Realschüler haben „Mobbing im Visier“

Von: Laura Beemelmanns
Letzte Aktualisierung:
5165640.jpg
Im Jugendzentrum Zille können die Schüler ganz offen reden. Fotos (2): Laura Beemelmanns Foto: Laura Beemelmanns
5146062.jpg
Betreuungslehrerin Katharina Altgaßen hat das Projekt „Mobbing im Visier“ ins Leben gerufen.

Geilenkirchen. Mobbing ist längst nicht mehr die kleine Rangelei auf dem Schulhof. Im Gegenteil, es geht über das körperliche Unwohlsein hinaus. Auslachen, ausnutzen, beleidigen oder lügen sind Worte, die von den Schülern aufgeschrieben wurden.

Mobbing ist aller spätestens ein Thema, seit Facebook als Plattform dafür missbraucht wird. Und man sieht, es kann jeden treffen. Selbst Sängerin und Schauspielerin Anna Loos wurde vor wenigen Tagen auf Facebook beschimpft. Auf sie hagelte ein regelrechter „Shitstorm“ nieder – die massenhafte öffentliche Entrüstung über irgendein Thema. In jenem Moment wurde sie zum Opfer, der Täter bleibt identitätslos.

Ganz anders ist es in der Schule. Immerhin weiß das Mobbing-Opfer meist, wer ihm übel nachredet, wer zutritt oder schlägt und wer Lügen verbreitet.

Immer mehr Angriffe

Die Mathematik- und Biologielehrerin der städtischen Realschule Geilenkirchen, Katharina Altgaßen (57), möchte ein Zeichen setzen. Sie hat einen Weg gesucht, um Mobbing zum Thema zu machen. „Wenn man die Schüler beobachtet, kommt es immer häufiger zu Situationen, in denen sie sich gegenseitig verbal angreifen oder auch handgreiflich werden“, sagt sie und nimmt ihre Aufgabe als Betreuungslehrerin sehr ernst.

Vor etwa anderthalb Jahren rief sie „Mobbing im Visier“ ins Leben. Gemeinsam mit dem Jugendzentrum Zille der evangelischen Kirche Geilenkirchen hat sie das Projekt initiiert, um vielfältige Ziele rundum das Mobbing zu verfolgen. Die Schüler sollen schwierige Situationen erkennen und lernen, damit richtig umzugehen. In insgesamt zwölf Sitzungen, je freitags von 12.30 bis 14 Uhr, sollen sie ihre eigenen Stärken und Schwächen erkennen, ihr Selbstbewusstsein stärken, lernen, sich selbst zu behaupten und verbal zu wehren sowie Grenzen zu setzen und diese zu verteidigen.

Der Kurs wird von Nadine Gärtner (34) geleitet. Sie ist Diplom-Sozialarbeiterin, Anti-Gewalt- und Deeskalations-Trainerin. Und sie war es, die Katharina Altgaßen das Projekt vorgestellt hatte, kurze Zeit später wurde es auf den Weg gebracht. „Es ist wichtig, dass auch immer ein Lehrer dabei ist. Sie lernen die Schüler dann noch mal ganz anders kennen“, sagt Gärtner. „Private Themen haben hier auch einen Raum.“

Den gesamten ersten Kurs hat Altgaßen selbst mitgemacht – gemeinsam mit ihrer Klasse 5a (inzwischen 6a). Sie spricht aus Erfahrung und sagt, dass die Schüler gelernt haben, offen über alles zu sprechen. Außerdem: „Die Angriffe sind weniger geworden. Die Schüler haben gelernt, auch einzugreifen, wenn jemand gemobbt wird.“ Doch bis hierhin ist es ein langer Weg. Katharina Altgaßen weiß, dass der Kurs am besten in den Klassen 5 und 6 funktioniert. In diesem Zeitraum seien die Schüler zugänglicher und offener für solche Erfahrungen. Zu Beginn lernen sie dann spielerisch mit dem Thema Mobbing umzugehen.

Sie fertigten Regelplakate an, erstellten Mindmaps, schlüpften in verschiedene Rollen – mal als Opfer, mal als Täter – und simulierten so Situationen, die sich tagtäglich auf den Schulhöfen und in Klassenräumen abspielen. „Durch die Rollenspiele konnten die Schüler über ihre Empfindungen berichten. Außerdem wurden Übungen gemacht, bei denen sie erfahren haben, dass bestimmte Dinge nur klappen, wenn man im Team arbeitet“, sagt Altgaßen. „Das Gute daran ist, dass es nicht in der Schule stattfindet.“ Dann nämlich fühlen sich die Schüler sicherer, sind offener und beschäftigen sich mit den Dingen, die sie stören oder belasten. In diesen anderthalb Stunden können sie ihren Gefühlen freien Lauf lassen.

Und das tun sie auch, weiß Altgaßen. Es sei dann so, als ob sie etwas loswürden, was sie lange mit sich herum getragen hätten. „Der Kurs verläuft sehr individuell“, sagt Gärtner, „jede Klasse hat unterschiedliche Probleme.“ Denn für jeden Einzelnen kann Mobbing etwas anderes bedeuten. Die Schüler schreiben ihr persönliches Empfinden nieder – auf Regelplakate. Diese sollen sie daran erinnern, was wirklich wichtig ist. Die Regelplakate hängen immer noch im Klassenzimmer.

„Ich mobbe niemanden!“ oder „wenn einer spricht, höre ich zu!“ sind Regeln, gegen die die Schüler nicht mehr verstoßen möchten – sie haben allesamt darauf unterschrieben. Katharina Altgaßen hat inzwischen 30 Schüler in ihrer Klasse, 27 hatten an „Mobbing im Visier“ teilgenommen, drei Schüler kamen erst später hinzu. Sie wollten auch unbedingt auf dem Plakat unterschreiben und haben sich damit verpflichtet: Sie setzen ein Zeichen. Mobbing hat bei ihnen keine Chance. „Die Schüler sagen selbst, dass sich in der Klasse etwas verändert hat“, berichtet sie.

Einmal pro Woche haben die Schüler seitdem die Gelegenheit, nochmals über Probleme und auch das Thema Mobbing zu sprechen. Auch die Klassenfahrt hat Katharina Altgaßen ein wenig auf das Mobbing ausgerichtet. Es sei wichtig, das Erlernte zu wiederholen. „Der Kurs dient als Grundlage“, sagt sie. Danach müsse dennoch immer wieder daran gearbeitet werden.

Zurzeit befindet sich die dritte Klasse im Projekt. Das wird aus zeitlichen Gründen für dieses Jahr die einzige bleiben. Katharina Altgaßen ist jedoch zuversichtlich, dass schon im nächsten Jahr wieder ein neuer Kurs das Thema Mobbing im Visier hat.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert