Rückblick: Eine kleine Hecke, die für jede Menge Streit sorgte

Von: Jan Mönch
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Die Diskussion um eine Hecke wuchs zu einem Rechtsstreit aus.

Geilenkirchen. Aus heutiger Sicht betrachtet hätte man sich die ganze Nummer auch einfach sparen können, aber im Nachhinein sagt sich das natürlich immer so leicht, gerade wenn man nur Zuschauer war. Ein Streit, der in Geilenkirchen im vergangenen Sommer ebenso lautstark wie öffentlich geführt wurde, ist nun still und leise vor dem Aachener Landgericht mit einem Vergleich beigelegt worden.

Hätte es sich um ein Fußballspiel gehandelt, würde man vielleicht von einem Unentschieden sprechen. Es war ein Unentschieden der unterhaltsamen Art, jedoch eines, das keinem so richtig weiterhilft, um eine geläufige Fußballkommentatorenfloskel zu bemühen. Es stritten Arno Sonntag, Bauherr, und Jürgen Benden, Chef der Geilenkirchener Grünen. Ein Stadion gibt es für so etwas nicht, unsere Demokratie sieht Gerichtssäle und öffentlich tagende politische Gremien als Austragungsorte vor.

Abseits der Scheinwerfer

Die Geschichte hatte im Mai vergangenen Jahres im Stadtentwicklungsausschuss ihren Lauf genommen. Arno Sonntag war damals dabei, die nördliche Seite des Nierstraßer Weges, gelegen ganz am Rande des Geilenkirchener Stadtgebiets, mit Häusern zuzustellen, darunter eines für ihn selbst. Dann fiel ihm diese Hecke ins Auge, die ihn schon länger gestört hatte, und weil er ohnehin gerade viel zu tun hatte, beschloss er: Die Hecke kommt weg.

Es hatte sich über Jahre niemand um diese Hecke geschert, und weil sie ein völlig unbeachtetes Dasein abseits der Scheinwerfer der Weltpolitik gefristet hatte, war sie mittlerweile von einigen gar nicht mal so kleinen Bäumen durchwachsen. Wenn man ehrlich ist, waren die Bäume sogar recht groß, mit der Zeit hatten sie stolze Kronen entwickelt. Später von interessierter Seite in Umlauf gebrachte Beweisfotos zeigen prachtvolle Buchen und Eschen, denen die Zukunft offen steht.

Viel Arbeit für Philosophen

Jetzt aber kam Arno Sonntag, der die Buchen, neun an der Zahl, und die Eschen, zwei, praktisch als einen natürlichen Teil der Hecke betrachtete und regelrecht vernichtete, es blieben nur ein paar kaum mehr mannshohe, scheußliche Stummel übrig. Kurze Zeit später musste sich die versammelte Kommunalpolitik mit Herrn Sonntags Vorstellungen vom Heckenschneiden beschäftigen.

An dieser Stelle kurz ein natur- wie rechtswissenschaftlicher Exkurs: Hatte Herr Sonntag nun eine Hecke zurückgeschnitten, in der ein paar Bäume gesteckt hatten? Oder hatte er eher prächtige Bäume gefällt, die ein wenig Hecke säumte? Es gibt Philosophen, die sich ein ganzes Berufsleben lang mit dieser Frage beschäftigen könnten, ohne dass ihnen langweilig würde. Ein beauftragter Gutachter jedenfalls wollte eine Buchenhecke erkannt haben. Nicht etwa Heckenbuchen. Letztlich also eine Hecke. Das dazu.

Zurück ins vergangene Frühjahr und zum Nierstraßer Weg, wo es nicht lange dauerte, bis den Grünen gesteckt wurde, dass sich in Geilenkirchen ein Heckenrückschnitt zugetragen hatte, bei dem es nicht mit rechten Dingen zugegangen war. Selbstverständlich taten die Grünen das, was man von ihnen erwartet, wenn einer Pflanze ein Unrecht widerfährt: Sie regten sich fürchterlich auf. Doch es ging um mehr als nur um den zerfledderten Zustand des bedauernswerten Hecken-Buchen-Eschen-Ensembles.

Das Gebiet sei doch geschützt, da solle keiner bauen, klagten sie. Grünen-Chef Jürgen Benden warf der Verwaltung in der besagten Sitzung des Stadtentwicklungsausschusses „Klüngelei“ vor, auch von „Gefälligkeitsplanung“ war die Rede. Das Wort Korruption fiel nicht, doch der Vorwurf lag in der Luft. Vor allem aber dürfe man keinen derartigen „Präzedenzfall“ schaffen, fanden Benden und die Fraktion, da könne ja hinterher jeder kommen und wie ein Wilder in der Gegend rumsägen. Die, die dabei waren, haben die Diskussion als durchaus aggressiv geführt in Erinnerung.

Ein leichter Sieg für die Grünen?

