Reise ins Mittelalter im Schloss Zweibrüggen

Von: Johannes Gottwald
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„Time tunnel“ auf Schloss Zweibrüggen: Das niederländische Ensemble “Goet Ende Fyn” trat in historischen Kostümen auf und vermittelte den Zuhörern großartige musikalische Einblicke in die Welt des Mittelalters und der Renaissance. Foto: Johannes Gottwald

Übach-Palenberg. In der amerikanischen Science-Fiction-Serie „Time tunnel“, die 1995/96 auch bei SAT 1 ausgestrahlt wurde, gelingt es einigen Historikern mittels einer Zeitmaschine in weit zurückliegende Epochen zu reisen und besondere geschichtliche Ereignisse hautnah mitzuerleben. Ein Hauch von „Time tunnel“ war nun in Schloss Zweibrüggen zu spüren.

Das niederländische Ensemble „Goet ende fyn“ hatte die zahlreich erschienenen Zuhörer zu einer Zeitreise ins späte Mittelalter eingeladen.

Es war nicht der erste Auftritt der Amsterdamer Gruppe in Übach-Palenberg. Schon zweimal war sie auf Einladung der Kammermusikfreunde und der Anton-Heinen-Volkshochschule des Kreises Heinsberg in der Marienberger „Hütte der Begegnung“ zu Gast.

Selbstverständlich trugen die Ausführenden nicht nur altertümliche Kostüme, sondern spielten auch auf originalen oder exakt nachgebauten Instrumenten der Spätgotik und der Frührenaissance. Nicht wenige aus dem Publikum lernten wohl zum ersten Mal Drehleiern und Sackpfeifen kennen. Ensembleleiter Robbert van Lint führte auf geistreiche und humorvolle Weise durch das Programm, das „Begegnung mit den Niederlanden“ hieß.

Das war freilich nur eine Schwerpunktbezeichnung, denn es war auch deutsche und französische Musik vertreten. Und der Bogen spannte sich vom hohen Mittelalter bis in die Zeit der späten Renaissance. Zu Beginn machten die Zuhörer Bekanntschaft mit Henric van Veldecke, der um 1140 im heutigen Nijmegen (Nimwegen) geboren wurde. Er gehörte zu den größten Minnesängern seiner Zeit und maß sich im „Sängerkrieg“ auf der Wartburg mit so prominenten Kollegen wie Tannhäuser und Walther von der Vogelweide. „In den tiden van den jaere“ entfaltete sich in herber Schönheit und bildete einen vorzüglichen Einstieg in die Atmosphäre des Rittertums.

Mit zarten und klangvollem Alt intonierte Rosmarijn van Lint „Ick sah einsmals“ aus dem Glogauer Liederbuch aus der Zeit um 1460. Beim Schäfertanz aus der Sammlung von Tilman Susato kamen vier kunstvoll gefertigte Ochsenhörner zum Einsatz, von deren Funktionsweise sich auch Bürgermeister Wolfgang Jungnitsch überzeugen durfte.

Schwermütiges Liebeslied

Schwermütig zog das Liebeslied „Ghequetst bin ic van binnen“ vorüber; danach begab sich das Ensemble – musikalisch gesehen – auf eine Pilgerfahrt über den Jakobsweg. Die flämische Weise „Ic ben een arme pilgrim hier“ erklang auf entzückende Weise. Hierzu hatte sich Robbert van Lint ein schwarzes Büßergewand übergeworfen. Bei dem altertümlichen Quinten-Organum über den gregorianischen Choral „Conditor alme siderum“ (Gott, heil‘ger Schöpfer aller Stern) kam die große Drehleier besonders wirkungsvoll zum Einsatz.

Einen ebenso schönen Eindruck hinterließen „Sancta Maria strela do dia“ von Alfonso dem Weisen und das Lied „Eens meien morgens vrue“, worin mit Herzog Jan van Brabant ein weiterer bedeutender Minnesänger aus den Niederlanden vorgestellt wurde. Daran schloss sich eine Serie prachtvoller Tanzsätze an, bei denen besonders das „Branle des Chevaux“ Bewunderung hervorrieft.

Als Beitrag vor der Pause erklang „Bache benes venius“ aus der Carmina Burana. Carl Orff hat diese Liedersammlung des 13. Jahrhunderts neu vertont; hier konnte man einen dieser alter Gesänge in seiner originalen Version hören.

Noten zum Tabakrauch

Im zweiten Teil des Konzerts kamen vor allem Harfe und Sackpfeife verstärkt zum Einsatz. Ein behäbiges „Menuet van Tongeren“ eröffnete den Reigen, weitere ruhige und schnelle Tänze folgten. Das Lied „Daphne overschone maegt“ erzählte die Geschichte von der griechischen Nymphe, die in einen Lorbeerbaum verwandelt wird, um den Nachstellungen des Gottes Apollon zu entgehen.

Dann führte das Programm zu den Geusenliedern des niederländischen Freiheitskampfes, der 1566 mit einem Bildersturm der Protestanten begann und erst 1648 im Westfälschen Frieden endete, der nicht nur einen Schlussstrich unter den 30-jährigen Krieg zog, sondern auch den Niederlanden die Unabhängigkeit sicherte.

Aus der gleichen Zeit stammte auch das humorvolle französische Lied „J‘ai du bon tabac“, das in der Zeit um 1600 entstand, als die ersten Tabakpflanzen nach Europa kamen und das Pfeife-Rauchen zur Mode wurde. Ein ebenfalls französischer Troubadourgesang aus dem 14. Jahrhundert rundete diesen zweiten Programmteil ab.

Nach den letzten Akkorden gab es stürmischen Beifall von den mehr als 100 Besuchern für das Ensemble „Goet Ende Fyn“, das wieder eine hervorragende Vorstellung geboten hatte. Als Dankeschön wurde noch das alte deutsche Lied „Tanzen und Springen“ vorgetragen – dann durfte das Publikum wieder ins 21. Jahrhundert zurückkehren.

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