Prozess voller Außergewöhnlichkeiten nach einem „Räubchen”

Von: Herbert Keusch
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Geilenkirchen. Es war in jeder Beziehung eine außergewöhnliche Verhandlung, die jetzt vor dem Schöffengericht stattgefunden hat. Ungewöhnlich der Sitzungsbeginn von 14 Uhr, außergewöhnlich die Dauer, verhandelt wurde bis fast 18.30 Uhr.

Auch nicht alltäglich, dass in der Verhandlung ein Film aus der Überwachungskamera einer Geilenkirchener Spielhalle vorgeführt wurde.

Der Angeklagte springt aus dem Fenster

Mit diesem Dokument versuchte Staatsanwältin Anja Korte den beiden Angeklagten eine gemeinsame Tat nachzuweisen. Zunächst erkennbar, dass ein 23-jähriger Mann aus Geilenkirchen in der Spielhalle am 4. Juli diesen Jahres bis kurz vor 1 Uhr an Automaten gespielt hat. Er verlässt die Spielhalle, und Sekundenbruchteile später stürmt ein maskierter Mann in diesen Raum, offensichtlich um einen Raubüberfall zu begehen.

Aber die Spielhallenangestellte, eine heute 55-jährige Frau, die nun als Zeugin auftrat, zeigt Mut und drängt den Maskierten aus der Spielhalle, um dann die Tür abzuschließen, ihren Chef und die Polizei anzurufen.

Doppelfenster geöffnet

Schließlich der ungewöhnliche Abschluss dieses ersten Verhandlungstags: Dem 23-jährigen staatenlosen Angeklagten gelingt, wie berichtet, trotz der Anwesenheit von vier Vollzugsbeamten die Flucht über einen weiteren Verhandlungsraum durch ein Fenster in der zweiten Etage. Beim Sprung aus rund acht Metern Höhe verletzt sich der 23-Jährige schwer, ein Rückenwirbel ist gebrochen.

Für die Behörden steht fest, dass diese versuchte Flucht nicht ohne Hilfe von mindestens einer weiteren Person möglich gewesen ist. Das Fenster, durch das der Sprung gewagt wurde, muss zuvor geöffnet worden sein, da sich hinter zwei Buntglasflügeln ein weiteres Fenster befindet, das ebenfalls geöffnet werden muss, erklärte ein Gerichtssprecher.

Der Prozess vor dem Schöffengericht war nach dem Verhandlungsmarathon von viereinhalb Stunden bereits unterbrochen, der Fortsetzungstermin war auf den 9. Dezember festgelegt worden.

Zu Beginn der Verhandlung hatte Richter Thomas Schöning erklärt: „Was am 4. Juli passiert ist, war eigentlich nur ein Räubchen.” Wonach sich aber die beiden Angeklagten seit knapp sechs Monaten in Untersuchungshaft befinden.

Nachdem Staatsanwältin Korte die Anklage vorgestellt hatte, wurde schnell klar, dass beide Angeklagten auf ihr Aussageverweigerungsrecht beharren. Gehört wurde die 55-jährige Zeugin, die als Aufsicht in der Spielhalle vom versuchten Raubüberfall betroffen war. „Der 23-jährige Angeklagte kam gegen 0.30 Uhr in die Spielhalle, die bis 1 Uhr geöffnet ist.” Als der rausgegangen wäre, sei ein Maskierter hereingekommen, habe sie am Arm festgehalten und zweimal gefordert, die Kasse zu öffnen. Sie habe bei diesem maskierten Mann nur die Augen gesehen, „die waren pechschwarz”.

Klare Telefondaten

Es sei ihr aber gelungen, den Maskierten hinauszudrängen. Danach habe sie ihren Chef angerufen, der ihr gesagt habe, dass er sofort vorbeikomme, sie aber solle schon die Polizei informieren.

Wie die Tat abgelaufen ist, wurde dann mit dem Film aus der Überwachungskamera in der Spielhalle vorgeführt.

Gehört wurde auch ein 47-jähriger Beamter der Kriminalpolizei, der sich einen Tag nach dem versuchten Raub mit dem Sachverhalt beschäftigte. „Nach unseren Ermittlungen steht fest, dass der letzte Kunde dem Täter die Tür offen gehalten hatte”, sagte der Polizeibeamte. Klar sei auch, dass der letzte Kunde und der maskierte Täter über mehr als zehn Minuten Handykontakt hatten. Dieser Kontakt sei über Funkortungsdaten ermittelt worden.

Um diese Daten zu nutzen, sei ein richterlicher Beschluss erforderlich gewesen. „Fest steht”, so der Kriminalbeamte, „dass um diese Zeit in diesem Bereich nur der 23-jährige Angeklagte telefoniert hat.”
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