Schicksal eines Vermissten aus dem Krieg geklärt

Von: Wilfried Rhein
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Norbert Rosin betreibt lokalhistorische Forschung als Hobby. Als ZIF-Ehrenamtlicher hat er sich um die Organisation der Gedenkstätte (Bild) für Alois Gombert in Lindern gekümmert. Foto: Wilfried Rhein
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Mit 17 Jahren zur Wehrmacht und wenig später schon an die Westfront: Alois Gombert.

Geilenkirchen/Kalterherberg. Es ist ein schlichtes, dennoch eindrucksvolles Kreuz, das am Südrand des Geilenkirchener Stadtteils Lindern seinen Platz gefunden hat. Es erinnert an einen jungen Menschen, der gar nicht weit von dieser Stelle den Tod gefunden hat. Aber es ist vor allem Erinnerung an die unvorstellbare Tragik einer ganzen Generation und da­rüber hinaus.

Ein furchtbarer Krieg, der an diesem Platz in Lindern nach 68 Jahren stellvertretend für so viele mit einem Namen verbunden wird: Alois Gombert.

In Kalterherberg, im damaligen Kreis Monschau, ist Alois Gombert am 5. April 1926 geboren worden. Als Sechsjähriger kam er in die dortige katholische Volksschule, mit 14 begann er eine Ausbildung zum Vermessungsangestellten im Kreis-Katasteramt. Da hatte der Zweite Weltkrieg bereits begonnen. Alois Gombert beendete nach drei Jahren seine Lehrzeit bei der Monschauer Behörde. Eine berufliche Karriere war ihm aber nicht vorgegeben. Gerade 17 Jahre alt, berief in die Wehrmacht ein.

Der junge dunkelhaarige Mann mit dem schlanken Gesicht und hoher Stirn wurde zunächst zur Kriegsmarine kommandiert, zur „19. Schiffsstammabteilung Ostsee“, die ihn verquererweise ins Elsass, nach Diedenhofen (Thionville), führte. Dann besuchte er die Navigationsschule im lettischen Libau. Die Geschichte hat inzwischen gelehrt, wie es schon zu dieser Zeit um „den Krieg“ in Deutschland bestellt war.

Die Folge für Alois Gombert und vieler seiner Kameraden war der Wechsel ins Feld. Über das „Lexikon der Wehrmacht“ ist sogar zu erfahren, dass der junge Eifeler eine kurze Ausbildung als Grenadier beim Bataillon 368 im polnischen Thorn durchlief, um Ende November 1944 an die Westfront kommandiert zu werden. Seine neue Einheit, so das Lexikon: „Grenadierregiment 696 der 340. Volksgrenadier-Division“.

Kommandeur Oberst Theodor Tolsdorff gab Mitte Dezember den Einsatzbefehl, der Alois Gomberts Leben beenden sollte.

Nachts gegen den „Feind“

Die Division war eingesetzt im Raum Geilenkirchen/Jülich. Sie sollte deutsche Truppen ersetzen, die sich wiederum der Ardennen­offensive entgegensetzte. In der Nacht zum 16. Dezember 1944 wurden die jungen Soldaten, deren Zahl nicht annähernd exakt genannt werden kann, gegen den „Feind“ geschickt. Junge, unerfahrene Männer, laut Lexikon der Wehrmacht „ohne vorherige Aufklärung, Einweisung oder Führung“. Der Kampfplatz: das Gelände bei Lindern. Auf der anderen Seite: Einheiten der 84. US-Division „in Stellung liegend und bestens ausgerüstet“, so das Lexikon.

Ein Schuss, der gegen 6 Uhr fiel, traf Alois Gombert. Es ist jetzt beschrieben und eidesstattlich versichert, dass ein Projektil den 17-jährigen aus Kalterherberg in den Oberschenkel traf. So genau wusste es Heinz Dahnke, der neben Alois Gombert kämpfte, seinem Kameraden mit einem Verbandpäckchen zu Hilfe eilte. Genau da setzte „intensiver Beschuss“ ein. Alois Gombert wurde erneut getroffen. Tödlich. Wer von den deutschen Soldaten überlebte, geriet wenige Stunden später – immer noch in Lindern – in Gefangenschaft der US-Streitkräfte.

