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Recherche-Überraschung: Anita Lichtensteins Vettern leben

Von: Udo Stüßer
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Dr. Martin Kerkhoff, Walter Sc
Dr. Martin Kerkhoff, Walter Scheufen, Roswitha Steffens, Karl-Heinz Nieren und Uwe Böken (von links) hoffen, die beiden in Israel lebenden Vettern von Anita Lichtenstein für ein Zeitzeugen-Gespräch nach Geilenkirchen holen zu können. Foto: Georg Schmitz

Geilenkirchen. Umfangreiche Recherchen brachten Überraschendes zu Tage: Anita Lichtenstein, das kleine Geilenkirchener Mädchen jüdischen Glaubens, das im Oktober 1942 im Konzentrationslager Maydanek ermordet wurde und nach dem die Geilenkirchener Gesamtschule benannt ist, hat zwei in Israel lebende Vettern.

Dies fand jetzt Gesamtschulleiter Uwe Böken heraus. Er hatte sich Anfang Juli in die zentrale Datenbank von Yad Vashem in Jerusalem, also in die bedeutendste Gedenkstätte, die an die nationalsozialistische Judenvernichtung erinnert und sie wissenschaftlich dokumentiert, eingeloggt und nach dem Namen Lichtenstein gesucht. Bei der Namensabfrage stieß er auf den Namen Edith Rosenberger, die am 26. Juli 2001 ein Gedenkblatt für Hannah Lichtenstein, geborene Hartoch, erstellt hat.

Aus diesem Gedenkblatt geht hervor, dass Edith Rosenberger das Gedenkblatt für ihre Schwester, also Anita Lichtensteins Mutter, angelegt hat. Als ihre Adresse hat Edith Rosenberger Kfar Saba angegeben.

Weitere Recherchen Uwe Bökens ergaben, dass Kfar Saba eine Partnerschaft mit Wiesbaden hat. „Wir hatten natürlich viele Fragen: Lebt Frau Rosenberger noch? Hat sie vielleicht noch Unterlagen oder Bilder von Familie Lichtenstein? Kann Sie aus der Vergangenheit berichten?”, erzählt Böken, der sich mit der Stadt Wiesbaden in Verbindung gesetzt hat, um sich nach einem Ansprechpartner in Kfar Saba zu erkundigen. „Hier verwies man mich an Pesia Aharoni, die bei der Gemeindeverwaltung in Kfar Saba tätig ist”, blickt Böken zurück.

Böken schilderte schließlich Pesia Aharoni sein Problem. „Zunächst passierte nichts. Doch dann kam ein Rückruf aus Israel. Man hatte recherchiert und herausgefunden, dass Frau Rosenberger im Mai 2010 im Alter von 100 Jahren und acht Monaten gestorben ist”, berichtet Böken weiter. Diese sei Mutter von zwei Söhnen gewesen, von denen noch einer lebe, wurde aus Israel mitgeteilt.

Und auch den Namen von Anita Lichtensteins Vetter hatte Pesia Aharoni herausgefunden: Uriel Rosen. Nun suchte Schulleiter Uwe Böken Hilfe bei seiner Stellvertreterin Roswitha Steffens. „Denn ich befürchtete, dass ich mit meinem Schulenglisch hier nicht weiterkommen würde”, lacht der Mathematik- und Physiklehrer.

Die Sorge war unbegründet: Uriel Rosen beherrscht die deutsche Sprache hervorragend, obwohl der 75-Jährige nie in Deutschland gelebt hat. Etwa 15 Minuten lang telefonierten Roswitha Steffens, Uwe Böken und Uriel Rosen miteinander.


Uwe Böken hat natürlich ebenso wie seine Kollegen Roswitha Steffens, Geschichtslehrer Dr. Martin Kerkhoff, Walter Scheufen, der mit Gabriele Czech die Israel-Partnerschaft betreut, viele Fragen auf dem Herzen, die auch Karl-Heinz Nieren, ehemaliger Kollege und besonders engagiert in der Aufarbeitung jüdischen Lebens in Geilenkirchen, beantwortet haben möchte.

Wie sind die beiden Schwestern in den Wirren der Nazizeit auseinandergekommen? Konnte Anitas Tante fliehen, oder hat sie im KZ überlebt und ist später ausgewandert? Welche weiteren Geschwister gibt es noch? Dass es noch zumindest einen weiteren Bruder oder eine Schwester gab, ergibt sich daraus, dass Uriel Rosen von einem weiteren Vetter sprach, der in Israel lebt. Eine 20-köpfige Gruppe der Gesamtschule, darunter 18 Schüler sowie Gabriele Czech und Walter Scheufen, fliegt bald nach Israel.


Vom 8. bis 17. November besuchen die Geilenkirchener ihre Partnerschule. Derweil hofft Walter Scheufen auf ein Treffen mit Uriel Rosen, und auf weitere Informationen und Bilder der Familie Lichtenstein.

Auch hofft Scheufen auf Hinweise auf den zweiten Vetter. „Es wäre natürlich schön, wenn wir beide Vettern zu unseren Zeitzeugen-Gesprächen nach Geilenkirchen einladen könnten”, sagt Uwe Böken. Er sagt aber auch: „Wir müssen nun mit Sensibilität an die Sache herangehen und sehr behutsam den Kontakt aufbauen.”

Die Recherchen werden die Lehrer der Gesamtschule auf jeden Fall fortsetzen. Ein weiteres Ziel ist, Anita Lichtenstein in der „Halle der Namen” von Yad Vashehm, wo die Besucher direkt in die Gesichter der Opfer des deutschen Rassenwahns schauen, verewigt zu wissen. Denn: Anita Lichtenstein - der Name verpflichtet.
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