Omar lebt in Geilenkirchen: Bei Fluglärm zittert er am ganzen Körper

Von: Jan Mönch
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Die Trümmer von Damaskus: Hier liegen die Hoffnungen vieler Syrer begraben. Foto: stock/Xinhua

Geilenkirchen. Die Geilenkirchener begrüßten das Jahr 2015 mit Böllern und Raketen, Said, vier Jahre jung, begann es mit einem Gebet. Er kauerte auf dem Balkon und bat Gott darum, dass der Krieg enden möge.

Sein Vater, Omar heißt er, nahm Said auf den Arm und erklärte ihm, dass Donnerhall in den Straßen und Feuerschein am Himmel nicht immer das Verderben ankündigen, sondern, wie in diesem Fall, zu sehen und zu hören sein können, wenn die Menschen feiern. Und dass Syrien weit, weit weg ist. Kriegskinder müssen solche Dinge erst lernen.

Omar ist 34 Jahre alt, in seinem alten Leben war er Kaufmann in Damaskus, der syrischen Hauptstadt. Dort hatte er ein Modegeschäft, von dem er seine Frau und die beiden Söhne ernähren konnte, doch dann fuhr ein Panzer hinein. Von den Millionen, die aus Syrien geflohen sind, zählt die Familie zu den wenigen, die es nach Europa geschafft haben. Gekommen sind sie über das Meer, ihr Boot wäre beinahe untergegangen. Doch ab diesem Punkt meinte das Schicksal es gut.

Omar hat sich hier in Geilenkirchen mit zwei Irakern angefreundet, die schon seit den Neunzigern in Deutschland leben, sie heißen Furat und Noael. Sie helfen Omars Familie dabei, Fuß zu fassen, besonders beim Bewältigen bürokratischer Hürden. Neben der Sprache verbindet sie das Wissen, dass Frieden und Sicherheit nicht selbstverständlich sind. Was sie nicht verbindet, ist die Religion. Noael ist Christ, Omar ist Sunnit, Furat hat eine schiitische Mutter und einen sunnitischen Vater. So beweist die junge Freundschaft der drei, dass der Krieg eine Geißel für die Menschen jedes Glaubens ist.

Furat und Noael sitzen jetzt mit in der Geilenkirchener Wohnung, die Omar dank der Initiative des Runden Tischs für Flüchtlingsarbeit bekommen hat, und übersetzen aus dem Arabischen. Es gibt Kekse und einen sehr starken Kaffee. „Ich weiß, dass auch die Deutschen den Krieg erlebt haben“, sagt Omar. „Darum habe ich gehofft, dass sie unser Schicksal verstehen.“ Dass sie verstehen, warum der Sohn ein Feuerwerk für einen Luftschlag hält. Dass sie verstehen, warum auch Omar, einem gestandenen Mann und Vater, die Glieder zu zittern beginnen, wenn eine Awacs-Maschine Richtung Teveren donnert. Natürlich weiß er, dass das nur die Nato ist, aber das Trauma ist mächtiger.

In der Vorstellung vieler Syrer, sagt Omar, sei Europa so etwas wie ein großer, guter Engel. Nun wähne er sich zwar nicht im Paradies, aber doch sei etwas dran an „dieser Ruhe, diesem Vertrauen“, das er erwartet und das er gefunden hat. Omar weiß, dass seine Ausbildung hier in Deutschland auch dann noch wenig wert ist, wenn er Deutsch gelernt hat, aber fürs Erste ist das zweitrangig. Was zählt ist, dass alle vier leben.

Längst nicht jeder von Omars Angehörigen hatte so viel Glück. Der Neffe nicht, der ermordet wurde. Die Dutzenden von Angehörigen nicht, die bei einem Luftschlag umkamen, der eine Bestattungsgesellschaft traf. Und auch der Vater nicht, der erschossen worden sein soll, Omar weiß nicht, ob es Regierungstruppen waren oder Rebellen. Es gehört zum Wesen eines Bürgerkriegs, dass die Übersicht darüber, wer wen tötet, irgendwann schwer zu behalten ist. Die Frage nach dem Warum ist in Syrien ohnehin rational nicht mehr zu beantworten.

Omar hat miterlebt, wie sein Land ins Chaos stürzte. 30 Jahre lang regierte Hafiz al-Assad sein Land. „Lebe dein Leben und sprich nicht über Politik“, das sei die Philosophie vieler Syrer gewesen, erzählt er. Wer das beherzigte, der lebte zwar immer noch in einer Diktatur, aber das gemeinhin unbehelligt. Große Hoffnungen habe man dann in Baschar al-Assad gesetzt, als der alte Despot 2000 starb und dem Sohn die Macht als Erbe hinterließ. Schließlich war bekannt, dass Baschar al-Assad in London studiert hatte und ein Mann von Bildung war, ein Augenarzt. Vielleicht bringe er ja ein wenig Demokratie, ein wenig Freiheit nach Syrien, das war der Gedanke von Omars Landsleuten. Heute liegen die Hoffnungen begraben unter den Trümmern von Damaskus, Aleppo und Homs.

Dem Glauben an ein freieres Syrien hing einst auch Omar nach: Damals, als der sogenannte arabische Frühling mit einiger Verzögerung seinen Glanz auch auf Damaskus warf. Der Frühling ist längst gegangen, in Damaskus ist Winter, und Omar erzählt von seinem Neffen, der auf Facebook aktiv war – politisch, versteht sich. Der Neffe gehörte einem Verbund junger Syrer an, die im Internet aktuelle Informationen verbreiteten, die aus der Presse nicht zu bekommen waren. Auch Omar gab ihm hin und wieder einen Tipp, wenn er erfuhr, wo Assads Leute unterwegs waren, wo es gerade besonders gefährlich war.

Auch der Geheimdienst interessierte sich sehr für die Facebook-Posts, und eines Tages suchten Männer den Neffen in einem Waisenhaus auf, wo dieser manchmal half, und schnitten ihm an Ort und Stelle den Kopf ab. „Als ich davon erfahren habe, war das der Moment, in dem ich wusste, dass ich weg muss“, sagt Omar. Denn in der arabischen Welt, erklärt er, sind Familiennamen nicht nur Namen, sie ordnen dich und dein Tun ein für ein ganzes Leben: Steht also einer mit deinem Namen auf der Abschussliste, stehst auch du selbst sehr wahrscheinlich darauf.

Die Amerikaner, sagt Omar bitter, hätten sein Volk im Stich gelassen. Denn nach dem Giftgaseinsatz von Ghuta sah ja alles nach einer Intervention aus, Assads Ende schien gekommen. Noch so ein Funken Hoffnung, der verglüht ist.

Wenn der Krieg vorbei ist, will Omar zurück nach Syrien. Aber demnächst beginnt erstmal sein Deutschkurs.

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