Obdachlos auf dem Land: Als die Türschlösser ausgewechselt waren

Von: Naima Wolfsperger
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Auch wenn sie in ländlichen Gebieten kaum auffallen: Oft gibt es Menschen, die in versteckter Wohnungslosigkeit leben. Sie kommen bei Freunden oder bei der Familie unter. Allein wieder auf die eigenen Beine zu kommen ist oft schwer. Foto: dpa/Bildfunk

Geilenkirchen. Es ist windig, als Samuel Richter (Name von der Redaktion geändert) sich auf das Fahrrad eines Freundes schwingt und 20 Kilometer zu seiner Schwester fährt. Zehn Jahre hat er sie nicht mehr gesehen. Richter bekommt nur schwer Luft. Weil der Wind so stark bläst. Und weil er Lungenkrebs hat. Aber das weiß er zu diesem Zeitpunkt noch nicht.

Vor dem Haus seiner Schwester geht er mehrmals auf und ab. Traut sich nicht hinein. Schließlich, als er seinen Mut zusammennimmt, kommt sie aus dem Haus und will mit dem Auto wegfahren. Den Mann, der da vor ihrem Haus herumlungert, fragt sie aber noch: „Suchen Sie was?“

Damals hat Richter bereits seit fast einem Jahr keine Wohnung mehr. Er hat bei Freunden geschlafen und auf der Straße, hat Tagelöhner-Arbeiten gemacht und getrunken, hat versucht, selbst aus der Obdachlosigkeit herauszukommen und ist gescheitert. „Auf dem Land gibt es eher eine Art versteckte Wohnungslosigkeit. Betroffene kommen oft bei Freunden unter“, sagt Natascha Möbitz vom Caritasverband für die Region Heinsberg e.V. Und: „Viele wissen gar nicht, was es für Hilfs- und Unterstützungsangebote gibt.“

Als Richter sich entschließt, seine Schwester aufzusuchen, hat er schon mehrmals darüber nachgedacht, sich das Leben zu nehmen. „Entweder – oder. Andere Möglichkeiten habe ich nicht mehr gesehen.“

„Ja. Ich suche dich.“ Das kommt über seine Lippen, als er so vor seiner Schwester steht, die ihn offensichtlich nicht erkannt hat. Als sie seine Stimme hört, ist plötzlich alles vorbei: Die Pläne für den Tag, die Autofahrt. Die beiden gehen ins Haus und trinken Kaffee. „Was ist denn los?“, fragt sie.

Richter ist der Typ Mensch, der keine Rücksicht auf sich nimmt, für den im Prinzip jede Verletzung höchstens ein Wehwehchen ist. Und er ist der Typ Mensch, der sein Leben lang gearbeitet hat. Eine Ausbildung hatte in seiner Jugend nicht zwingend viel Wert. „Nö, Jung. Geh arbeiten“, sagten seine Eltern.

Richter fand das gut. Schließlich arbeiteten seine Freunde auch – und bekamen um die 70 Mark im Monat. „Das war damals viel Geld“, betont der 64-Jährige den Wert des Geldes, das er in jungen Jahren besonders gerne auf der Kirmes ausgab. Richter lacht bei der Erinnerung an die gute alte Zeit wie ein Schuljunge, der seinem Lehrer einen Streich gespielt hat.

Ihm geht die Luft aus

Als Richter nicht mehr richtig Luft bekommt, arbeitet und lebt er bereits mehr als 20 Jahre auf einem Hof im Kreis Heinsberg. „Schwere Arbeit war das. So lange die Sonne schien, war kein Feierabend.“ Er blickt auf seine Hände, die, rau und ein wenig rot, Zeugnis seiner Worte sind.

Richter geht zum Arzt, weil ihm immer öfter die Luft ausgeht. Die Ärztin verweist ihn an einen Experten und schreibt ihn mehrere Wochen krank. Als Richter, immer noch krankgemeldet, eines Tages nach Hause kommt, sind die Schlösser zu seinem Zimmer auf dem Hof ausgewechselt. Er kommt nicht mehr hinein. „Was jetzt? Wohin?“, denkt er sich und ruft einen Freund an. Sein Freund bietet ihm an, ein paar Tage bei ihm zu bleiben.

