Pünktlichkeit der Bahn: Eine Frage der Definition

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Diese Regionalbahn verließ den Geilenkirchener Bahnhof mit drei Minuten Verspätung in Richtung Aachen – in die Statistik der Deutschen Bahn geht sie damit als pünktlicher Zug ein. Foto: Jan Mönch

Geilenkirchen. In den vergangenen Monaten war sie oft Gesprächsthema. Nicht wegen ihrer Ansondern eher wegen ihrer Abwesenheit: Die Deutsche Bahn. Mehrfach legten Streiks der Lokführer den gesamten Streckenbetrieb lahm, außerdem war die Bahnlinie Aachen-Düsseldorf infolge längerer Gleisarbeiten gesperrt, so dass Schienenersatzverkehr eingerichtet werden musste.

Seit dem Advent läuft jedoch der Zugverkehr in unserer Region wieder reibungslos. Tatsächlich? In offiziellen Verlautbarungen der Bahn beteuert man, dass der Regionalverkehr zu 85 Prozent pünktlich sei, lediglich im Fernverkehr liege noch vieles im Argen. Dagegen hört man andererseits viele Beschwerden von Pendlern über die Unzuverlässigkeit der Bahn. Wer von beiden hat also nun recht? Unser Mitarbeiter Johannes Gottwald hat sich am ersten Werktag des neuen Jahres am Bahnhof Geilenkirchen für einige Stunden auf die Lauer gelegt.

Es ist 5.55 Uhr, die Buslinie 71 steht vor der geschlossenen Schranke am Bahnübergang Konrad-Adenauer-Straße. Der Regionalexpress nach Düsseldorf fährt durch – pünktlich oder nicht? Ein Blick auf den Fahrplan kurze Zeit später offenbart: Abfahrtzeit war 5.52 Uhr, also drei Minuten zu spät. Auf dem Bahnsteig angekommen, erfährt man schon die nächste Verspätung: Die Regionalbahn von Aachen Richtung Heinsberg beziehungsweise Duisburg wird voraussichtlich fünf Minuten nach dem offziellen Abfahrtermin (6 Uhr) eintreffen. Immerhin ist wenigstens diese Voraussage einigermaßen präzise, die RB verlässt den Bahnhof um 6.06 Uhr. Der RB-Gegenzug in Richtung Aachen war nur zwei Minuten zu spät dran, auch der Wupper-Express (6.14 Uhr) setzt sich um 6.16 Uhr in Bewegung – beide also noch halbwegs pünktlich.

Ein Lichtkegel aus Süggerath

Nur zwei Minuten später ist schon die Abfahrtzeit des Regionalexpress Richtung Aachen vorgesehen. Um 6.18 Uhr ist freilich noch kein Zug zu sehen, obwohl die Schranken schon geschlossen sind und das Ausfahrtsignal auf Grün steht. Erst eine Minute später erscheint aus Richtung Süggerath ein Lichtkegel und der Regionalexpress läuft ein. Ziemlich rasch geht die Abfertigung vonstatten, mit dreieinhalb Minuten Verspätung geht es weiter nach Aachen. Besser macht es der Wupper-Express nach Dortmund, der nur eine Minute zu spät losfährt – und die Euregiobahn Richtung Aachen startet als erster Zug an diesem Morgen pünktlich auf die Minute – um 6.39 Uhr.

„Wir bitten um Entschuldigung“

Nachdem der nächste Wupper-Express sich um 6.54 zwei Minuten zu spät auf die Reise gemacht hat, hört man um Punkt 7 Uhr die Glocken der katholischen sowie der evangelischen Kirche. Als ob sich die Züge daran ein Beispiel nehmen wollten, sind die beiden Regionalbahnen um exakt 7 Uhr und 7.01 Uhr zur Stelle. Kurz danach aber kündigt die Anzeigentafel auf Gleis 2 den ersten Zugausfall dieses Morgens an: Betroffen ist der Wupper-Express von 7.14 Uhr. „Wir bitten um Entschuldigung“ verkündet die Lautsprecherdurchsage. Ein Ehepaar, das soeben die Unterführung betritt, hat allerdings wenig Verständnis: „Das ist ja wohl ein Witz! Vorhin war im Internet noch nicht davon zu lesen. Da warten wir besser woanders!“ In der Tat: Bei Temperaturen von fünf Grad, heftigem Wind und Schauerböen ist der Bahnhof kein angenehmer Aufenthaltsort.