Das Lexikon der Wehrmacht beschreibt, die gefallenen Deutschen habe man auf dem Schlachtfeld liegengelassen; der Verbleib der Toten sei nicht geklärt. Auch Alois‘ Eltern, die drei weitere ihrer Söhne in den Krieg ziehen lassen mussten, erfuhren nichts vom Schicksal ihres gerade 17-jährigen Kindes.

Es kam das Jahr 2006, als bei Margarethe Gombert das Telefon läutete. In Kalterherberg. So hieß ja der Ort, aus dem Alois Gombert stammte. Kamerad und Freund Heinz Dahnke hatte von ihm den Namen zwar gehört, den aber nicht exakt in Erinnerung behalten. Denn der Hamburger Heinz Dahnke wollte der Familie Gombert doch mitteilen, was an diesem 16. Dezember 1944 bei Lindern geschehen war.

„Aber der Heinz hat immer nach ,Kalte Herberge‘ gesucht. Da konnte er uns ja schlecht finden.“ Margret Gombert ist die Schwägerin von Alois und jetzt 87 Jahre alt. Sie hat mit Heinz Dahnke telefoniert und erfahren, wie es doch zum Kontakt kam: Der Hamburger besuchte seine Tochter bei Koblenz, schaute bei Kachelmann „das Wetter“ – und hörte von der Messstation in „Kalterherberg“. Der Ort! Jetzt gelang es Heinz Dahnke, die Familie seines gefallenen Kameraden zu finden.

Margarethe Gombert hegte arge Zweifel, ob der Anruf aus Hamburg wirklich diesen Anlass hatte. Doch sie wurde von den Details überzeugt. „Das hat mich alles sehr beeindruckt“, schildert die Schwägerin. „Wir sind alle erleichtert darüber, dass wir jetzt – wenn auch traurige – Gewissheit über das Schicksal von Alois haben.“ Mit Heinz Dahnke unternahmen die Gomberts Ausfahrten in die Umgebung, auch nach Geilenkirchen, auch nach Lindern. „Heinz sagte plötzlich: ,Da vorn mussten wir zum Angriff antreten...‘. und das war am Bahnhof. Heinz hatte die Bahnanlagen wiedererkannt.“

Ein Personenkreis von Historikern, Heimatforschern und Autoren stieß auf die wundersame Aufklärung dieses Vermisstenschicksals aus dem Zweiten Weltkrieg. Die Interessierten, ein Verein in Gründung namens ZIF (Interdisziplinäre Forschungsgruppe für Zeitgeschichte), haben ihr Sekretariat in Monschau. ZIF organisiert auch Exkursionen und Fachvorträge „im Sinne demokratischer Erinnerungskultur“. Berthold Thoma ist der Ansprechpartner, der mit seinem Geilenkirchen-Gangelter Kollegen Norbert Rosin die Anlage der Gedenkstätte hinter der Frankenstraße in die Hand genommen hat.

Dafür ist ein altes Gusskreuz erworben worden, das man in Belgien gefunden hat. In der Schnittstelle wurde ein Porzellan-Oval eingesetzt, das das Bild des jungen Alois Gombert zeigt, am Fuß eine erläuternde Inschrift. Norbert Rosin hatte mit der lokalen Organisation keine Probleme: „Ob Bauernschaft, Ortsvorsteher oder städtisches Friedhofsamt – alle haben uns hervorragend unterstützt.“ Offiziell gewidmet wird die Gedenkstätte am Samstag, 15. Dezember. Aufgefallen ist sie aber offensichtlich schon Nachbarn und Passanten: Dem nicht mehr unbekannten Soldaten – und seiner Generation – haben mitfühlende Menschen bereits ein großes rotes Grablicht an das Kreuz gebunden.

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