Schiedsrichtermangel: Altgedienter fordert Mut zu neuen Ideen

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Ein Spieler sieht Rot: Unangenehme Entscheidungen gehören zur Aufgabe eines Schiedsrichters. Dennoch geht es ohne ihn nicht. Foto: Hamacher

Kreis Heinsberg. Die Schiedsrichterwerbung in Deutschland, sagt Wiegand Freier, sei große Klasse. Das gelte für den DFB, das gelte für die Verbände, das gelte für die Fußballkreise, auch den Heinsberger. So bestanden vor einer Woche 24 Sportkameraden die Schiedsrichterprüfung. Da gebe es also nichts zu meckern.

Wiegand Freier hat mit Interesse den Bericht zur Schiedsrichterproblematik in unserer Zeitung gelesen, die vor wenigen Wochen erschienen ist. Einen aus seiner Sicht ganz entscheidenden Hinweis allerdings hat er vermisst: Woran es hapert, sagt der Übach-Palenberger, das sei nämlich ganz eindeutig die Bestandspflege. „Man muss auch etwas dafür tun, die Leute bei der Stange zu halten.“

Schwund trotz vieler Neulinge

Hier liegt für seine Begriffe der Kern des Problems. Und die Zahlen geben Freier recht: Obwohl der DFB von 2005 bis 2013 um die 73.000 Schiedsrichter neu ausbildete, sank der Bestand von genau 78.370 auf 74.749.

Wiegand Freier ist 76 Jahre alt, der Fußball hat sein Leben begleitet. Und er den Fußball. In jungen Jahren, Anfang der 50er, spielte er in der ehemaligen DDR auf hohem Niveau. 1977, er lebte längst im Westen, legte Freier selbst die Schiedsrichterprüfung ab, es folgten 14 Jahre im Kreisschiedsrichterausschuss.

Seit 1991 ist er bei Rot-Weiß Frelenberg Vereins-Schiedsrichter-Beauftragter und auf Kreisebene Jungschiedsrichter-Pate. Er trägt die Goldene Ehrennadel des Verbandes, die DFB-Uhr und außerdem die Goldene Ehrennadel seines Vereins. Man kann jedenfalls sagen, dass Wiegand Freier recht gut weiß, wovon er spricht, wenn es um Schiedsrichter geht.

Er erinnert sich noch gut daran, dass vor zwei Jahren 2700 Schiedsrichter die Gelegenheit bekamen, an einer Fragebogenaktion teilzunehmen, um Kritik zu äußern, Verbesserungsvorschläge zu machen, sich einzubringen. „Für mich ein Novum in der Geschichte des Fußballverbands Mittelrhein“, sagt Wiegand Freier. Draus geworden sei allerdings nichts.

Im Übrigen sei das Problem Schiedsrichtermangel keineswegs neu. Schon vor Jahrzehnten habe es enormen Aufwand bedeutet, im Amateurfußball die notwendige Zahl von Schiedsrichtern aufrechtzuerhalten. Wie enorm dieser Aufwand schon in den Siebzigern, Achtzigern, Neunzigern ausfiel, lässt Freiers Privatarchiv erahnen.

So akribisch, wie er seiner Arbeit nachgegangen ist, so akribisch hat er sie dokumentiert. Rundschreiben sind dabei, umfangreiche Korrespondenz mit Funktionären bis rauf zum DFB und sogar eine Schiedsrichter-Zeitung, die Freier einst selbst produzierte. Er sagt: „Das bedeutet natürlich eine ganz enorme Arbeit.“ Und die mache sich eben leider niemand mehr.

Freier nennt in erster Linie drei Dinge, die im Argen lägen. Zum einen sei da die Regelkunde – oder besser gesagt Regelunkunde. „Das ist einer der größten Störfaktoren im Fußball“, ist er überzeugt. „Wenn man sieht, was oft bei Spielen die Spieler und Trainer reklamieren, da muss man wirklich die Hände über dem Kopf zusammenschlagen.“

Dabei sei das Regelwerk im Fußball nicht großartig komplizierter als in anderen Ballsportarten. Er glaubt: Würden die Verbände sich stärker dafür einsetzen, dass die Spieler die Regeln tadellos beherrschen, würde dies auch die Rolle des Unparteiischen angenehmer machen. Denn regelkundige Mitspieler brächten auch Hitzköpfe, die vorschnell eine Entscheidung des Unparteiischen in Zweifel ziehen, mit zur Räson.

Dies zeige sich etwa bei Jugendmannschaften, in denen Schiedsrichter mitspielen. Sinnvoll wäre, so Freier, ab der C-Jugend alle sechs bis acht Wochen eine reguläre Trainingseinheit ausfallen zu lassen und Regelkunde zu betreiben.

Dann müsse die Schiedsrichter-Patenschaft intensiviert werden, um es Jungschiedsrichtern zu erleichtern, in der rauen Wirklichkeit auf den Spielfeldern Fuß zu fassen. Auch dies meint der Übach-Palenberger, wenn er davon spricht, dass die Leute bei der Stange gehalten werden müssten – siehe oben.

Und schließlich macht Freier sich auch Gedanken um das liebe Geld. Bekanntlich zahlen die Vereine, die ihr Schiedsrichtersoll nicht erfüllen können, saftige Geldstrafen. Dieses solle zu mindestens 50 Prozent im Kreis bleiben und auch für eine bessere Bezahlung der Schiedsrichter eingesetzt werden.

Schließlich bekomme ein Schiri 16 Euro (plus Fahrtkosten) pro gepfiffene Begegnung, ein Jungschiedsrichter sogar nur zehn bis 17 Euro. Das sind Kleckerbeträge, wenn man bedenkt, dass jeder Einsatz aufgrund von Hin- und Rückfahrt, Duschen und Spielbericht mehrere Stunden in Anspruch nimmt.

Wiegand Freier ist überzeugt von seinen Ideen. Dies liegt auch daran, dass er selbst „enorme Erfolge gehabt“ habe – so habe er zu seiner Zeit mit dem Kreisschiedsrichterausschuss den Soll innerhalb von zehn Jahren verdoppelt. Hauptursache dieses Erfolgs sei die sehr gute Zusammenarbeit mit dem Kreisjugendausschuss gewesen. Freier ist sicher: „Das Problem hätte schon vor Jahrzehnten entschiedener angegangen werden müssen.“

Er ist der Meinung, dass es sehr viele gute Ideen gibt. „Eine Menge von klugen und verrückten Ideen lernen wir aber nie kennen, weil denen, die sie haben, der Mut fehlt, sie auszusprechen. Man hat Angst, sich lächerlich zu machen oder als Quertreiber hingestellt zu werden.“ Außerdem bedeute das Verwirklichen von Ideen auch die Investition von viel Geld.

Überhaupt, Geld, darin schwimme der DFB doch, sagt Freier. „Warum startet man nicht in einem Landesverband ein Pilotprojekt, bei denen die einzelnen Kreise Bestandserhaltungen zu erfüllen haben?“

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