Nur zwei Minuten zu spät kommt der Regionalexpress nach Aachen (7.18 Uhr), und der Gegenzug nach Dortmund (7.37 Uhr) fährt sogar auf die Minute genau ab. Wenig später aber steht der nächste Zugausfall ins Haus: Auch auf die Euregiobahn (Abfahrt 7.47 Uhr) wartet man vergebens. Sichtlich genervt verlassen zwei weitere Pendler den Bahnsteig.

Gar nicht mehr der Rede wert?

Allmählich graut der Morgen, der Fahrplan enthält von nun an nur noch vier Züge pro Stunde. Und eigenartigerweise scheint der Verkehr jetzt besser zu laufen: Die Regionalbahn-Paare von 8 Uhr und 8.01 treffen pünktlich ein, ebenso diejenigen von 9 Uhr und 9.01 Uhr und um 10 und 10.01 Uhr. Dagegen sind die Regionalexpress-Züge säumig, obwohl sie kaum einen weiteren Weg haben: Mit knapp drei Minuten Verspätung fährt der RE von 8.17 Uhr, der Wupper-Express von 9.37 Uhr bringt es auf dreieinhalb Minuten. Solche Verspätungen sind bei der Bahn offenbar schon so selbstverständlich, dass sie gar nicht mehr der Rede wert sind. Bezeichnenderweise geht auch die Bahnhofsuhr seit Wochen um zwölf Minuten nach. Und mit einem der Fahrkarten-Automaten haben die Bahnkunden ihre liebe Not, denn auf dem Bildschirm heißt es lapidar: „Aus technischen Gründen kann zur Zeit kein Bargeld angenommen werden“. Pünktlich beziehungsweise nur mit wenigen Minuten Verspätung fahren dagegen die Regionalzüge nach Dortmund um 8.37 Uhr, nach Aachen um 9.17 Uhr und ebenfalls nach Aachen um 10.17 Uhr.

Damit konnte sich unser Mitarbeiter schon einen recht guten Überblick verschaffen. Die Bilanz: Von 25 Zügen fuhren elf auf die Minute genau ab, sieben weitere kamen nur ein bis zwei Minuten zu spät, waren also einigermaßen pünktlich. Alle übrigen hatten dagegen drei bis sechs Minuten Verspätung, zwei davon fuhren überhaupt nicht.

Zu weit aus dem Fenster gelehnt?

Hat sich die Bahn also zu weit aus dem Fenster gelehnt, den Kunden zu viel versprochen? Gemessen an ihren eigenen Kriterien lautet die Antwort: nein. Denn nach der offiziellen Lesart der DB gilt ein Zug auch dann noch als pünktlich, wenn er bis zu 5 Minuten und 59 Sekunden nach der regulären Zeit den Zielbahnhof erreicht. Demnach hatte die Bahn an diesem Morgen sogar eine Pünktlichkeitsquote von fast 90 Prozent. Andererseits: Auch Verspätungen von drei bis vier Minuten können für regelmäßige Pendler zur Nerven- und Geduldsprobe werden, vor allem, wenn sie zeitlich knappe Anschlusszüge oder -busse erreichen müssen.Vor allem Zugausfälle im morgendlichen Frühverkehr sollten zu den Ausnahmen gehören.

Interessant ist dabei ein Blick über die Landesgrenzen: In der Schweiz werden bereits Verspätungen von zwei Minuten durchgesagt, in Japan sogar oft schon bei einer Minute – was allerdings mit den erheblich kürzeren Umstiegszeiten in diesen Ländern zusammenhängt. Auch bei der Berliner S-Bahn gelten zwei Minuten Verzug schon als Verspätung. So gesehen, wären sicherlich noch Verbesserungen bei der Pünktlichkeit der Züge in unserer Region angebracht. Vielleicht kann die Bahn ja sogar noch aus ihrer Vergangenheit lernen – als noch nicht alles über Computer gesteuert wurde.

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