „Polizeilichen Durchgangslager (PDL)“. Die meisten wurden in Vernichtungslager wie Auschwitz oder Sobibor transportiert. Im September 1944, als die 4. kanadische Panzerdivision nordwärts vorstieß, evakuierte die SS das Lager: Die Häftlinge wurden in das KZ Sachsenhausen überstellt. Die Kanadier fanden im KZ 500 Leichen vor und etwa 600 ausgemergelte Häftlinge. Ab 1951 war es der Zufluchtsort der Molukker, einer ethnischen Minderheit in Indonesien, die dem niederländischen Kolonialregime treu ergeben war und deshalb Repressalien der neuen Insel-Republik befürchten musste.

Mitte November 1944 trafen die ersten Menschen aus der Region Gangelt und Selfkant ein. Dr. Martin Achten hat in der Chronik „100 Jahre Gangelt“ an Einzelheiten aus dem Lagerleben erinnert. Im Schlafraum standen etwa 200 Eisenbetten in sechs Reihen je zwei übereinander.

Der Tagesraum war mit rohgezimmertem Mobiliar ausgestattet. Waschraum und Toilette waren ohne Trennwände angelegt. Infolge der unzureichenden Ernährung, 15 Kekse und halber Liter Gemüsesuppe und abends die gleiche Menge Milch, gab es recht bald viele Krankheitsfälle. Die mangelnde Hygiene in den Latrinenbaracken trug auch das ihre dazu bei, dass sich Darminfektionen ausbreiteten. Die Kälte in den Baracken machte den Menschen zu schaffen.

Eine Baracke war als Krankenhaus, eine andere als Kirche eingerichtet. Es waren 13 Priester mit interniert. Dadurch gab es viele Gottesdienste, die den Menschen etwas Trost und Stärke, ja manchmal – besonders an hohen Festtagen – so etwas wie ein kleines Stück Heimat gaben. Im Übrigen wurde sehr viel gewerkelt und gebastelt, um nützliche Geräte für das Lagerleben anzufertigen.

Die Produkte dieser Arbeit werden jetzt gesucht. Sogar die Kinder fanden am Nikolausabend ihre kleinen Spielzeugüberraschungen vor. Die Sehnsucht nach der Heimat wurde immer größer. Im März 1945 war es dann soweit. Von jedem Ort durfte eine gewisse Anzahl Menschen zwecks Frühjahrsbestellung der Felder zurück in die Heimat. Die meisten mussten sich aber bis Pfingsten gedulden.

Ende Mai bis Anfang Juni kehrten die letzten nach einem halben Jahr Verbannung in die Heimat zurück. Viele Kinder, alte Leute, auch junge Menschen sahen ihr geliebtes Selfkantland nicht mehr. Hunger, Kälte, Entbehrung und Heimweh hatten sie dahingerafft.

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