Nur zwei Inches neben dem Herzen

Von: Jan Mönch
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Das ist Cecil Newton. Er steht in Tripsrath vor dem Haus mit der Nummer 50. Genau hier wurde er vor 72 Jahren schwer verwundet. Foto: Jan Mönch
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Nur wenige Tage bevor Newton schwer verwundet wurde entstand dieses Bild, auf dem er vorne links zu sehen ist. Foto: Ulrich Pfaff
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Cecil Newton (M.) mit seinem guten Freund Ken Cowdery (l.) und seinem Sohn Paul am Rande von Tripsrath.

Geilenkirchen. Der alte Mann steht auf einem Wirtschaftsweg, die Sonnenbrille schützt seine Augen vor der tief stehenden Herbstsonne. Er blickt über die Felder, es ist lange her, dass er zum ersten Mal hier war, zwischen Tripsrath und Hochheid. Damals war der alte Mann ein junger Soldat der Britischen Armee, ein Trooper. „Da drüben, da war ein Bauernhof“, sagt er. „Und von da kamen die Panzer.“ Alles ist wieder da, die Schüsse, das Sterben. Cecil Newton, von 1942 bis 1944 Gunner und Operator in einem Panzer der 4th/7th Royal Dragoon Guards, erinnert sich.

Alles ist wieder da, die Schüsse, das Sterben. Cecil Newton, von 1942 bis 1944 Gunner und Operator in einem Panzer der 4th/7th Royal Dragoon Guards, erinnert sich.

Mit ihm nach Tripsrath gekommen sind sein Sohn Paul und sein guter Freund Ken Cowdery. Alleine hätte er es nicht mehr geschafft. Newton ist 93 Jahre alt, beim Aussteigen aus dem dunklen Land Rover braucht er Hilfe. Doch die Zumutungen des Alters können ihn nicht davon abhalten, herzukommen und zu erzählen. Ken Cowdery schraubt seine Kamera auf ein Stativ. Seine Erinnerungen sollen Cecil Newton überleben, es wird gefilmt. Er beginnt zu erzählen:

Das Wetter im November 1944 ist schlecht, und für die Sherman-Panzer ist das ein Problem: Ihre Ketten sind zu schmal und sinken im Matsch ein. Ganz anders die Panther der Wehrmacht, die mit ihren breiten Ketten auch bei schlechtem Gelände vorankommen. Doch Cecil sitzt nun mal in einem Sherman, und der bleibt nun tatsächlich vor Tripsrath stecken. Ein anderer Panzer soll ihn herausziehen. Cecil und der Fahrer steigen aus und wollen die Panzer verbinden, ein weiterer Kamerad sieht vom Geschützturm aus zu. Plötzlich schreit er auf: Ein Scharfschütze hat ihn am Hals erwischt. In Panik fragt er Cecil, ob an seinem Nacken eine Austrittswunde sei. Dann wärest du tot, sagt Cecil. Die Kugel hat den Soldaten nur gestreift. Cecil verbindet ihn. Sie bieten ein leichtes Ziel, doch aus irgendeinem Grund schießt der Scharfschütze kein weiteres Mal.

Vier Monate vor dem Angriff auf Tripsrath war Cecil Newton am Strand der Normandie gelandet. Mit einem amphibischen Panzer erreichte er noch vor der Infanterie das Festland, seine Aufgabe war es, die deutschen „Widerstandsnester“ zu zerstören. Dann ging es weiter in Richtung Nordosten.

Der Krieg endete für Cecil Newton in Tripsrath, als ein deutscher Soldat ihn mit einer Pistolenkugel niederstreckte. 72 Jahre später steckt sie noch immer in ihm. Sie ist ein Symbol für die Erinnerung an seine Freunde, die es nicht geschafft haben. Ihr Andenken ist es, dass Cecil Newton in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder aus seiner englischen Heimat aufs europäische Festland geführt hat. Und heute wieder nach Tripsrath. Er hat seinen Besuch niemanden gegenüber angekündigt, er möchte keinen Empfang. Nur die unverfälschte Erinnerung eines einfachen Soldaten, um die soll es gehen. Später an diesem Tag will er noch nach Brunssum, am nächsten Tag nach Lille. Auch dort war er bei der Befreiung dabei.

Cecil Newton steht jetzt in der Annastraße mitten im Dorf, er lehnt mit seinem Rücken an dem Haus mit der Nummer 50. „Hier haben sie mich reingezogen, als ich verwundet wurde“, sagt er, und schlägt mit der flachen Hand schwach gegen die Mauer. Vielleicht war es ein anderes Haus, jedenfalls stand es genau an diesem Fleck. Wenige Meter entfernt hatte Cecil Newton seinen Panzer verlassen müssen, „von da drüben“, sagt Newton und deutet auf das Haus mit der Nummer 61, „haben sie auf uns geschossen“.