Die Verwaltung sah all das natürlich völlig anders, wahrte aber die Contenance. Sie war erst kurz zuvor wegen einer dubiosen Baumfällaktionen von Benden vorgeführt worden, die nie ganz aufgeklärt wurde. Alles sah nach einem leichten Sieg für die Grünen aus.

Auf ernsthaften Widerstand stießen sie erst, als Arno Sonntag selbst sich zu Wort meldete. Herr Sonntag ist ein recht resoluter Typ, bei dem die Sprüche locker sitzen. Und es ist an dieser Stelle Zeit, zu erwähnen, dass er die Natur gar nicht so schlecht findet. Dafür spricht, dass er ein Elektroauto fährt und dass seine Pläne für den Nierstraßer Weg einen Pferdestall, eine Pferdekoppel und eine Streuobstwiese einschlossen. Er wirkt allerdings nicht wie einer, den die Frage großartig schert, wo genau die rote Linie zwischen einer Hecke mit ein paar Bäumchen und Bäumen mit ein bisschen Hecke verläuft.

Jürgen Benden hingegen ist eher prinzipientreu ausgerichtet. Die einen schätzen ihn für sein vielseitiges Engagement und seine klare Haltung, andere sehen in ihm einen Selbstdarsteller. Wenn Jürgen Benden im Stadtrat das Wort ergreift, was häufig vorkommt, haben die anderen Angst, nicht rechtzeitig zur Champions League zu Hause zu sein.

Ganz objektiv lässt sich sagen, dass Jürgen Benden einer der aktivsten Kommunalpolitiker in Geilenkirchen und Umgebung ist. Und auch Heckenverstümmelungen möchte er ausdiskutiert wissen. Die einzige Gemeinsamkeit, die Benden und Sonntag im Rahmen dieser Geschichte aufwiesen, war ihre Unnachgiebigkeit, was natürlich unmöglich zu einem konstruktiven Ergebnis führen konnte.

Arno Sonntag also ließ sich jetzt in der Presse mit den Worten zitieren, Jürgen Benden solle gefälligst aufhören zu lügen. Benden erhielt auch böse Briefe von Sonntags Rechtsanwalt. Er, Sonntag, habe ja extra beim Kreis Heinsberg nachgefragt, ob die da jetzt weg könne, die Hecke, schimpfte Sonntag, er habe ja gar nicht geklüngelt!

Mancher Verwaltungsmitarbeiter lachte sich ins Fäustchen. Endlich fuhr mal einer dem Benden kräftig über den Mund, das wurde auch Zeit. Arno Sonntag, der Grünen-Schreck. Dabei war Arno Sonntag noch gar nicht fertig, er setzte nun sämtliche Hebel in Bewegung. Die Kreisbehörde bestätigte seine Darstellung, Sonntag hatte jetzt also ganz offiziell nach bestem Gewissen gehandelt. Im Juli entschied auch noch einmal der Stadtrat zu seinen Gunsten.

Das Thema schien damit erledigt und verschwand aus der Öffentlichkeit.

Gegenoffensive

In Wirklichkeit aber wurmte die Sache Arno Sonntag noch immer, er fühlte sich von Jürgen Benden derart ungerecht behandelt, dass er neben Verwaltung und Politik auch noch die Judikative auf seiner Seite wissen wollte. Niemand sollte mehr behaupten, Arno Sonntag schneide Stücke von Hecken ab, ohne zuvor Rechtssicherheit hergestellt zu haben. Eine Woche nach der Juli-Ratssitzung erreichte seine Klage auf Unterlassung das Aachener Landgericht, die Sache bekam nun ein Aktenzeichen.

Sieben Monate sind vergangen. Manche der neuen Häuser sind bereits fertig und bezogen, auf der Koppel laufen mittlerweile tatsächlich ein paar Pferde herum und verteilen ihre braunen Pferdeäpfel. Einen Landkreis weiter, am Aachener Landgericht, sichert Jürgen Benden im Rahmen der Vergleichsvereinbarungen zu, nicht mehr zu behaupten, Arno Sonntag habe „tabula rasa“ gemacht, obwohl er lediglich eine Genehmigung zum Rückschnitt gehabt habe.

So hatte er es damals im Ausschuss formuliert. Jürgen Benden verspricht auch, nicht mehr zu behaupten, Sonntag und die Verwaltung hätten „geklüngelt“. Diese Erfolge hat Sonntag erzielt. Allerdings wird Sonntag sozusagen im Gegenzug auch nicht mehr behaupten, Benden habe gelogen. So schildert es später ein Gerichtssprecher.

Falls der Vergleich von Herzen gekommen ist, haben also beide sich nicht ganz korrekt verhalten. Unentschieden. Der Hecke beziehungsweise den Buchen beziehungsweise den Eschen hilft das nicht mehr, aber alle anderen zumindest wahren ihr Gesicht.

Ihre jeweiligen Anwaltskosten müssen Benden und Sonntag selbst tragen, die Prozesskosten werden sie sich brüderlich teilen.

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