Perfekter „Run” zur Sensation in der Liga

Von: Wilfried Rhein
Letzte Aktualisierung:
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Spielerin Nummer 4, das ist Martina Phillip. In der entscheidenden Play-Off-Begegnung gegen Mannheim war sie im Zusammenspiel mit ihren Wesselinger Teamkameradinnen eine „sichere Bank” für den Titelgewinn.

Geilenkirchen. Das Ballgefühl war mit vier Jahren Lebensalter schon vorhanden. Es perfektionierte sich beim Tennis im Geilenkirchener Club Rot-Weiß. Rund ein Vierteljahrhundert danach ist sie Deutsche Meisterin.

Nicht im Tennis, sondern im Softball. Zu diesem rasanten Sport ist Martina Phillip schon vor langer Zeit gewechselt. „Martina? So kennt mich doch keiner. Ich bin die Matti!”

Genau. So heißt sie auch bei den „Vermins”. Das ist Mattis erfolgreicher Softball-Verein in Wesseling. So durchschlagend, dass er sich jetzt zum ersten Mal mit dem Titel Deutscher Meister schmücken darf. Die zweigeteilte Bundesliga (Nord/Süd) ermittelt ihren besten Teilnehmer in einem Play-Off-Turnier. Mit Wesseling standen Mannheim, Neunkirchen und Brauweiler auf dem Platz.

Die Vermins putzten den amtierenden und neunfachen Rekordmeister der Mannheimer Tornados mit 4:3 nach zwei Verlängerungen. Wie es bei diesem Finale abging, hat Marc Nowak, Vereinssprecher der Wesselinger, vor kurzem der Fachwelt geschildert:

„Im 3. Inning konnten die Vermins durch einen Hit von Matti Phillip mit 2:0 in Führung gehen, Mannheim erkämpfte sich in Inning 5 den Ausgleich, der auch bis zum Ende des 7. Innings hielt. Im ersten Tie-Breaker konnte Mannheim einen weiteren Run zur 2:3 Führung scoren, die Vermins standen somit unter Zugzwang, nun ebenfalls zu punkten. Mit Matti an 2nd Base und Leonie Thiele am Schlag ging es in das Inning, Matti arbeitete sich bis zur 3. Base vor und konnte schließlich durch einen Bunt von Claudia Volkmann zum erneuten Ausgleich scoren. Inning 9 war somit gesichert und die Partie weiterhin offen.

Der Defensive gelang es, eine weiße Weste zu behalten und den Mannheimer Angriff zu stoppen, bevor weitere Runner die Homeplate überqueren konnten. Die eigene Offensive startete dann mit Alina vom Bruck auf 2nd Base und Julia de Jong am Schlag. Julias Bunt brachte Alina auf die 3. Base und sich selbst an eins. Christina Lipp war die nächste Schlagfrau der Vermins, nach zwei Strikes, befördert sie den Ball zu einem Single ins Feld und schafft damit den entscheidenden RBIÉ”

Ja, so sah es aus. Soft- und Baseball-Experten lesen das wie Einkaufszettel. Andere müssen lernen, dass Inning ein Spieldurchgang ist, der Tie-Breaker ein Gleichstand nach sieben Innings, ein Bunt der nicht kraftvoll geschlagene, sondern vom Schläger abtropfende Ball und die Homeplate das erhabene, hellere von vier Markierungskissen auf dem Spielfeld.

Das ist was anderes als Tennis. Das hat Martina Phillip bei Rot-Weiß Geilenkirchen bis ins 18. Lebensjahr gespielt und sogar die erste Verbandsliga erreicht. Mit 16 Jahren probierte die heutige Steuerfachangestellte mal Softball aus. Auch dafür liefert der Awacs-Standort in Teveren eine Basis. Dort ist seit vielen Jahren ein Ligabetrieb organisiert, immer noch im Turnier-Rhythmus. Nadine weiß das, sie ist die „große Schwester” von Martina und spielt Softball auf der Airbase seit sie 13 Jahre alt war. „Ich habe mir Matti als Verstärkung für unser Team gewünscht”, gesteht Nadine Reinhardt (35), ebenfalls Steuerfachangestellte in Baesweiler. Und Schwester Lea (20) ist auch schon vom Softball-Fieber erfasst.

„Ich musste schnell die Entscheidung treffen: Mono- oder Mannschaftssport”, erinnert sich Martina Phillip an den kurzen Moment des Zweifels. Denn bei Rot-Weiß war schon Traurigkeit angesagt für den Fall des Abschieds. Der aber kam und damit eine Erfolg versprechende Zeit für die Softball-Sportlerin Matti.

Auch im neuen Hobby wurde die Verbandsliga erreicht. Die Wesselinger Bundesligisten erkannten das Talent, brachten die junge Frau in die NRW-Auswahl. Bei der Europameisterschaft 2005 war sie dabei, jetzt die Deutsche Meisterschaft. Im Frühjahr 2011 geht der Spielbetrieb wieder los. Trainingsbeginn mit dem Kader von 15 Frauen im Alter zwischen 16 und 33 Jahren ist jedoch schon im nahen Dezember.

Dann heißt es für Matti Phillip mehrfach wöchentlich, die 85 Kilometer vom jetzigen Wohnort Beggendorf bis zum Platz der Vermins unter die Räder zu nehmen, selbst finanziert. Mit im Auto die Ausrüstung, auch meist selbst gekauft; ein Fanghandschuh kostet um die 60 Euro. In die Mannschaftskasse muss auch noch etwas eingezahlt werden. Bei fernen Auswärtsspielen wird aber schon mal der Bus gesponsert. Um dann in zwei bis zu manchmal fünf Stunden Kampfspiel den entscheidenden Hit zu landen.

Das werden auch die Scouts am Spielfeld beobachten, die von Konkurrenzclubs kommen, Vergleiche ziehen oder gar mit einem Abwerbeangebot rüberkommen. „Das ist so in der Liga”, bestätigt Matti. „Wie überall. Bei uns gibt es schließlich auch Doping-Kontrollen.”

Das wird sich auf internationalen Plätzen nicht ändern. Denn die „Vermins”, übersetzbar mit Schädlingen oder gar Ungeziefer, wollen sich gern beim Europa-Pokal unter 20 Winnerteams durchsetzen. Welche Wünsche bleiben? „Dass es am Ort der Europacup-Spiele schön warm ist”, bescheidet sich Matti Phillip. „Ansonsten darf es so bleiben, wie es ist.” Das Ballgefühl inklusive.
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