In der Not erfährt man erst, wer richtige Freunde sind, das hat Richter gelernt. „Es gibt zwei Menschen, die haben mich immer unterstützt. Auch heute sind sie noch da. Ich hab da Glück gehabt“, sagt er, und: „Toi, toi, toi!“ Er klopft auf den Tisch, um sein Glück auch ja zu behalten. Einige seiner geglaubten Freunde könne man aber in der Pfeife rauchen, sagt er.

Der Bauer konnte ihn so leicht loswerden, weil Richter keinen Arbeitsvertrag hatte. Bei den Ämtern war seine Anstellung gemeldet, aber eben nicht in einem eigenen Dokument schriftlich festgehalten. Persönlichen Kontakt zu seinem Arbeitgeber habe er in den vielen Jahren zumindest nicht knüpfen können, sagt er. „Der ist nicht so einer, mit dem man reden kann.“ Seine Stimme bleibt ruhig, während er erzählt. Selbst als er gesteht: „Ich weiß es nicht. Vielleicht habe ich damals Fehler gemacht. Vielleicht auch nicht. Das macht heute keinen Unterschied mehr.“ Richter reichte keine Klage ein, ging nicht zum Arbeitsamt.

60 Jahre alt ist er, als er vor der verschlossenen Tür steht und von einem Moment auf den anderen kein Zuhause mehr hat. Es folgen Monate, in denen er seinen Freunden nicht zu sehr zur Last fallen will und immer wieder den Ort wechselt. „Ich habe auch auf der Straße geschlafen. Mich heimlich in Scheunen geschlichen.“ Wieder entflieht ihm ein Lachen, kindlich, unschuldig und doch so, als hätte er was angestellt.

Seine Tage verbringt er mit kleineren Arbeiten, „Hecke schneiden, anstreichen. Damit man ein paar Groschen in der Tasche hat.“ Aber er schafft es nicht zurück zur Anstellung und zum eigenen Dach über dem Kopf. „Das geht nicht alleine“, sagt er. „Es fällt vielen Menschen schwer, sich aus einer solchen Situation wieder zu befreien“, bestätigt ihn Möbitz. Scham spiele dabei eine große Rolle, sagt die Sozialarbeiterin. Auch wüssten Betroffene oft nicht, wo sie sich melden können.

An Tagen, an denen er keine kurzfristigen Aufträge annimmt, trinkt Richter. Das Trinken, dachte er damals, das mache es leichter. „Tut es aber nicht. Heute weiß ich das.“ Er saß mal hier, mal dort. „Und überall ist dann der ein oder andere dazugekommen und hat mitgetrunken.“ Noch heute muss er schmunzeln, bei der Erinnerung an seine damaligen Leidensgenossen.

Als er schließlich bei seiner Schwester beim Kaffee sitzt und ihr alles erzählt, da greift sie zum Hörer und beginnt zu telefonieren. „Sie hat überall angerufen! Hier und dort...“

Abends um halb sieben spricht sie mit dem Leiter der Fachberatungsstelle für Wohnungslose in Geilenkirchen. Richter kann sofort vorbeikommen. Seine Schwester fährt ihn. Richter muss alles noch einmal erzählen, von den ausgetauschten Schlössern, von den Wochen bei Freunden und auf der Straße, von der Tagelöhnerei und dem Trinken. Dabei redet er nicht gern darüber. Auch heute noch nicht.

Ein Zuhause gefunden

Aber er weiß, dass er ohne die Hilfe der Notübernachtungsstelle der Caritas-Wohngemeinschaft Geilenkirchen nicht weit gekommen wäre. „Die haben mich sofort zum Arzt geschickt.“ Richter musste dreiviertel seiner Lunge entfernt werden. Deshalb, und weil er dort ein neues Zuhause gefunden hat, in dem er sich wohl fühlt, versucht er, so oft wie möglich etwas zurück zu geben. Dann schneidet er die Hecken, „oder was eben so ansteht.“

Seit zweieinhalb Jahren etwa lebt er jetzt in einer der Wohngemeinschaften der Caritas. Den Krebs hat er besiegt und gut verwunden und „Zigaretten rühre ich keine mehr an.“ Es sei ihm schwer gefallen, diesen Schritt zu gehen und Hilfe anzunehmen.

Inzwischen ist er über diesen Schritt froh, blickt er aber lieber nach vorne als zurück. Er geht sonntags gern in den Sportverein, wo er auch neue Freunde gefunden hat, telefoniert regelmäßig mit seiner Schwester und fährt zu Spielen seines Lieblingsvereins Borussia Mönchengladbach, wann immer er es sich leisten kann.

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