Wenige Sekunden, bevor Cecil von seinem Panzer geschossen wird, muss er an ein Kaninchen denken. Sein Bein ist verwundet, und als er aus der Luke des Panzers klettert, zappelt es unkontrolliert hin und her, so wie der Körper eines Kaninchens, das an den Ohren festgehalten wird. Cecil schiebt den Gedanken weg. Nun steht er oben auf dem Panzer, und als er gerade springen will, schießt ihm ein Deutscher in den Rücken, Cecil fällt vom Panzer. Der Fahrer, Buster heißt er, zieht ihn in das Haus, das 72 Jahre später das Haus mit der Nummer 50 sein wird, dabei wird er selbst von einer Granate verwundet. Trotzdem befinden sie sich nun in relativer Sicherheit. Mit einem Stück Fallschirm, das Cecil als Schal getragen hat, verbindet er sein Bein.

Der alte Mann erzählt mit leiser Stimme. Von seinen Freunden und auch von den Feinden. Die deutschen Soldaten seien hervorragend ausgebildet gewesen, um ihre Ausrüstung habe er sie beneidet. „They had panzerfausts“, sagt Cecil Newton. Ein Flugzeug der Nato donnert den Himmel entlang. Der Lärm der neuen Welt, die er und seine Freunde erschaffen haben, übertönt für einen Moment die Erzählung vom Schrecken der alten.

Noch heute, nach all den Jahren, kann Cecil Newton die Namen derer aufzählen, die aus seinem Regiment verwundet wurden oder die es nicht geschafft haben. 11. Juni, Cristot: drei Verwundete. 14. Juni, Verrières: sieben Gefallene. 8. September, Oostham: zwei Gefallene, zwei Kriegsgefangene. Am 19. November in Tripsrath werden er und drei weitere verwundet. Einer fällt: James Fyles, 25 Jahre jung. Cecil Newton deutet auf ein weiteres Haus, dort starb er. „He cried for his mother“, sagt er – er schrie nach seiner Mutter.

Auch Cecil Newtons Bruder Frederic fiel. Nicht hier in Tripsrath, sondern in der Lüneburger Heide, am 9. April 1945. Er hatte gerade zwei Soldaten der Waffen-SS gestellt, doch sie trugen Pistolen an ihren Körpern versteckt. „They shot his head off“, sagt Cecil Newton – sie schossen ihm den Kopf weg. Frederic ruht auf einem englischen Soldatenfriedhof in Becklingen. In 71 Jahren ist Cecil Newton nie dort gewesen. Er brachte es nicht fertig.

Heute ist er 93 Jahre alt, und er sagt von sich, dass er ein erfülltes Leben hatte. Nach dem Krieg stieg er in die Baubranche ein und gründete sein eigenes Unternehmen, außerdem wurde er dreifacher Vater. Seine Frau ist erst vor einigen Jahren gestorben. Es war ihnen vergönnt, zusammen alt zu werden. Die junge Generation, warnt er, sei nicht vor dem Krieg geschützt. Das Opfer, das er und all die anderen brachten, könne das nicht dauerhaft verhindern. Das Verhalten Russlands bereitet Cecil Newton Sorgen, der bröckelnde Zusammenhalt in Europa auch. Der Brexit? Eine Dummheit!

Über dem Bett hängt ein hölzernes Kruzifix. Buster wischt das Blut auf, das immer aufs Neue aus Cecils Mund fließt. Der Verwundete erhält eine Morphium-Injektion. Immer wieder verlässt Buster das Haus, um zu sehen, ob es möglich ist, Cecil noch vor Einbruch der Dunkelheit in Sicherheit zu bringen. Cecil hat eine kleine deutsche Pistole. Er weiß, dass die Wehrmacht es nicht schätzt, wenn sie ihre Waffen bei Kriegsgefangenen finden, deshalb versteckt er sie unter dem Bett. Doch Cecil geht nicht in Kriegsgefangenschaft. Am Abend holt ein Transportfahrzeug ihn ab. Tripsrath ist da noch immer von den Deutschen umzingelt. Zu ihren Taktiken zählt, dem Feind zunächst Raum zu geben, und dann von den Seiten zuzuschlagen. Genau das ist in Tripsrath passiert. Cecil und seine Freunde sind in die Falle gegangen.

Cecil Newton sagt, dass er großes Glück gehabt habe, als der Deutsche ihn erwischte. Die Kugel sei zwei Inches von seinem Herzen entfernt steckengeblieben. Vor allem aber habe der Feind mit einer Walther geschossen, sagt er. Wäre es eine Luger gewesen, hätte er nicht überlebt, zwei Inches hin oder her. Es sind auch diese wahnsinnigen Konsequenzen aus winzigsten Zufällen, die ihn bis heute umtreiben. Dass zwei Zentimeter darüber entscheiden, ob das Leben sofort endet – oder noch mehr als sieben weitere Jahrzehnte dauern kann. Buster und der Zufall, sie haben ihn gerettet.

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