„Schicksale der Juden”: Den Vergessenen einen Namen geben

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Übach-Palenberg. Der Verein für Denkmalpflege und Landschaftsschutz veröffentlichte nach langjähriger Forschungsarbeit seine Ergebnisse in der Vereinsschrift „Schicksale der Juden aus Übach-Palenberg”. Die in der 80seitigen Schrift veröffentlichten Erkenntnisse wurden aus Archiven und Gedenkstätten in fünf Staaten ermittelt.

Mit über 70 Behörden, Gedenkstätten und Archiven wurde über viele Jahre hinweg ein intensiver Schriftverkehr geführt und Akten in mehreren Staatsarchiven eingesehen. Wenn man die so genannte Bockreiterzeit (1735 - 45 und 1762 - 76) unberücksichtigt lässt, stellt die Epoche der NS-Zeit mit der Ermordung der jüdischen Mitbürger für die Stadtgeschichte die grausamste der Vergangenheit dar.

Nur wenige Zeitzeugen konnten über die kleine jüdische Minderheit Aussagen tätigen, zu isoliert waren die wenigen jüdischen Bürger vor Ort. Es gab in der Großgemeinde Übach-Palenberg keine Synagoge und keinen Betsaal, die wenigen Juden vor Ort besaßen keinen eigenen Bestattungsort. Die Synagogengemeinde Geilenkirchen mit eigener Religionsschule und Friedhof war auch das religiöse Zentrum für Juden aus Übach-Palenberg. Wie religiös die Übach-Palenberg Juden wirklich waren, kann nicht mehr festgestellt werden. In den unvollständigen Akten der Jüdischen Gemeinde Geilenkirchen sind keine Namen von Übach-Palenberger Juden vorhanden.

Die Vereinsschrift befasst sich im ersten Teil mit der Herkunft und der Nationalität der Übach-Palenberger Bürger jüdischen Glaubens, ihre plötzliche Ausweisung am 28./29. Oktober 1938 nach Polen sowie der Grund der Ausweisung nach Polen und die Zustände der Einreise. Wie erging es nun den wenigen deutschen oder staatenlosen Juden vor Ort? Wie wurden sie behandelt und wohin flüchteten sie?

Durch Drohungen eingeschüchtert, flüchteten sie sehr früh in Großstädte und ins benachbarte Ausland. Die Behördenmeldung „Die Gemeinde Übach-Palenberg ist ,judenfrei” war für die örtlichen Parteigrößen ein großer Erfolg. Dies war bereits ab Mai 1940 der Fall, da der 53-jährige Mayer Bronowski die Stadt verlassen hatte und nach Erfurt gezogen war. Zwei jüdische Ehefrauen, sie waren mit „arischen” Bergleuten verheiratet, blieben unbehelligt am Ort. Ihr Überleben verdanken sie ihren Ehemännern, die sich nicht scheiden ließen.

Zwei männliche Juden am Ort wurden in der Pogromnacht am 9./10. November 1938 willkürlich in das KZ Sachsenhausen deportiert. Sie wurden unterschiedlich lange festgehalten und erlebten, einer bis Dezember 1938 und einer bis 16. Juli 1939, hier bereits die Hölle.

Im zweiten Teil der Schrift werden die persönlichen Daten von 19 jüdischen Bürgern, die in den Jahren von 1930 bis 1940 am Ort polizeilich gemeldet waren, veröffentlicht. Vielfach konnte ihr Weg vom Geburtsort, meist in Polen, bis zur Ermordung, ebenfalls in Polen, ermittelt werden.

Wege der Nachforschung

Der Verein zeigt auch die Wege der Nachforschung auf und weist in der Schrift auf die Gedenkstätten hin, die die Ergebnisse des Vereins veröffentlichten. So erhalten die vergessenen Namenlosen wieder einen Namen.

Zum Schluss der Schrift wird die Frage gestellt: Gab es auch Menschen, die den entrechteten Juden vor Ort beistanden? Hier wird vom Beistand des Landwirts Josef Dassen aus Übach sowie von den katholischen Geistlichen Pastor Rektor Wilhelm Ahrens und seinem Kaplan Paul Spülbeck aus Palenberg berichtet.

Tragisch endete das Leben von Anna Nöhlen, geborene Luppen aus Scherpenseel. Sie wohnte mit ihrem Ehemann Carolus Nöhlen in Finkenrath/Merkstein. Durch die Wurm als Grenzfluss vor der Tür halfen sie vielen Juden bei der Flucht in die Niederlande. Nach ihrer Verhaftung und Verurteilung in Aachen erhielten sie Zuchthausstrafen und KZ-Einweisungen. Sie wurde in der Heil- und Pflegeanstalt Bernburg/Saale ermordet. Einer der wenigen Juden, die in unsere Region zurückkamen, war Alex Salm aus Wegberg. Über sein Schicksal wird ausführlich berichtet. Sein Leidensweg, besonders in der Nachkriegszeit, ist erschütternd bis zu seinem Tod im Jahr 2004.

Im Nachwort ist der Grund für die Veröffentlichung dieser Schrift „Schicksale der Juden aus Übach-Palenberg” genannt. Die VDL-Vereinsschrift soll dazu beitragen, dass ihre Namen und ihre Schicksal nie vergessen werden. Die Schrift kann zum Preis von sieben Euro im Bürgerbüro der Stadtverwaltung Übach-Palenberg und der VDL-Geschäftsstelle, Hildegard-straße 16, Tel. 02451/43317, erworben werden. Die Vereinsschrift „Die NS-Zeit in Übach-Palenberg” ist nun in der dritten Auflage erschienen und kann ebenfalls zum Preis von acht Euro an obengenannter Stelle bezogen werden.
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